Biografie
«Ich glaube an uns! Dazu stehe ich»: Warum Eishockey-Nationaltrainer Patrick Fischer das Gleichgewicht aus zwei Welten gefunden hat

Eishockey-Nationaltrainer Patrick Fischer gibt in seiner Biografie intime Einblicke in ein Leben, das ihn zur Erleuchtung bis in den peruanischen Regenwald führte. Den Traum einer Goldmedaille erfüllen kann er sich schon diesen Monat, bei der WM in Lettland.

Samuel Koch
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Einer der letzten Tests vor der WM in Lettland: Die Schweiz gewinnt mit Patrick Fischer an der Bande gegen Russland.

Einer der letzten Tests vor der WM in Lettland: Die Schweiz gewinnt mit Patrick Fischer an der Bande gegen Russland.

Bild: Freshfocus/Pascal Muller (Biel, 1. Mai 2021)

Gross denken. Das widerspricht nicht per se der urschweizerischen Attitüde. Hinzustehen und sie offen zu kommunizieren hingegen schon. «Wir können Weltmeister werden.» Mit diesem Satz hat sich Eishockey-Nationaltrainer Patrick Fischer exponiert. Kritik, Spott und Häme wehten ihm um die Ohren. «Man hat mir Grössenwahn unterstellt, Arroganz, Hochmut», stellt Fischer in seiner Biografie klar. Der 45-Jährige kann nur schwer nachvollziehen, dass jemand zu seinen Träumen steht und dafür hart kritisiert wird. Er will der Schweizer Bevölkerung zeigen, was möglich ist, «wenn man authentisch, respektvoll im Umgang, mutig und voller Selbstvertrauen und Liebe seinen Weg geht».

Seinen Weg hat Patrick Fischer aus dem beschaulichen Zuger Herti-Quartier bis in die glamouröse NHL zu den Phoenix Coyotes geführt. Mit seinem Vorwärtsdrang legte der Vollblutstürmer eine Bilderbuchkarriere hin, gewann zwei Schweizer-Meister-Titel mit Lugano und Davos und absolvierte 183 Länderspiele. Neben dem Eis geizte Fischer nicht, in der Welt des männerdominierten und knallharten Eishockeys auch mal auf den Putz zu hauen.

Patrick Fischer, damals Spieler des HC Davos, mit Natitrainer Ralph Krüger bei einem Zusammenzug der Schweizer Nationalmannschaft.

Patrick Fischer, damals Spieler des HC Davos, mit Natitrainer Ralph Krüger bei einem Zusammenzug der Schweizer Nationalmannschaft.

Bild: Ana Cruz (Unterägeri,
17. Oktober 2001)

Ein Vulkan an Emotionen im Amazonas

In einer anderen Welt entdeckte er noch während seiner Aktivkarriere seine Spiritualität. 33-jährig, körperlich fit, mit einem laufenden Vertrag und längst Hockeymillionär, fehlte etwas. «Ich wusste nur nicht, was.» Noch vor seinem Rücktritt 2009 stellte er sich Fragen: Was kann ich noch ausser Hockey spielen? Wer ist der Mensch hinter dem Hockeyspieler?

Patrick Fischer im Einsatz als Spieler des EV Zug bei einem Meisterschaftsspiel gegen den HC Davos kurz vor seinem NHL-Abenteuer bei den Phoenix Coyotes.

Patrick Fischer im Einsatz als Spieler des EV Zug bei einem Meisterschaftsspiel gegen den HC Davos kurz vor seinem NHL-Abenteuer bei den Phoenix Coyotes.

Bild: Keystone/Arno Balzarini (Davos,
6. Dezember 2005)

Antworten auf diese Fragen fand Fischer im Dschungel. Die Welt des Spirituellen entdeckte er mit seinem Bruder Marco im peruanischen Amazonas bei der indigenen Ethnie der Shipibo, wo er noch heute ein Stück Regenwald besitzt. «Mit unserer Ankunft trafen definitiv zwei Welten aufeinander.» Obwohl er sich voller Neugier ins Abenteuer stürzte, bezeichnet er seine Ankunft nicht als Liebe auf den ersten Blick.

«Es gab nur meine innere Unruhe, die immense Ratlosigkeit und den riesigen Drang, davonzulaufen. Ich war hin- und hergerissen.»

Doch er nahm seine Gefühle und Emotionen wahr und setzte sich damit auseinander. Nach einem Vulkan an Emotionen tauchte er tiefer in diese neue Welt ein. «Ich durfte still sein und nachdenklich, schwach und verletzlich, müde, traurig, wütend – und es war gut so, wie es war.» Die Shipibo lebten ihm ein einfaches Leben ohne Missgunst, Angst und Neid vor. Ihr sorgfältiger Umgang mit den Ressourcen, ihr Vertrauen ins Leben und ihre Zuversicht seien es gewesen, was Fischer stark beeindruckte.

Patrick Fischer während eines Interviewtermins.

Patrick Fischer während eines Interviewtermins.

Bild: Sandra Ardizzone (Zürich,
30. Oktober 2019)

Wayne Gretzky huldigt seinem Freund

Eine jähe Wende nahm Fischers Weg im Innern also bereits vor seinem überraschenden Rücktritt 2009. Von aussen war er hingegen stets der geniale Eishockeyspieler mit grosser Spielintelligenz und unnachahmlichem Torhunger. Bei einem seiner letzten Einsätze im Dress der Nati an den Olympischen Spielen in Turin begegnete Fischer seinem späteren Trainer Wayne Gretzky. Der populärste Eishockeyspieler der Welt mit unerreichten 2857 Punkten in 1487 NHL-Spielen und der legendären Nummer 99 beobachtete Fischer vor der Partie gegen die Grossmacht Kanada, gegen welche die Schweiz 2:0 gewann. «Normalerweise nehme ich das Einlaufen nicht so wichtig, es gehörte halt dazu. Aber an jenem Abend gab ich alles», erzählt Fischer. So viel, dass es Gretzky beeindruckte. «Er war ein sehr selbstloser Spieler», sagt er über Fischer, der ihm imponierte. Noch heute verbindet die beiden eine Freundschaft.

