Konkurrenz für Wehrlein
Antonio Giovinazzi: Die Hoffnung der Italiener beim Schweizer Rennstall Sauber

Saubers Ersatzfahrer Giovinazzi überzeugt beim Grossen Preis von Australien und stellt somit sein Team vor ein Problem. Wer wird das Cockpit in China bekommen? Wehrlein oder Giovinazzi.

Konstantin Furrer
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Antonio Giovinazzi konnte in Australien mit Sauber überzeugen.

Antonio Giovinazzi konnte in Australien mit Sauber überzeugen.

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Die Vorfreude in Hinwil war gross, als nach dem Wirrwarr im Winter endlich klar war: Pascal Wehrlein fährt in der nächsten Saison für Sauber. Endlich wieder einmal ein junger, spannender Fahrer, einer von dem man sich eine illustre Zukunft verspricht. Kein Bezahlfahrer, wie so oft zuvor, sondern einer mit wirklichem, nicht von der Hand zu weisendem Talent.

Sauber hat eine Vergangenheit mit solchen Fahrern: Felipe Massa lernte bei Sauber das Handwerk, Kimi Räikkönen lancierte hier seine erfolgreiche Karriere und Robert Kubica beglückt die Schweizer 2008 in Kanada sogar mit dem ersten und einzigen Sieg in der Geschichte.

Wehrlein überzeugt noch nicht

Die Vorfreude war berechtigt. Wehrlein feierte Erfolge in der ADAC Formel Masters und der Formel-3-Meisterschaft. Bereits im zarten Alter von 20 Jahren wurde er Ersatzfahrer bei Mercedes und ein Jahr später holte er gar den Titel in der DTM-Rennserie. Im Winter wurde er, nach guten Leistungen mit Manor in der vergangenen Saison, als Ersatz für den zurücktretenden Weltmeister Nico Rosberg gehandelt.

Pascal Wehrlein kämpfte in Miami mit den Folgen einer Rückenverletzung.

Pascal Wehrlein kämpfte in Miami mit den Folgen einer Rückenverletzung.

Keystone

Bisher konnte Wehrlein aber die Hinwiler Vorfreude nicht bestätigen. Im Januar verunfallte er bei einer Autosportveranstaltung in Miami und erlitt dabei eine Rückenverletzung. Folglich verpasste er die erste der zwei Trainingswochen in Barcelona und am Samstag musste er für das Qualifying für den Grossen Preis von Australien gar passen und verfolgte das Rennen am nächsten Tag von der Boxengasse aus. Zu gross sei der Trainingsrückstand, liess der Deutsche verlauten und die Sauber-Chefin Monisha Kaltenborn sagte: «Pascal braucht einfach noch etwas Zeit.»

Der Crash von Sauber-Pilot Pascal Wehrlein in Miami:

Unverhofftes Debüt

Es war also nicht das deutsche Supertalent, dass zu Beginn der Saison bei Sauber für die positiven Schlagzeilen sorgte. Es gab sie aber, die positiven Schlagzeilen. Als klar wurde, dass Wehrlein die Tests in Barcelona zumindest anfänglich verpassen würde, holte der Schweizer Rennstall den italienischen Rennfahrer Antonio Giovinazzi ins Team.

Eigentlich als Ersatzfahrer bei Ferrari angestellt, sollte er bloss in Barcelona das Sauber-Auto testen. Dass er aber in Australien unverhofft zu seinem Debüt in der Formel 1 kam, daran glaube er selber nicht. «Ich dachte, es wäre bloss ein Scherz. Ich lag noch im Bett, als ich die Nachricht bekam», sagt der 23-Jährige nach dem Rennen in Melbourne.

Gelungener Einstand

Bereits im Qualifying konnte der Italiener überzeugen: Nur ein kleiner Fahrfehler verhinderte, dass er sich nicht vor seinem Sauber-Teamkollegen Marcus Ericsson klassierte. Eine beachtliche Leistung für den Fahrer, der sich noch nicht an das Auto gewöhnt hatte und erst am Tag zuvor nach Australien gereist war.

In der zweitletzten Kurve unterlief Giovinazzi ein kleiner Fahrfehler.

In der zweitletzten Kurve unterlief Giovinazzi ein kleiner Fahrfehler.

Keystone

Einen Tag später holte er im Rennen den guten zwölften Platz, während Ericsson in der 21. Runde nach einem Problem mit der Hydraulik abbrechen musste, und zeigte sich entsprechend glücklich: «Ich bin zufrieden mit meiner Leistung», sagte der Formel-1-Neuling nach dem Rennen: «Mein Ziel war es, Erfahrung zu sammeln.»

Ein Italiener für Ferrari

Gefreut haben dürfte sich auch Giovinazzis Stammteam. Ferrari wartet seit geraumer Zeit auf einen Fahrer aus dem eigenen Land. Mit Giancarlo Fisichella fuhr 2009 in Abu Dhabi der letzte Italiener für Ferrari ein Rennen und der letzte Sieg eines Italieners bei Ferrari liegt sogar schon über dreissig Jahre zurück: 1985 gewann Michele Alboreto das Rennen auf dem Nürburgring.

