Bewegte Vergangenheit
Dathan Ritzenhein stellte sich gegen Dopingcoach und trainiert heute die Topathleten des Markenteams von «On»

Der 39-jährige US-Amerikaner ist Cheftrainer des On Athletic Clubs. Seine Schützlinge wollen auch bei Weltklasse Zürich für Furore sorgen.

Rainer Sommerhalder
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Cheftrainer Dathan Ritzenhein will einen komplett anderen Weg anschlagen als sein früherer und heute gesperrte Coach Alberto Salazar.

Cheftrainer Dathan Ritzenhein will einen komplett anderen Weg anschlagen als sein früherer und heute gesperrte Coach Alberto Salazar.

On Athletics Club

Die Schweizer Sportmarke On hat nicht nur auf dem Aktienmarkt grosse Ziele. Seit zwei Jahren betreibt der Schuhhersteller im Laufsportmekka Boulder in Colorado ein professionelles Trainingszentrum für Weltklasse-Athletinnen und Athleten. Der «On Athletics Club» (OAC) will dereinst Medaillen an Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften gewinnen.

Bereits sieht man an den Diamond-League-Meetings die Shirts von OAC vermehrt ganz vorne im Feld der Mittel- und Langstreckenläufe. Auch bei Weltklasse Zürich diese Woche wird eine Handvoll Athletinnen und Athleten am Start stehen. Als einziger Schweizer ist Jonas Raess Mitglied des OAC. Neben dem Top-Team in Boulder gründete On in diesem Frühling einen europäischen Ableger OAC Europe. Mit Mittelstreckenläufer Tom Elmer trainiert ein weiterer Schweizer an den Standorten St. Moritz und Leipzig.

Die wohl interessanteste Personalie im OAC ist Dathan Ritzenhein, der 39-jährige Cheftrainer in Colorado. Er galt als einer der talentiertesten Bahn- und Marathonläufer der USA, durchbrach 2009 bei Weltklasse Zürich als erster Nordamerikaner über 5000 m die magische 13-Minuten-Marke (12:56,27) und nahm dreimal bei Olympischen Spielen teil.

Auflehnung gegen Doping-Trainer Alberto Salazar

Sein Talent fiel auch den Verantwortlichen des «Nike Oregon Projects» auf, der wohl ambitioniertesten, rückblickend aber auch umstrittensten Laufsport-Trainingsgruppe der Welt. Ab 2009 trainierte er in Beaverton bei Portland unter dem inzwischen wegen Dopings gesperrten Trainer Alberto Salazar. Doch wegen vieler Verletzungen und moralischer Bedenken beendete Ritzenhein die Zeit beim Nike Oregon Project 2014.

Dathan Ritzenhein durchbrach als erster Nordamerikaner die 13-Minuten-Schallmauer über 5000 m - notabene bei Weltklasse Zürich.

Dathan Ritzenhein durchbrach als erster Nordamerikaner die 13-Minuten-Schallmauer über 5000 m - notabene bei Weltklasse Zürich.

On Athletics Club

Später war er einer der Kronzeugen im Dopingprozess gegen Salazar. Er sprach unter Eid von enormen Mengen von Nahrungsergänzungsmitteln, von Infusionen mit L-Carnitin und umstrittenen Schilddrüsenmedikamenten, welche man ihm verabreichen wollte. Und er erzählte vom Unverständnis und vom Druck, die ihm von Salazar entgegenschlugen, als er zunehmend Bedenken über die Methoden zur Leistungssteigerung äusserte.

Er selbst wurde im Verfahren gegen den Nike Oregon Project uneingeschränkt entlastet. Später sagte der heutige OAC-Cheftrainer, er habe sein Potenzial als Läufer während seiner Karriere nie ganz ausschöpfen können.

Was lernt er aus seiner Zeit beim Nike Oregon Projekt?

Dathan Ritzenhein hat in seinen Jahren beim Nike Oregon Project einerseits von erstklassigen Rahmenbedingungen profitiert, war andererseits mit sehr umstrittenen Methoden jenseits der Regularität konfrontiert. Was nimmt der Vater zweier Kinder von dieser Erfahrung mit für seine eigene Trainerkarriere?

Er sagt, eine Lehre sei, dass die Gesundheit auf jeden Fall das höchste Gut von Leistungssportlerinnen und Sportlern sein müsse. Also lege er sehr grossen Wert auf das körperliche, aber auch das psychische Wohlbefinden seiner Schützlinge. Nur wer sich gut fühle, könne über mehrere Jahre sein Leistungsniveau aufbauen und verbessern.

Betreffend Doping ist ihm wichtig, dass alle sich nicht nur an die Regeln halten, sondern diese auch bis ins Detail kennen. «Wir sind punkto Regeln immer auf der sicheren Seite. Jeder muss wissen und akzeptieren, dass es keine Abkürzungen zum Erfolg gibt», sagt Ritzenhein. Er selbst fragte sich in der Zeit bei Salazar immer wieder, ob gewisse Dinge in Ordnung seien – gerade weil er nie im Detail über die geltenden Bestimmungen aufgeklärt wurde. Eine solche Unsicherheit dürfe bei seinen Athleten nicht aufkommen.

On holt innert zwei Jahren Welten auf

Ritzenhein hat seinen Entscheid, eine professionelle Trainerkarriere einzuschlagen und das Angebot von On anzunehmen, nie bereut. Selbst wenn «alles sehr schnell gegangen ist» und mitten in der Unsicherheit der Coronazeit passierte. Der 39-Jährige freut sich über das Bekenntnis der Schweizer Firma zu ihm, einem jungen Trainer ohne grossen Namen.

Und er staunt, welche riesige Entwicklungsschritte die Bahnlaufschuhe in dieser kurzen Zeit gemacht haben. «Es ist eigentlich unfassbar, dass wir in dieser extrem kurzen Zeitspanne den Rückstand auf Weltmarken aufholen konnten. Als ich bei On anfing, gab es noch nicht einmal Schuhe mit Spikes. Doch die Entwicklungsabteilung macht einen phänomenalen Job.» Speziell hervorheben will er, dass die Erfahrungen und Inputs aus seiner Trainingsgruppe sehr direkt und schnell einfliessen und man «gemeinsam wachse».

Ritzenhein sagt zu seiner Philosophie und seinen Schwerpunkten als Trainer, man lerne im Leben oft mehr von den eigenen Fehlern. «Und ich habe als Athlet einige Fehler gemacht.» Fehler, die er mit wiederkehrenden Verletzungen büsste. Sein grösstes Problem als Trainer sei, die Zeit zu finden für jene individuelle Betreuung, welche er den rund 15 ihm anvertrauten Athletinnen und Athleten widmen möchte.

In dieser Beziehung ist er wahrlich ein Verrückter. Nach dem Treffen in München reiste der Amerikaner per Zug nach St. Moritz, um einen Teil seines Teams im Höhentrainingslager zu besuchen. 24 Stunden später war er zurück in München. «Sie sollen meine Präsenz spüren und wissen, dass ich jederzeit für sie da bin – für jeden einzelnen. Je besser ich eine Athletin oder einen Athleten kenne, umso besser kann ich sie lesen und das Training individualisieren. Sie sollen daran glauben, was wir machen», sagt Dathan Ritzenhein. Etwas, das er bei Alberto Salazar nicht konnte.