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Der Leidensweg der Leichtathletin Fabienne Schlumpf

Fabienne Schlumpf, als sie noch lief - zu EM-Silber in Berlin. (Bild:Walter Bieri/Keystone; Berlin, 12. August 2018)

Fabienne Schlumpf, als sie noch lief - zu EM-Silber in Berlin. (Bild:Walter Bieri/Keystone; Berlin, 12. August 2018)

2018 war für die Zürcher Vizeeuropameisterin ein Jahr zum Feiern, 2019 ein Jahr zum Vergessen. Seit neun Monaten kann sie wegen Verletzungen keine Wettkämpfe bestreiten. Überstanden ist die frustrierende Situation auch an Weihnachten noch nicht.

2018 war für die Zürcher Leichtathletin ein Jahr zum Feiern, 2019 ein Jahr zum Vergessen. Seit neun Monaten kann sie keine Wettkämpfe bestreiten.

Die Aufmerksamkeit im Sport dreht sich um Sieger. Verlierer haben zumindest die Möglichkeit, es nächstes Mal besser zu machen. Aber was ist mit jenen Athletinnen und Athleten, die ihrer Leidenschaft gar nicht nachgehen können, die aus dem Scheinwerferlicht verschwinden? Wir wollen den Fokus zu Weihnachten für einmal auf sie richten.

Fabienne Schlumpf kennt das Gefühl, eine Schweizer Sportheldin zu sein. An den Europameisterschaften 2018 in Berlin gewinnt die Zürcher Oberländerin Silber über 3000 m Steeple. Die Bestätigung, nun zur Oberklasse der europäischen Leichtathletik zu gehören, folgt Monate später mit dem zweiten Platz an der Cross-EM. Aber seither?

Der letzte Wettkampf der 29-Jährigen liegt genau neun Monate zurück. Auch an den Schweizer Meisterschaften über 10 km auf der Strasse in Uster ist Schlumpf die Schnellste. Doch seither ist bei ihr der Wurm drin. Als Andenken an den versuchten Rekordlauf in Uster nimmt sie zwei Blasen an den Füssen mit. Eine davon entzündet sich und verhindert zwei Wochen später ihr Marathon-Debüt in Rotterdam.

Seit Mai löst eine Verletzung die andere ab

Pech gehabt. Einmal kurz schütteln und weiter. Aber leider nicht für lange. Wie aus dem Nichts verspürt sie Anfang Mai beim Laufen Schmerzen. «Ich habe gemerkt, dass etwas nicht gut ist», sagt die 183 cm grosse Athletin. Ein MRI bringt die Gewissheit: Stressreaktion mit einem Knochenmarködem im Knie. 4 bis 6 Wochen Pause.

Noch nimmt Fabienne Schlumpf das Verdikt mit einer gewissen Gelassenheit. Die Weltmeisterschaften in Doha sind wegen der Hitze so spät wie noch nie. Nach der Genesung bleibt genügend Zeit für den Formaufbau. Doch die Genesung hält nicht lange an. Kaum trainiert die Athletin auf dem Laufband, meldet sich die linke Hüfte mit einer Entzündung. Wieder braucht es zwei Wochen Ruhe. «Diese zwei Wochen haben sich schon sehr viel länger angefühlt», gibt Schlumpf zu.

Nun geht es nach St. Moritz ins Trainingslager, um sich für die WM in Form zu bringen. Doch auch das Engadin meint es für einmal nicht gut mit ihr. Der Fuss schmerzt. Sie muss das Training abbrechen. Die zwei Tage Warten bis zum MRI kommen ihr unendlich lange vor. Das Resultat ist niederschmetternd. Stressfraktur im linken Fuss. WM ade, stattdessen Ferien im hohen Norden.

Sachte darf sie dort wieder einige lockere Dauerläufe machen. Aber erneut wird der eigene Körper zum Gegner. Nun beginnt die rechte Hüfte zu schmerzen. Das tut sie bis heute. Und diesmal ist selbst das MRI-Gerät überfragt. Man kann daraus keine präzise Diagnose stellen. Schonen, warten, hoffen lautet das Rezept. Ein Rezept, das enorm viel Geduld verlangt. «Es zieht sich hin», sagt die Zürcherin lapidar. Zum Nichtstun verurteilt ist die 29-Jährige allerdings nicht. «Verletzt zu sein, braucht so viel Zeit», weiss Schlumpf. Neben den angepassten Trainings im Wasser oder auf dem Velo kommen Termine beim Arzt, dem Physiotherapeuten und dem Osteopathen. «Langweilig war es mir in den letzten neun Monaten nie», sagt sie.

Fabienne Schlumpf hat das Glück, schon immer ein fröhlicher und positiv denkender Mensch zu sein. Anders würde es wohl nicht gehen. Auch jetzt betont sie, dass es schon viel besser ist und sie am 27. Dezember mit anderen Athleten nach Portugal ins Trainingslager fahren wird. Sie freue sich auf lockere Dauerläufe und den Duft der Pinienwälder. Bis zu den Olympischen Spielen im Juli in Tokio verbleibe genügend Zeit. Sie glaube daran, es zu schaffen. Konkrete Ziele zu setzen, hat sie allerdings aufgehört. Bis auf eines: endlich beschwerdefrei sein.

So viel alternativ trainiert hat Fabienne Schlumpf in ihrem Leben noch nie. Verletzungen gehörten bis zu diesem Jahr nicht zu ihren treuen Begleitern. Doch nun, nach dem x-ten Schwimmtraining und unzähligen Kilometern auf dem Rad, hört sie die Sprüche ihrer Kollegen, sie könne beim Comeback gleich im Triathlon starten. Natürlich fragt sie sich, wieso dies passiert ist. «Es ist schwierig, einen Grund zu finden», sagt Schlumpf. Deshalb kann sie nur begrenzt auf die Verletzungsserie reagieren. Das macht es erst recht zur Kopfsache. «Mental ist die Situation sehr streng.»

Es habe in den letzten Monaten durchaus schwarze Tage gegeben, vor allem jeweils nach einer neuen Diagnose. Dann sei sie traurig, wütend, enttäuscht – und wohl auch für ihre Mitmenschen nicht leicht auszuhalten. «Diese Tage gibt es immer noch», sagt Schlumpf, «und es ist gut, habe ich im Mai noch nicht gewusst, dass es sich bis Weihnachten hinzieht». Und die Frage: Wird es je wieder gut? In solchen Momenten hilft ihr ein Spruch ihres Vaters, den sie sich zum Motto macht: Es ist immer alles für etwas gut. Sie wisse zwar heute noch nicht wofür, aber die Zukunft werde es zeigen.

Bis dahin hält sich Fabienne Schlumpf nun eben mit neuen Bestzeiten im Schwimmen bei Trainingslaune. Und sie freut sich über jeden kleinen Fortschritt. Zehnmal eine Minute rennen erscheinen ihr wie ein kleines Paradies. Und die Sehnsucht motiviert sie. Die Vorfreude auf ihre Trainingsrunde durch den Wald. Endlich wieder im Flow sein. Fabienne Schlumpf weiss, dieser Tag wird kommen.

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