Ist die Super League eine Altherren-Liga?

Ein Blick auf die Torschützenliste könnte dies glauben lassen. An der Spitze thront mit Guillaume Hoarau ein Stürmer, der für YB 18 Tore geschossen und im März seinen 35. Geburtstag gefeiert hat. Und schon an dritter Stelle folgt mit 13 Treffern der bald 36-jährige Raphael Nuzzolo von Xamax.

Beide haben Spass am Toreschiessen und denken nicht an einen Rücktritt. «Ich werde mindestens noch ein Jahr spielen», sagt Nuzzolo. «Obwohl die Saison schon lange dauert, spüre ich keine Müdigkeit.» Es nervt ihn, wenn Sprüche über sein Alter fallen. «Ein älterer Spieler muss immer gut spielen. Sonst wird sofort gesagt, er sei zu alt!», sagt Nuzzolo. «Das kann aber auch motivieren.»

«Fürs Aufhören ist es viel zu früh»

Verlängert er sogar um mehrere Jahre seine Karriere, dann hat er gute Chancen, der älteste Spieler zu werden, der je in der Super League ein Tor geschossen hat. Diese Ehre gebührt derzeit noch Walter Samuel, dem vor drei Jahren im Alter von 38 Jahren ein Tor für Basel gelungen ist. Als bald 33-Jähriger ist Basels Alex Frei 2012 der beste Torschütze der Liga gewesen, mit knapp 35 Jahren 2004 Stéphane Chapuisat von YB.

Ältere Spieler als erfolgreiche Torjäger zu haben, ist indes kein Phänomen der Super League. In der deutschen Bundesliga hat sich der Peruaner Claudio Pizarro von Bremen im Februar im Alter von über 40 Jahren zum ältesten Torschützen der 1963 gegründeten Liga gemacht. Raffael, 2008 vom FC Zürich nach Deutschland gewechselt, hat vor einer Woche für Mönchengladbach das Siegtor geschossen und eben erst den Vertrag verlängert. Der 34-Jährige sagt: «Ich springe morgens immer noch locker aus dem Bett. Fürs Aufhören ist es viel zu früh.»

Quagliarella mit 36 Jahren Leader

In Italiens Serie A führt der 36-jährige Fabio Quagliarella von Sampdoria mit 22 Toren das Klassement an, und an vierter Stelle folgt mit 19 Treffern der 34-jährige Juve-Superstar Ronaldo, der in den letzten drei Champions-League-Einsätzen den Ball fünf Mal im Netz versenkt hat. In diesem Wettbewerb ist Lionel Messi vom FC Barcelona mit zehn Toren spitze; der Argentinier wird im Juni 32 Jahre alt.

Natürlich führt er mit 33 Treffern auch die Torjägerliste der spanischen LaLiga an. Dass jedoch die nächsten drei im Klassement, Luis Suarez (Barcelona), Karim Benzema (Real Madrid) und Cristhian Stuani (Girona), auch älter als 31 sind, macht stutzig. Selbst im Wissen, dass die medizinische Betreuung heute klasse ist und die Spieler so fit sind wie nie.

Für Raphaël Nuzzolo, der nicht nur der drittbeste Torschütze der Liga ist, sondern mit 13 Assists auch noch der beste Passgeber und damit die Skorerliste anführt, ist die Erfahrung ein entscheidender Punkt. «Mit Hunderten von Spielen in den Beinen ist klar, was du auf dem Rasen zu tun hast», sagt Nuzzolo. Er selber hat seit seinem Debüt vor 15 Jahren(!) 352 Mal in der Super League gespielt und 62 Tore geschossen.

26 Treffer in der Challenge League

So erfolgreich im Abschluss wie heute ist er aber nie gewesen. Seine bisherige Bestleistung waren die neun Tore für YB in der Spielzeit 12/13. In der letzten Saison nun hat er mit 26 Toren Xamax in die Super League geballert. Apropos Challenge League: In dieser hat der 36-jährige Österreicher Stefan Maierhofer seit seiner Ankunft im September für den Turnaround beim FC Aarau gesorgt und mit 10 Toren grossen Anteil daran, dass der Traum von der Barrage lebt.

Nuzzolos Aufschwung hängt mit einer veränderten Position zusammen. «Eigentlich bin ich ja erst seit zwei Jahren Stürmer», sagt der Bieler, bereut aber nicht, dass er erst so spät zum zentralen Angreifer umfunktioniert wurde. «Ich musste als Flügel physisch stark und technisch gut sein, diszipliniert verteidigen, gut flanken und auch mal ein Tor schiessen», sagt Nuzzolo. «All das hilft mir jetzt.»

Die Erinnerung an die Muskeln

Er wisse dank seiner Routine, wo er Kraft sparen könne, und sei deswegen vor dem Tor effizienter. «Ich bin kein typischer Stürmer. Ich gehe andere Laufwege, als normale Angreifer, mehr in die Tiefe. Ich spiele wie ein Flügel, aber nun einfach im Zentrum.» Wie viele Kilometer er abspult, interessiert ihn nicht. «Wichtig ist, dass du richtig läufst und wie viel du sprintest», sagt Nuzzolo, «und nicht irgendwo im Niemandsland umherrennst.»

Natürlich ist auch bei Familienvater Nuzzolo ein gesunder Lebenswandel die Basis seiner guten Leistungen. Und die genbedingte Gnade, nie verletzt zu sein. «Für mich als kleinen, leichten Spieler war der Kunstrasen bei YB und jetzt bei Xamax ein Segen für meine Fitness», sagt Nuzzolo. In seiner langen Karriere hat er lediglich sechs Spiele verletzungsbedingt verpasst, mit einem Schlüsselbeinbruch als schlimmster Blessur. Und noch nie hat er eine Muskelverletzung erlitten. Manchmal erinnert ihn ein kleiner Muskelkater überhaupt erst daran, dass auch er Muskeln hat.