Bundesliga
Überraschungsteams Wolfsburg und Frankfurt träumen von der Königsklasse – dank österreichischen Trainern

Der VfL Wolfsburg und Eintracht Frankfurt greifen nach den Champions-League-Sternen. Die Architekten des Erfolgs sind Oliver Glasner und Adi Hütter.

Raphael Gutzwiller und Markus Brütsch
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Wolfsburg Maximilian Philipp gegen Frankfurts Stefan Ilsanker (rechts) und Sebastian Rode (links).

Wolfsburg Maximilian Philipp gegen Frankfurts Stefan Ilsanker (rechts) und Sebastian Rode (links).

Swen Pf'rtner / DPA

Der letzte Mittwoch gibt allen Bundesliga-Stürmern Hoffnung: Koen Casteels kann doch noch bezwungen werden. Über elf Stunden lang blieb der Torhüter von Wolfsburg ohne Gegentor, ehe er bei der 0:2-Niederlage im DFB-Pokal-Viertelfinal gegen Leipzig erstmals wieder hinter sich greifen musste.

In der Liga hat er zuletzt am 16. Januar ein Tor kassiert – gegen Leipzig. Casteels steht mit seiner unglaublichen Bilanz sinnbildlich für den Höhenflug.

Hext derzeit im Wolfsburg Tor: Koen Casteels.

Hext derzeit im Wolfsburg Tor: Koen Casteels.

Stuart Franklin / EPA

Fast unbemerkt macht das Team Schritt für Schritt in Richtung Königsklasse. Den VfL Wolfsburg umgibt nicht mehr die Spielfreude zu Zeiten der Meistermannschaft von 2009 oder als man mit dem überragenden Spielmacher Kevin de Bruyne 2015 das zweitbeste Team der Liga stellte. Doch Wolfsburg im Jahr 2021 brilliert durch eine kluge Spielweise und eine stabile Defensive. Nur Leipzig kassiert weniger Gegentreffer.

Architekt des Erfolgs ist Oliver Glasner. Dabei soll der österreichische Trainer, der im Sommer 2019 von Linz nach Wolfsburg gewechselt ist, laut Medien im letzten November schon kurz vor dem Aus gestanden haben. Er hatte sich öffentlich über einen fehlenden Neuzugang für die Offensive beschwert.

Wolfsburg-Trainer Oliver Glasner.

Wolfsburg-Trainer Oliver Glasner.

Friedemann Vogel / EPA

Ein Team mit dem Charakter des Trainers

Stattdessen setzte Glasner mit seiner Equipe zur Erfolgsserie an. Inzwischen steht Wolfsburg sechs Punkte vor einem Nicht-Champions-League-Platz.

Es heisst, dass Hunde ähnliche Charakterzüge wie ihre Besitzer haben. Genau so verhält es sich auch bei Glasner und seinem Team.

Er ist ein unscheinbarer, ruhiger Typ. Pflichtbewusst und ohne Verrücktheiten. Genau so agiert seine Mannschaft auf dem Platz. Ruhig, abgeklärt, die Automatismen stimmen, die Laufarbeit ist gross. Kein anderes Bundesligateam sprintet so viel wie Wolfsburg.

Das Rezept der starken Defensive ist jedoch nicht einer tief stehenden Verteidigung geschuldet. Bei Wolfsburg findet die erste Pressing-Aktion bereits nach einem Ballverlust statt, auch mal am gegnerischen Strafraum. Dadurch wird ein schneller Ballgewinn möglich, falls nicht, ermöglicht es in der Zwischenzeit der Abwehrreihe sich zu positionieren. Dadurch ist Wolfsburg wenig anfällig auf Kontersituationen des Gegners.

Hat Anteil am Wolfsburger Höhenflug: Renato Steffen (2. von links).

Hat Anteil am Wolfsburger Höhenflug: Renato Steffen (2. von links).

John Macdougall / AFP

Auch Schweizer haben Anteil am Höhenflug der Wolfsburger. Renato Steffen brilliert auf dem Flügel oft durch geniale Aktionen und Kevin Mbabu hat sich nach Anfangsschwierigkeiten in der Bundesliga mehr als etabliert. Admir Mehmedi dagegen hat einen schweren Stand, spielte seit Anfang Dezember 2020 zusammengerechnet nur gerade 43 Minuten lang. Yannick Gerhardt hat ihm auf der Position hinter der Spitze den Rang abgelaufen. Vorne schiesst Wout Weghorst fleissig seine Tore. Und hinter Gerhardt bilden Xaver Schlager und Maximilan Arnold eine spielstarke Doppelsechs.