Für Gretzky war immer klar, dass Fischer einst wieder zum Hockey zurückfinden würde. Zuerst aber begab sich Fischer auf seinen Seelenpfad und tat, was sein Herz ihm sagte. Er zog wieder ins Tessin zu seinem Sohn Kimi, er meditierte, machte Yoga und verbrachte Tage mit Lesen. «Ich habe die Spiritualität nicht gesucht. Eher hat sie mich gefunden.» Und sie half Fischer bei seinem Weg zurück in die Welt des Eishockeys, wo 2010 seine zweite Karriere zunächst als Assistenz- und später als Headcoach beim HC Lugano startete.

Patrick Fischer bei seinem ersten Ernstkampf als Natitrainer während der Arosa Challenge.

Patrick Fischer bei seinem ersten Ernstkampf als Natitrainer während der Arosa Challenge.

Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller (Arosa,
18. Dezember 2015)

Nicht mehr im Basecamp, sondern in höheren Gefilden

Zweimal stand Fischer an der Bande, als die Eishockeynati Silber gewann. 2013 in Stockholm noch als Assistent. 2018 in Kopenhagen als Chef, als mit der nächsten Silbermedaille der Ritterschlag und die Bestätigung folgten. Sein 2015 aufgegleister Weg als Natitrainer trug erste Früchte. Fischer impfte seinen Spielern die Einstellung ein, ohne Allüren, aber auch ohne Komplexe zu spielen. Nebst Taktik, Technik und Fitness fokussiert Fischer auf Respekt, Mut und Vertrauen, Stärke und Stolz. Mit einer soliden Defensive entwickelte sich die Nati über die Jahre auch in der Offensive. «Sie war die Waffe, die uns noch fehlte.» Mittlerweile hätten die Spieler gelernt, auch gegen übermächtige Gegner so zu spielen, dass diese ins Schwimmen kommen. «Jetzt sind wir bereit und befinden uns nicht mehr im Basecamp, sondern in höheren Gefilden.»

Als den Heiligen Gral bezeichnet Fischer das Momentum in einem Spiel, was die Bedeutung der treffenden Kommunikation verstärkt.

«Ich bin hundertprozentig überzeugt davon, dass man mit Vertrauen das volle Potenzial der Menschen abrufen kann.»

Und Fischer vertraut dem Leben, nachdem er sich im Dschungel von der Natur seelisch, körperlich und mental reinigen liess. Jetzt hat sich sein Pendel nivelliert, sowohl privat mit seiner Frau Mädy und seiner Tochter Oceania als auch beruflich. «Heute bin ich in beiden Welten fest verankert, die sich perfekt miteinander verbinden lassen.»

Patrick Fischer mit seiner Partnerin Mädy Georgusis an der Bundesfeier in Oberägeri.

Patrick Fischer mit seiner Partnerin Mädy Georgusis an der Bundesfeier in Oberägeri.

Bild: Christian Herbert (Oberägeri,
1. August 2019)

Dass er den Traum von der Goldmedaille äusserte, sei auch ein Vertrauensbeweis an seine Spieler. «Ich glaube an uns! Dazu stehe ich.» Bereut habe er diesen Schritt nie, im Gegenteil. «Wir können Weltmeister werden, wenn wir an uns glauben.» Atypisch schweizerisch, gewiss. Aber vielleicht notwendig, um den nächsten Schritt zu tun. Die nächste Chance kommt schon bald, an der WM in Riga ab dem 21. Mai, wo sich die Nati seit dieser Woche auf das Turnier vorbereitet. Übrigens ist die Zahl 21 Patrick Fischers Glückszahl.

Nicht nur für Eishockeyfans

Buchdeckel der Autobiografie von Patrick Fischer namens «Game Time – zwei Welten. Ein Weg.»

Buchdeckel der Autobiografie von Patrick Fischer namens «Game Time – zwei Welten. Ein Weg.»

Bild: PD

Das Buch «Game Time – zwei Welten. Ein Weg.», verfasst von der Ostschweizer Ghostwriterin Doris Büchel, Frau des ehemaligen Skirennfahrers Marco Büchel, enthält nebst autobiografischen Kapiteln auch Erzählungen von Patrick Fischers Eltern Vreny und Walter, der Geschwister Marco und Sandra sowie Lebenspartnerin Mädy Georgusis. Es eignet sich nicht nur für Eishockeyfans, sondern auch für die breite Öffentlichkeit, welche die spirituelle Welt mit der Suche nach dem eigenen Weg interessiert. Ausserdem kommen im Buch Wegbegleiter wie Arno Del Curto, Wayne Gretzky oder Christian Wohlwend zu Wort. (sko)

Doris Büchel, Autorin und Ghostwriterin von Patrick Fischer.

Doris Büchel, Autorin und Ghostwriterin von Patrick Fischer.

Bild: Eddy Risch

Hinweis: Patrick Fischer: Game Time – zwei Welten. Ein Weg, Geschrieben von Doris Büchel, Wörterseh Verlag, Lachen, 272 S., 36.90 Franken.

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