Der letzte italienische Rennsieger für die Scuderia Ferrari: Michele Alboreto. Er verstarb am 25. April 2001 nach einem Unfall bei Testfahrten in Deutschland.

Der letzte italienische Rennsieger für die Scuderia Ferrari: Michele Alboreto. Er verstarb am 25. April 2001 nach einem Unfall bei Testfahrten in Deutschland.

Keystone

«Es wäre schön, einen Italiener bei uns zu haben, aber es ist nicht einfach», sagte Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene im letzten Sommer. Mit Giovinazzi könnte Arrivabenes Wunsch nun endlich in Erfüllung gehen. Glaubt man den Gerüchten in der Boxengasse, so soll der Italiener als Nachfolger von Kimi Räikkönen aufgebaut werden, dessen Vertrag Ende Jahr ausläuft.

Sauber im Zwist

Der starke Einstand von Giovinazzi in Melbourne stellt auch den Schweizer Rennstall vor ein Problem: Wer sitzt in zehn Tagen beim Grossen Preis von China im Cockpit? Der Schwede Ericsson ist gesetzt. Er kann auf die Rückendeckung des schwedischen Investors zählen. Aber der zweite Platz ist umstritten: Saubers Motorenlieferant Ferrari würde es wohl nur zu gerne sehen, wenn der eigene Nachwuchsfahrer in dieser Saison zu mehr Einsatzzeit käme und nicht Mercedes-Werksfahrer Wehrlein.

Alle F1-Teams im Überblick:

Mercedes AMG F1 Team Der Dominator der letzten drei Jahre gilt auch dieses Jahr als Favorit auf beide Titel. Sie können auf zwei erfahrene Piloten zählen, nämlich auf den dreifachen Weltmeister Lewis Hamilton und auf den Finnen Valtteri Bottas.
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Red Bull Racing Formula One Team Die Bullen sind seit der letzten Saison erster Verfolger der Silberpfeile. Daniel Ricciardo und Max Verstappen konnten 2016 zwei Rennen gewinnen (Spanien und Malaysia).
Scuderia Ferrari Der Traditions-Rennstall aus Maranello hat eine enttäuschende Saison hinter sich. Die Piloten Sebastian Vettel und Kimi Raikönnen konnten kein Rennen gewinnen. Dieses Jahr soll es besser werden.
Sahara Force India F1 Team Der indische Rennstall hat sich in der letzten Saison auf Platz vier vorgearbeitet. Jetzt haben sie Ferrari im Visier. Doch nach dem Abgang von Niko Hülkenberg (zu Renault) haben die Inder einen erfahrenen Fahrer verloren.
Williams Martini Racing Neben Ferrari enttäuschten vor allem auch die Briten. 2016 mussten sie sich von Force India geschlagen geben.
McLaren Racing Nach der desaströsen Saison 2015 konnten sich die Briten 2016 fangen und auf einen soliden sechsten Platz in der Konstrukteurswertung fahren. Mit dem Abgang von Weltmeister Jenson Button haben sie allerdings einen wichtigen Piloten verloren. Mit Fernando Alonso bleibt aber ein Doppel-Weltmeister im Team.
Scuderia Toro Rosso Das Schwesternteam von Red Bull Racing hat ein schwieriges Jahr hinter sich. Die Fahrer Daniil Kvyat und Carlos Sainz jr. bleiben auch dieses Jahr im Cockpit.
Haas F1 Team Der Neueinsteiger konnte nach einem phänomenalen Start (6. Platz in Melbourne) nicht in dieser Geschwindigkeit weiterfahren. Der ehemalige Sauber-Pilot Esteban Gutierrez blieb sogar ohne Punkt. Der Genfer Romain Grosjean, der mit einer französischen Lizenz fährt, konnte allerdings ein paar Mal in die Top-Ten fahren.
Renault Sport F1 Team Die ambitionierten Franzosen (Ziel: 2020 WM-Titel) konnten mit Niko Hülkenberg einen erfahrenen und schnellen Piloten verpflichten. Dieser soll das Team nun regelmässig mit Punkten versorgen.
Sauber Motorsport Die Hinwiler Truppe konnte ein Blamage in der letzten Saison gerade noch verhindern. Felipe Nasr, der mittlerweile wegen fehlenden Finanzmitteln nicht mehr im Team ist, konnte in Brasilien zwei Punkte holen. Mit Pascal Wehrlein hat man aber einen adäquaten Ersatz gefunden.

Mercedes AMG F1 Team Der Dominator der letzten drei Jahre gilt auch dieses Jahr als Favorit auf beide Titel. Sie können auf zwei erfahrene Piloten zählen, nämlich auf den dreifachen Weltmeister Lewis Hamilton und auf den Finnen Valtteri Bottas.

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