Analyse zur Handball-WM
Die Handball-Nati und der Weg, den Köbi Kuhn gewählt hat

Die Schweizer Handballer begeistern an der Weltmeisterschaft. Das sind die Gründe.

François Schmid-Bechtel
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Trainer Suter (links) und seine «Horde verrückter Typen». Das WM-Abenteuer geht in der Hauptrunde gegen Island weiter.

Trainer Suter (links) und seine «Horde verrückter Typen». Das WM-Abenteuer geht in der Hauptrunde gegen Island weiter.

Bild: Anne-Christine Poujoulat/EPA (Kairo, 14. Januar 2021)

«Wir werden nie so gut sein, wie Brasilien. Aber in Sachen Teamgeist können wir besser, können wir Weltklasse sein.» Der verstorbene Fussball-Nationaltrainer Köbi Kuhn wiederholte diesen Satz immer wieder, fast mantraartig. Es scheint, als hätte der aktuelle Handball-Nationaltrainer Michael Suter auch zugehört.

Bevor Suter vor viereinhalb Jahren das Amt übernahm, war der Schweizer Handball längst in der Bedeutungslosigkeit versunken. Es herrschte bestenfalls Halbprofitum. Was den Ausnahmekönner Andy Schmid dazu veranlasste, seine eh schon knappe Freizeit nicht weiter mit Freizeitsportlern zu verbringen.

François Schmid-Bechtel.

François Schmid-Bechtel.

Die Mission Nationalmannschaft sei zum Scheitern verurteilt, hörte Suter immer wieder. Schliesslich seien vor ihm hochdekorierte Trainer wie Rolf Brack, in Deutschland der «Handball-Professor», gescheitert. Aber Suter liess sich nicht verunsichern. Im Gegenteil. Suter ist Patriot. Er ist besessen von Handball. Und er war schon als Lehrer der Mann für die besonderen Herausforderungen. Suter unterrichtete im Kanton Zürich die 20 schwierigsten Schüler pro Jahrgang. Das tun sich nicht viele Lehrer freiwillig an.

Die Begeisterung Schmids für die Nationalmannschaft

Star des Schweizer Teams: Weltklasse-Handballer Andy Schmid.

Star des Schweizer Teams: Weltklasse-Handballer Andy Schmid.

Bild: Eva Manhart/Freshfocus (Kario, 18. Januar 2021)

Eine Leistungskultur führt er schon als Nachwuchstrainer ein. Er verlangt nicht, dass jeder Handballer in der Schweiz alles dem Sport unterordnet. Aber er verlangt es von jenen Spielern, die mit ihm zusammen etwas erreichen wollen. Etliche aus dieser «Horde von verrückten Typen», mit denen er sich für zehn von zwölf möglichen U19- und U21-Endrunden qualifizierte, gehören heute zum Stammpersonal des Nationalteams. Dazu gelingt es Suter, Schmid wieder für die Nati zu begeistern. Und später auch Alen Milosevic, der nach einer Eskapade während eines Nati-Termins vom Verband suspendiert worden ist.

Die Erfolgsmeldungen bleiben nicht aus. Die Schweiz kehrt 2020 nach 14 Jahren Absenz wieder auf die EM-Bühne zurück. Ein Sieg, zwei Niederlagen ‑ ein respektables Ergebnis.

Trainer Michael Suter macht seine Spieler an der EM 2020 heiss.

Trainer Michael Suter macht seine Spieler an der EM 2020 heiss.

Bild: Urs Lindt/Freshfocus (Göteborg, 14. Januar 2020)

Aber Suter will mehr. Er will an die WM. Nur wird den Schweizern wegen Corona die Chance genommen, sich via Barrage gegen Island für die Titelkämpfe in Ägypten zu qualifizieren.

48 Stunden vor dem ersten WM-Auftritt rücken die Schweizer für die USA nach. Dann die strapaziöse Reise am Spieltag nach Gizeh. Und weil die Schweiz 26 Jahre nach ihrem letzten WM-Auftritt gegen Österreich gewinnt, wird es ein Tag für die Ewigkeit. Aber auch die weiteren Auftritte gegen die WM-Favoriten Norwegen (25:31) und Frankreich (24:25) verblüffen die Fachwelt und zeugen von einer beeindruckenden Entwicklung im Vergleich zur EM im letzten Jahr.

Weltmeisterlich bei der Organisation und dem Teamspirit

Die Schweiz wird kaum je die Dichte an herausragenden Individualisten haben wie sie die Franzosen haben. Aber die Schweizer Handballer haben den Anspruch, punkto Organisation und Teamspirit weltmeisterlich zu sein. Mannschaftliche Geschlossenheit, das ist ihr Weg. Der helvetische Weg, der bei jedem Erfolg einer Schweizer Mannschaft im Teamsport am Ursprung steht. Davon rücken die Handballer nicht ab. Egal, wie gross die Verlockung an einer WM ist, sich als Individualist zu profilieren.

Samuel Röthlisberger (links) gegen Österreichs Lukas Hutecek (AUT) ist der überragende Verteidigungsminister.

Samuel Röthlisberger (links) gegen Österreichs Lukas Hutecek (AUT) ist der überragende Verteidigungsminister.

Bild: Eva Manhart/Freshfocus (Kairo, 14. Januar 2021)

Der überragende Verteidigungsminister Samuel Röthlisberger sagt: «Es gibt keinen im Team, über den ich hintenrum sage, er sei ein Idiot. Ein Schlüssel unseres Erfolgs ist, dass jeder den anderen respektiert und akzeptiert.»

Die Stars signalisieren: Dieses Team ist uns wichtig

Dazu passt, dass Andy Schmid nach Silvester zu einem Lehrgang nach Siggenthal fährt - hätte er eigentlich nicht nötig. Oder Alen Milosevic einzig für ein belangloses Testspiel gegen Italien 800 Kilometer mit dem Auto von Leipzig nach Tenero fährt – hätte er auch nicht nötig. Die Stars signalisieren: Dieses Team ist uns wichtig.

Gemeinsam kämpfen und leiden. Symptomatisch, wie die Schweizer Ersatzspieler Radau machen, während die Franzosen emotionslos verfolgen, was auf der Platte passiert. Die einen reden von Mitspieler, die andern von Konkurrent. Folglich sieht man die Schweizer auch häufiger lachen als ihre Gegner. Das alles hat etwas von «Heile-Welt-Romantik». Aber es ist echt und es gibt wahrlich schlimmeres.

Die Kräfte schwinden. Und die Hauptrunden-Gegner aus Island und Portugal gehören zur gehobenen Klasse. Ein Einzug in die Viertelfinals ist Utopie. Trotzdem spricht keiner von einem Pflichtprogramm. Stattdessen von Stolz, Ehrgefühl und Freude.