Ein weiteres Rezept, das man von aussen wenig sieht: Der Teamgeist. Arnold schwärmt im Podcast «Kicker meets Dazn» von den Feierqualitäten des Teams:

«Es kann schon mal abgehen in der Kabine. Paulo Otavio ist Brasilianer – und der hat auf einmal deutsche Schlagermusik angemacht. Völlig verrückt, aber auch unfassbar geil.»

Nach der Erfolgsserie scheint Glasner plötzlich zu Höherem berufen. Im November von den Medien praktisch entlassen, schreiben sie nun, dass er in seine Heimat zu Salzburg wechseln könnte. Zunächst möchte der VfL aber zum dritten Mal in die Champions League.

Der Höhenflug der Eintracht

Wie Wolfsburg ist auch Eintracht Frankfurt auf gutem Weg in die Königsklasse. Im Gegensatz zu den Niedersachsen wäre die Qualifikation für den wichtigsten Klubwettbewerb aber eine Premiere. «Würde uns das gelingen, könnte man diese Leistung mit dem Gewinn des Schweizer Meistertitels vergleichen», sagt Djibril Sow, der mit YB zwei Mal die Super League gewonnen hat und, im Gegensatz zum Schweizer Landsmann Steven Zuber, bei Frankfurt ein Leistungsträger geworden ist.

Djibril Sow ist bei Eintracht Frankfurt ein Leistungsträger.

Djibril Sow ist bei Eintracht Frankfurt ein Leistungsträger.

Thorsten Wagner/Freshfocus

Bevor der 24-jährige Aufbauer mit der Eintracht vor einer Woche bei Bremen antrat, hatte der Frankfurter Himmel voller Geigen gehangen. In der Jahrestabelle 2021 stand das Team von Trainer Adi Hütter ungeschlagen und mit sechs Punkten Vorsprung auf den FC Bayern an der Spitze. Beeindruckend: Nachdem Sportvorstand Fredi Bobic das magische Dreieck Rebic-Haller-Jovic für 118 Millionen Euro verkauft hatte, schaffte es Hütter erneut, mit Younes, Kamada und Silva eine Offensive zu schmieden, die es in sich hat. Nach dem 2:1-Sieg gegen den Leader Bayern fragte man sich gar, wer diese Frankfurter überhaupt noch schlagen könne.

Eintracht-Trainer Adi Hütter.

Eintracht-Trainer Adi Hütter.

Stuart Franklin / EPA

Abgang von Bobic und die mögliche YB-Nachfolge

Doch beim 1:2 in Bremen spielte die Eintracht seit langem wieder einmal schlecht. Spieler und Trainer präsentierten sich hinterher gereizt, als würden sie ahnen, dass weiteres Unheil naht. Seither haben sie zwar nicht gespielt, und gleichwohl eine weitere Niederlage erlitten. Am Dienstagabend erklärte Bobic in der ARD, dass er den Verein am Saisonende verlassen werde. Er stellte die Situation so dar, als sei mit Frankfurt alles besprochen und der Weg zu einem Engagement bei Hertha BSC frei.

Doch dem war mitnichten so. Bobic hat in seinem bis 2023 laufenden Vertrag keine Ausstiegsklausel und mit dem Vorpreschen seinem guten Ruf gleich selbst ein paar Kratzer zugefügt. Dass ihn der Klub gegen seinen Willen nicht aus dem Vertrag lässt, ist aber unwahrscheinlich. Es geht für Frankfurt darum, eine möglichst hohe Ablösesumme auszuhandeln.

Wie im Fall von Gladbach, wo der Abgang von Trainer Rose feststeht und die Resultate nicht mehr stimmen, ist auch in Frankfurt die Befürchtung da, der Knatsch könnte sich auf die Leistungen auswirken. Vor dem Spiel gegen Stuttgart gab sich Hütter aber kämpferisch. Der von anderen Klubs umworbene Österreicher hatte vor einer Woche seinen Verbleib in Frankfurt bestätigt und sagt: «Ich konzentriere mich auf das, was ich beeinflussen kann. Wir wollen hier mit dem erstmaligen Einzug in die Champions League etwas Aussergewöhnliches schaffen.»

Christoph Spycher soll bei YB bleiben.

Christoph Spycher soll bei YB bleiben.

Urs Lindt / freshfocus

Ohne Zweifel hat der frühere YB-Trainer klubintern darauf hingewiesen, dass es bei den Young Boys mit Christoph Spycher einen Mann gebe, der fähig sei, in Bobics grosse Fussstapfen zu treten. Offenbar haben bereits Sondierungsgespräche stattgefunden. Mit negativem Ausgang, wie die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» schrieb; Spycher wolle bei YB nicht vertragsbrüchig werden.

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