Unternehmerin in 30 Tagen. Was keine Migros-Klubschule anbietet, lernt die Schweizer Ausnahmeruderin derzeit nebenbei. Anstatt wohl behütet innerhalb der Strukturen des Schweizer Ruderverbandes nimmt sie die Saison als Boss eines Privatteams in Angriff.

Ihr bisheriger Trainer Robin Dowell wird zum Angestellten, wobei Gmelin den Begriff Chefin nicht gerne hört. Der Brite wird auf Mandatsbasis von ihr angestellt. Er werde wohl einige Abstriche zum bisherigen Lohn von Swiss Rowing machen müssen, denkt Gmelin.

Ungleich grösserer Aufwand

Für den Briten kam aber ohnehin nicht der finanzielle Anreiz an erster Stelle. «Er wollte vor der Zusage von mir eine konkrete Idee haben, wie ich es mir in Zukunft vorstellen kann», sagt sie.
Mehr als 100 000 Franken kostet die 28-Jährige ihr Alleingang.

Dazu kommt der ungleich grössere Aufwand. Auf welchem See trainiere ich? Wer kümmert sich um meine Rückenmuskulatur? Was esse ich zu Mittag? Und wer kocht überhaupt? Fragen, mit denen die Zürcherin bisher nicht konfrontiert war.

«Schwierig» sei es für sie, sich einzugestehen, dass die von ihr angestrebte Perfektion nun in vielen Punkten nicht möglich sei. «Ich muss lernen, geduldig zu sein und zu akzeptieren, dass ich Dinge nicht am Tag 1 und wohl auch nicht am Tag 5 lösen kann». Sie habe nun mal den Anspruch an sich selbst, es immer noch besser machen zu wollen. «Nur weiss ich bei meinem neuen Weg nicht, wie ich es überhaupt gut machen kann. Denn es gibt kein Geländer, an dem ich mich festhalten kann».

Eine neue Art von Druck

Belastend wirkt insbesondere die Tatsache, dass zur Sicherstellung des Budgets noch ein grösserer fünfstelliger Betrag fehlt. Selbst wenn ganz viele gute Geister ihr mit ehrenamtlichen Tätigkeiten beistehen, etwa ihre Mutter als Mädchen für alles oder Roland Achermann, der Präsident ihres Stammclubs Uster, als Initiant eines speziell ins Leben gerufenen Förderclubs für die letztjährige Gesamtweltcupsiegerin.

Jeannine Gmelin spürt, dass der Entscheid zum Alleingang letztlich nach Monaten der Ungewissheit eine Erleichterung gewesen sei und ihr «Stabilität und Sicherheit» gegeben habe. «Es war kein angenehmes Gefühl, wenn es viele offene Fragen gibt, man dafür aber keine Antworten hat.»

Sie gibt aber auch zu, dass sie als Unternehmerin eine neue Art von Druck spüre. Und dass sie mental viel Energie aufbringen muss für Dinge, die nichts mit ihr als Athletin zu tun haben. Etwa nach Jahren in einem fixen Schema herauszufinden, was für sie persönlich «eine gute Struktur» ist. Sie müsse enorm viel reflektieren und das benötige Zeit und Energie.

Spannend, aber anspruchsvoll bezeichnet Gmelin diesen Prozess. Sie musste lernen, strategisch zu denken. «Momentan bin ich schon noch etwas am Schwimmen», gibt sie zu.

Dem Kader aus dem Weg gehen

Und stets gilt es dabei, sich das Budget vor Augen zu halten. Welcher Entscheid hat welche Auswirkungen? Kann sie sich das bevorstehende vierwöchige Trainingslager in Spanien überhaupt leisten?

Weil sie und ihr Trainer den bisherigen Kaderstrukturen und damit allfälligen Konfliktsituationen aus dem Weg gehen wollen und Gmelin deshalb ganz darauf verzichtet, am Stützpunkt auf dem Sarnersee zu trainieren, bleibt nur das Ausland. «Gerade in den Sommermonaten hat es auf den infrage kommenden Schweizer Seen zu viele Boote, um gezielt zu trainieren», sagt Gmelin.

Harmonisches Verhältnis mit Verband

Als Alternative dient meistens einer von mehreren Seen in Norditalien oder als nächstes ein Gewässer im Westen Spaniens. Aber da fängt das Rechnen bereits an. «Ein Trip nach Spanien lohnt sich nur, wenn er länger als ein, zwei Wochen dauert», sagt Gmelin.

Dass sie künftig ohne Teamkolleginnen unterwegs ist, damit kann die Ustemerin leben. «So bin ich als Ruderin gross geworden. Ich war immer das einzige Mädchen», sagt sie. Mit dem Verband sucht sie ein harmonisches Verhältnis. Was geschehen ist, will sie hinter sich lassen. «Ich bin überzeugt, dass ich von Dingen, die ich durchgemacht habe, profitieren werde. Ich weiss nur noch nicht, bei welcher Gelegenheit ich das umsetzen kann.»