WM-Kolumne

Der Barkeeper kennt alle deine Geheimnisse

In St. Moritz hat ein slowenischer Barkeeper seine zweite Heimat gefunden.

In St. Moritz hat ein slowenischer Barkeeper seine zweite Heimat gefunden.

Seit 1989 ist er in St. Moritz. Seither hat er viel erlebt. Er hört zu, wenn die Menschen erzählen wollen, und schweigt, wenn sie nur dasitzen. Jetzt ist slowenischer Barkeeper pensioniert worden. Aber ans Aufhören denkt er noch lange nicht.

Der Barkeeper bekommt alles mit. Er sieht Menschen, die sich an seiner Bar verlieben, und Menschen, die sich vor seinen Augen trennen. Er erlebt Manager, die Millionendeals betrinken, und Chefs, die den Frust runterspülen. Er hört zu, wenn die Menschen erzählen wollen, und schweigt, wenn sie nur dasitzen. Seit 1989 ist er in St. Moritz. Mit dem Auto ist er aus Slowenien gekommen. Und hängen geblieben. Oder besser gesagt: Immer wiedergekommen.

In St. Moritz hat er schon in unzähligen Bars und Hotels gearbeitet. Immer als Saisonnier. Die Steuern wurden ihm vom Lohn abgezogen. Doch plötzlich hat er einen Brief bekommen, mit der Bitte, die Steuererklärung einzureichen. Verwirrt hat er sich an die Gemeinde gewandet. Und die Antwort bekommen: Er habe das Rentenalter erreicht und müsse diese Einkünfte per Steuererklärung deklarieren. Plötzlich Rentner!

Wer so viel erlebt wie er, bekommt das Altern nicht mit. Er hat Giovanni Testa gekannt, der die erste Skischule in der Schweiz eröffnete – in St. Moritz. Er hat erlebt, wie ein Hotelbesitzer an der Ski-WM 2003 den Schweizer Athletinnen und Athleten eine Flasche Champagner für 24 000 Franken offerierte. Und er schmunzelt über jüngere Kollegen, die Gäste einfach rauswerfen, statt zu warten, bis der letzte Gast ins Bett geht.

Als Rentner fühlt er sich nicht. Er müsse ja nicht arbeiten, er dürfe. Und er will es weiter tun. Zwei Ski-WMs hat er in St. Moritz nun schon erlebt. Warum nicht irgendwann eine dritte? Was in den Rennen passiert ist, weiss er genau. Er freute sich mit der Slowenin Ilka Stuhec und leidet mit den Schweizern, wenn es wie gestern nicht gut läuft. Und er tröstet in vier Sprachen: Deutsch, Slowenisch, Italienisch und Englisch. Nahe an der Grenze zu Italien geboren, ist er doppelsprachig aufgewachsen. Deutsch und Englisch hat er sich in der Schule ausdauernd beigebracht.

Nur Russisch habe er leider nie gelernt. In St. Moritz, wo der Geldadel aus dem Osten gerne Ferien macht, wäre das von Vorteil. Die WM sei ja die Ausnahme, erzählt er. Schon am Sonntag komme es im ganzen Ort zum kompletten Gästewechsel. Dann serviere er vor allem Damen im Pelzmantel die Drinks statt Skifans ein Bier. Lächeln tut er bei allen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1