Sport

Die eigenen Erwartungen verdrängen

Die WM-Bronzemedaille kann auch eine Last sein: Killian Peier.

Die WM-Bronzemedaille kann auch eine Last sein: Killian Peier.

Killian Peier und Simon Ammann suchen vor dem Heimspringen in Engelberg die richtige Mischung aus Anspannung und Lockerheit.

Killian Peier

Der WM-Dritte von Seefeld ist in der noch jungen Saison nun auch zum Podestspringer im Weltcup aufgestiegen. Damit hat er ein wichtiges persönliches Ziel erreicht. Neben dem zweiten Platz vor zwei Wochen in Russland steht beim 24-Jährigen aber auch viel Mittelmass in der Resultatstatistik. Nicht immer waren ungünstige Windverhältnisse dafür verantwortlich. Killian Peier gibt zu, dass er mental auch damit zu kämpfen hatte, Erwartungen zu erfüllen. Das Gefühl, den Leuten zeigen zu müssen, dass er ein würdiger Träger der WM-Bronzemedaille ist, konnte er noch nicht konsequent abstreifen. Es führte bereits während des Sommer-GP zu einer Verkrampfung und kehrte nun im Winter temporär zurück. «Das in den Griff zu kriegen, dauert länger als erwartet», sagt Peier selbstkritisch.

Besonders anspruchsvoll ist diese Aufgabe für den ehrgeizigen Westschweizer, wenn er tatsächlich unter Beobachtung steht. «In Russland hatte es keine Leute an der Schanze, aber hier in Engelberg erwarten die Leute etwas von mir», sagt Peier. Für ihn sei der Heimvorteil deshalb mehr als relativ. Zu dieser Aussage passen die bisherigen Weltcupauftritte von Killian Peier im Klosterdorf. Bei neun Springen verpasste er siebenmal den Final. Ein magerer 21. Platz muss als Bestresultat herhalten.

Dank Technik und Physis zum guten Gefühl

Peier sucht für die beiden Springen ganz bewusst die Lockerheit. Für ein gutes Gefühl nimmt er neben dem Exploit in Nischni Tagil auch seine tadellose Physis sowie die Tatsache, dass die Technik einwandfrei funktioniert, zu Hilfe. Und er will anstatt auf den Druck auf die Vorfreude fokussieren: «Diese ist riesig. Ich will unbedingt Vollgas geben», sagt der neue Schweizer Teamleader.

Wie Simon Ammann bedauert auch Peier, dass das Schweizer Skisprungteam an der Spitze nach wie vor sehr schmal aufgestellt ist. Daher fehle im Training das gegenseitige Pushen. Weil Peiers Vorbild Simon Ammann nach eigenem Programm trainiert, sei auch dieser direkte Vergleich selten und schwierig.

In Killian Peiers Aussagen, dass er locker bleiben wolle, um gegen die Erwartungen anzukämpfen, schwingt der Einfluss von Mentaltrainer Othmar Buholzer mit. Der Luzerner spielt beim Aufstieg Peiers vom zerbrechlichen Talent zum Podestspringer eine wichtige Rolle. Auch Buholzer war überrascht, überwunden geglaubte Verhaltensmuster beim Athleten wieder thematisieren zu müssen.

Dass sich der Zehnte der Vierschanzentournee für Engelberg kein Rangziel vornimmt, hat hingegen nichts mit Druck zu tun. «Das mache ich nie. Dafür haben im Skispringen viel zu viele Faktoren einen Einfluss. Und nicht alle kann ich beeinflussen», sagt Peier.

Mit 38 Jahren schwinden die Kräfte: Simon Ammann.

Mit 38 Jahren schwinden die Kräfte: Simon Ammann.

Simon Ammann

Wird das Wochenende zur Abschiedsvorstellung des Schweizer Skisprunghelden in Engelberg? Wir wissen es nicht. Er weiss es nicht. Zuletzt schöpfte der 38-jährige Doppel-Doppelolympiasieger immer wieder aus Details Motivation für eine Verlängerung seiner imposanten Karriere, die uns verborgen bleiben. Ein wirklicher Grund aufzuhören wäre für ihn das Gefühl, dass sich die Dinge wiederholen. Schön, wenn man das in seiner 23. Weltcupsaison so sagen kann.

Motiviert ist Simon Ammann auch vor dem Heimauftritt in Engelberg. Nicht nur der Erinnerungen und der besonderen Bedeutung des Wettkampfs wegen. Nicht nur, weil er 2001 vor Salt Lake City hier Schanzenrekord sprang. Nicht nur, weil er auf der Titlisschanze 2009 gleich zwei Springen gewann und insgesamt achtmal auf dem Podest stand. Nicht nur, weil er den jüngsten Umbau der Schanze für sehr gelungen hält und die Charakteristik der Anlage mag. Sondern vor allem, weil er optimistisch ist im Hinblick auf seine derzeitigen Möglichkeiten. «Ich würde gerne wieder einmal die Faust im Auslauf ballen», sagt Ammann.

Ammann traut sich Sprünge in die Top 10 zu

Was es dazu braucht? «Weniger als auch schon», sagt der zweifache Vater lachend, «ich war zuletzt schon zufrieden, wenn ich im Wettkampf deutlich besser sprang als im Training.» Dennoch entsprechen Plätze zwischen 20 und 30, wie sie für ihn zuletzt Standard waren, nicht seinen eigenen Ansprüchen. Er ist zuversichtlich, bald den Knopf aufzutun. Dafür müsse er die zu grosse Nervosität abbauen. Wenn das gelinge, dann seien Rangierungen in den Top 10 durchaus realistisch. «Das traue ich mir absolut zu», sagt Simon Ammann.

Er habe sein Set-up erst direkt vor der Saison gefunden, sagt der 23-fache Weltcupsieger. Und die bisherigen Springen mit eher rundem Anlauf hätten die jungen, explosiven Athleten bevorzugt. Ammann weiss, dass er punkto Schnellkraft mit 38 Jahren nicht mehr mithalten kann. Seine Stärke ist die Technik und sein Set-up sei auf Rückenwindverhältnisse, wie sie in Engelberg oft herrschen, ausgerichtet.

Dass er die langjährige Lufthoheit im Schweizer Skisprungteam inzwischen an Killian Peier verloren hat, stört den Toggenburger nicht. Amman sagt, er möge seinem Teamkollegen den Erfolg gönnen. «Und seine Leistungen sind durchaus auch eine Inspiration für das Team.» Wenn es Simon Ammann in Engelberg noch einmal allen zeigen will, dann muss die Qualität in jedem Detail stimmen. Dessen ist er sich bewusst. Selbst die Behandlung beim Physiotherapeuten müsse passen. Dort auf dem Schragen liegt er nämlich deutlich häufiger als früher. Das Alter geht selbst an Simon Ammann nicht spurlos vorbei.

Meistgesehen

Artboard 1