Ski-WM St. Moritz
Die grosse Bühne der Aussenseiter: Die Topfavoriten werden ihrer Rolle nicht gerecht

Wie kommt es, dass an einer WM die Topfavoriten regelmässig straucheln und von Aussenseitern übertölpelt werden?

Sebastian Wendel
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Nicht die WM der Topfavoriten. Lara Gut gewann im Super-G "nur" Bronze und stürzte im Warm-Up für den Slalom.

Nicht die WM der Topfavoriten. Lara Gut gewann im Super-G "nur" Bronze und stürzte im Warm-Up für den Slalom.

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Vielleicht hat Beat Feuz auch in den Geschichtsbüchern geblättert. Und sagt deshalb: «Vincent Kriechmayr ist mein Goldfavorit.»
Kriechmayr, der noch nie eine Weltcup-Abfahrt gewonnen hat, heute zuoberst auf dem Podest? Das würde passen. In den vergangenen 30 Jahren holten immer wieder Athleten die Goldmedaille in der Königsdisziplin, die statistisch gesehen nicht zu den Favoriten gehörten.

Für den krassesten Aussenseiter-Triumph sorgte ein Schweizer: Urs Lehmann wurde 1993 Weltmeister, obwohl der Aargauer davor und danach nie mehr auf einem Abfahrtspodest stand und die damalige Saison als 23. der Disziplinenwertung beendete. Oder John Kucera 2009: Der Kanadier gewann wie Lehmann während der ganzen Karriere keine Weltcup-Abfahrt – doch in Val d’Isère wurde er Weltmeister.

Weitere Überraschungssieger sind Hansjörg Tauscher 1989 (null Weltcupsiege in der Abfahrt), Erik Guay 2011 (ohne Abfahrtsieg in jener Saison) und 2015 Patrick Küng: Den Glarner hatte in Beaver Creek niemand auf der Rechnung – kein Wunder, schliesslich gewann Küng davor nur ein Abfahrtsrennen und seither nie mehr.

«Einen Spitzenfahrer zeichnet auch aus, wie er seine Termine vor dem Rennen regelt.» Jörg Wetzel, Sportpsychologe

«Einen Spitzenfahrer zeichnet auch aus, wie er seine Termine vor dem Rennen regelt.» Jörg Wetzel, Sportpsychologe

Woran liegt das? Warum haben ausgerechnet in der Abfahrt die Topfavoriten oft Mühe, ihren Status in Gold umzumünzen? Sportpsychologe Jörg Wetzel sagt: «Man kann das Glas auch als halb voll betrachten: In der Hälfte der WM-Abfahrten hat sich einer der sogenannten Favoriten durchgesetzt.» Weiter sagt er: «Der Begriff ‹Topfavorit› ist schwammig – der Kreis der Podestkandidaten ist bei Abfahrten besonders gross.»

Als dritten Grundsatz schickt Wetzel, der 2014 in Sotschi die Schweizer Olympioniken betreute, voraus: «Im Skisport entscheiden Nuancen. Für Gold muss alles aufgehen – und das ist bei keinem Fahrer selbstverständlich.» Viertens: «Ein Grossanlass hat seine eigenen Gesetze. Es sind mehr Emotionen im Spiel, der Druck ist höher.»

Liegt es also an den Begleiterscheinungen einer WM, wenn Favoriten von Aussenseitern übertölpelt werden? Um die Topfahrer, das ist in diesen Tagen am Beispiel Feuz zu beobachten, ist der Rummel gigantisch. Medien, Sponsoren, Fans – alle haben Ansprüche. Umso mehr, wenn der Athlet ein Heimspiel hat. Das wegzustecken, kostet Energie. Wetzel: «Man ist abgelenkter als im Weltcup-Alltag und braucht Zeit, um wieder fokussiert zu sein.»

Hingegen können sich die Fahrer im Schatten der Favoriten wie immer auf das Rennen vorbereiten – was die entscheidenden Prozente Lockerheit und Konzentration ausmachen kann.
Wetzel betrachtet den Rummel nicht zwingend als Nachteil, so wüssten ihn einige Athleten auch positiv für sich zu nutzen. «Einen Spitzenfahrer zeichnet aus, wie er seine Termine vor dem Rennen regelt: Welche nimmt er wahr? Welche sagt er ab, um nicht zu stark abgelenkt zu sein?»

Beat Feuz konnte als Topfavorit noch nicht überzeugen.

Beat Feuz konnte als Topfavorit noch nicht überzeugen.

Keystone

Beat Feuz, der Schlaue, nimmt mit dem Verweis auf Kriechmayr Druck von seinen Schultern. Die Frage ist nur: Wie schaut es in ihm drinnen aus? Die Antwort gibt er heute.

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