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Der Grosse Preis von Doha: Tom Lüthi als König von Katar

Im Fokus der Kameras: Tom Lüthi ist die interessanteste Figur beim Saisonauftakt in Doha.

Im Fokus der Kameras: Tom Lüthi ist die interessanteste Figur beim Saisonauftakt in Doha.

Der Emmentaler spielt vor dem ersten GP der Saison die Rolle, die sonst Titanen wie Valentino Rossi vorbehalten ist.

Der König ist nicht da. Medienkonferenz vor dem ersten GP der Saison in Doha (Katar). Vorne auf dem Podium sitzen die Herausforderer des Königs. Die Spanier Jorge Navarro (24) und Jorge Martin (22) sowie der Australier Remy Gardner (22). Aber eigentlich interessieren sich alle Chronistinnen und Chronisten, die die Reise nach Doha doch gemacht haben, für einen anderen. Für den König.

Der Star, um den sich alles dreht, heisst Tom Lüthi (33). Er war während des ganzen Tages im Fahrerlager der gefragteste Mann für Interviews, Fotos und TV-Aufnahmen. Ein bisschen spielt der Emmentaler jetzt die Rolle, die sonst Superstars und Moto-GP-Titanen wie Valentino Rossi oder Marc Marquez vorbehalten ist. Aber diese Stars der «Königsklasse» Moto-GP fahren hier nicht (siehe Zweitstoff).

Zum ersten Mal der grösste Name im Fahrerlager

Zum ersten Mal in der Geschichte ist das Moto-2-Rennen das wichtigste Ereignis eines GP-Wochenendes. Und zum ersten Mal in seiner Karriere ist Tom Lüthi der älteste, erfahrenste Pilot, der grösste Name im Fahrerlager überhaupt. Als er 2002 auf dem Sachsenring sein erstes Rennen auf diesem Level fuhr, waren seine Herausforderer, die jetzt da vorne sitzen, vier und sechs Jahre alt. Tom Lüthi hat mehr Podestplätze (65) herausgefahren und Rennen gewonnen (17) als die drei jungen Herausforderer zusammengerechnet (10 Siege/40 Podestplätze).

Der Grund, warum er nicht auch da vorne sitzt: Zur Medienkonferenz am Donnerstag vor dem GP-Wochenende sind die drei schnellsten der allerletzten offiziellen Tests vom letzten Wochenende hier in Katar aufgeboten worden. So will es das Protokoll. Und das sind nun mal Jorge Navarro, Jorge Martin und Remy Gardner. Tom Lüthi war über einen 13. Platz nicht hinausgekommen und sogar sein deutscher Teamkollege Marcel Schrötter (5.) war schneller.

Aber es hat schon einen Grund, warum Tom Lüthi trotzdem als Titelfavorit gehandelt wird. Die zweitletzten Tests, zwei Wochen vorher im andalusischen Jerez, hatte er dominiert. Da war er allen davongefahren und hatte seine Konkurrenten ratlos zurückgelassen. Die zwei Piloten, die ihm letzte Saison im Titelkampf noch vor der Sonne standen – Alex Marquez und Brad Binder – sind in die Königsklasse Moto-GP aufgestiegen. Also ist Tom Lüthi, der den Rest des Feldes so eindrücklich dominiert hat, zum ersten Mal in seiner Karriere in den meisten Saisonvorschauen der grosse Favorit auf den weit wichtigsten WM-Titel.

Ist Lüthi nun der grosse Favorit oder doch nicht?

Aber was zählt jetzt? Die grandiose Dominanz von Jerez oder die enttäuschenden Hinterherfahrten von Katar? Ist er nun der grosse Favorit oder ist er es doch nicht? Tom Lüthi hat sich nicht verunsichern lassen. Er lässt die Dämonen des Zweifels nicht an sich heran. Sein Selbstvertrauen hat ob den missglückten, zweitletzten Tests nicht einmal einen Kratzer bekommen. Das ist wichtig. Wer zweifelt, verkrampft sich und kann nicht mehr schnell fahren. Noch immer gilt, was einst der grosse Eddie Lawson gesagt hat: «Schnell ist nur, wer so locker ist, dass er den Lenker mit zwei Fingern halten kann.»

Es gibt eine einfache Erklärung für den Rückschlag: Grip. Also die Haftung der Reifen. Der Bodenkontakt der Höllenmaschinen beschränkt sich beim Vorder- und Hinterrad auf die Fläche einer Kinderhand. Alle haben die gleichen Reifen. Aber nicht alle schaffen gleich schnell die Anpassung an die Verhältnisse. Ein anderer Belag, höhere oder tiefere Temperaturen erfordern neue Einstellungen und alles, was gut war, funktioniert nicht mehr. Diese Anpassung ist Tom Lüthi noch nicht gelungen: «Ich hatte hier viel mehr zu kämpfen als zuvor in Jerez.» So einfach ist das also. Und doch so schwierig. Nun bleiben ihm die zwei Trainingstage heute und morgen Samstag, um den Grip doch noch zu finden. Seine immense Erfahrung wird ihm dabei helfen.

Dass er trotz allem die Bürde der Favoritenrolle zu tragen hat, stört ihn nicht. Ganz im Gegenteil. Diese Favoritenrolle wird ihm ja nicht nur wegen der Testzeiten in Jerez zugesprochen. Mehr noch wegen seiner Erfahrung, seiner unbestreitbaren Klasse und seiner Erfolge. Es ist sozusagen die Anerkennung für eine grosse Karriere. Und so sagt er: «Dann habe ich ja rückblickend vieles richtig gemacht. Oder?» Und ungeachtet des Rückschlages bei diesen allerletzten Tests bleibt er dabei: Er fühle sich so gut wie noch nie. Er ist fit, motiviert und er strahlt jenes Selbstvertrauen aus, das für grosse Taten unerlässlich ist.

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