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Der neue, tapfere, böse Tom Lüthi: Trotz der verlorenen WM-Führung lässt Lüthi hoffen

Tom Lüthi verlor beim GP Deutschland wegen seines fünften Ranges die WM-Führung.

Tom Lüthi verlor beim GP Deutschland wegen seines fünften Ranges die WM-Führung.

Tom Lüthi landet am GP Deutschland nur auf dem fünften Rang. Somit verliert er die WM-Führung an den Spanier Alex Marquez und wird zugleich auch noch für seine aggressive Fahrweise bestraft. Ein Skandal? Ist er Opfer der «spanischen Mafia»? So einfach ist die ganze Sache nicht.

Zorn und Frustration in der Entourage von Tom Lüthi sind beachtlich. Sein Manager Daniel M. Epp macht auf Sarkasmus: «Ich sage nur: ‹Viva Espana!›». Einerseits ist da der Verlust der WM-Führung. Aus sechs Punkten Vorsprung auf Alex Marquez sind acht Punkte Rückstand auf den Spanier geworden.

Für Emotionen sorgt eine Szene: Auf dem Durchmarsch nach vorne sticht Tom Lüthi, 32, in die Lücke, die Xavi Vierge, 22, offen lässt. Als der Spanier die Lücke wieder schliessen will, kommt es zur Kollision. Er stürzt. Tom Lüthi fährt weiter. Dafür wird der Schweizer mit einer sogenannten «Long Lap» bestraft.

Er muss bei einer dafür markierten Stelle an der Rennstrecke aussen herum fahren, verliert dadurch einen Platz und beendet schliesslich das Rennen auf Rang fünf statt vier. Eine spanische Vermarktungs-Firma («Dorna») besitzt sämtliche Rechte am GP-Zirkus. Ein Schweizer, der mit einem Spanier (Marquez) um den WM-Titel ringt, bringt einen Spanier (Vierge) zu Fall und wird dafür bestraft. Tom Lüthi allein gegen die «spanische Mafia».

Kein Grund zur Aufregung

Doch so schön diese Polemik wäre – so einfach liegen die Dinge nicht. Richtig ist: Tom Lüthi hat sich nichts zuschulden kommen lassen. Die fragliche Szene war eine klassische Situation. Passiert in jedem Rennen mehrmals. Kein Grund zur Aufregung. Und schon gar keiner für eine Strafe. «Ich habe mich bei Vierge nach dem Rennen entschuldigt», sagt Tom Lüthi.

«Aber die Entschuldigung ist kein Eingeständnis einer Schuld.» Warum dann doch die Strafe? Der «Videorichter» (Kommissar), der dem dreiköpfigen Gremium vorsteht, das die Strafen gegen die Piloten verhängt, ist kein Spanier. Seit dieser Saison sitzt der Amerikaner Freddie Spencer in dieser Schlüsselposition.

Der mehrfache Weltmeister vertritt eine klare, neue Generallinie. Kommt es nach einer «Feindberührung» zum Sturz, dann wird der Pilot, der im Sattel bleibt, in der Regel bestraft. Tom Lüthi ist also kein Opfer der «spanischen Mafia», sondern der neuen, strengeren Richtlinien, die im Sinne der Sicherheit kreiert worden sind.

Vorfreude auf den bissigsten Tom Lüthi aller Zeiten

Den Verlust der WM-Führung hat sich Tom Lüthi letztlich dem missglückten Qualifying zuzuschreiben (zwölfter Rang/ vierte Startreihe). Der missratene Samstagnachmittag hat Tom Lüthi überhaupt erst in die kritische Situation mit Xavi Vierge gebracht. «Das kann man so sagen», räumt Tom Lüthi ein.

So berechtigt die Frustration über den Flop im Qualifying und den Verlust der WM-Führung auch sein mag – die Hoffnung auf den WM-Titel lebt weiter. Seit Anbeginn der Zeiten halten die Kritiker Tom Lüthi vor, er fahre zu wenig angriffig. Populistisch gesagt: er sei zu weich, zu wenig «böse».

Die Art und Weise, wie er nun nicht gewillt war, rundenlang hinter Xavi Vierge herzufahren und die erste Gelegenheit zum wagemutigen, aber fairen Angriff genutzt hat, ist ein sehr gutes Zeichen für den weiteren Verlauf der Saison. Es war fast so, wie wenn Damien Brunner im Hockey einen fürchterlichen Bodycheck ausgeteilt hätte. Wir dürfen uns nach der Pause (nächster GP am 4. August in Brünn) für die zweite Saisonhälfte auf den besten, weil bissigsten Tom Lüthi aller Zeiten freuen.

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