Swiss Indoors

Agassi auf Leichenschau und Nadal im Gourmettempel

Traditionelles Ritual im Turnierbüro von Madlaina Barth: Die Spieler (hier der Holländer Jean-Julien Rojer) holen vor dem Training Bälle und Handtücher.

Traditionelles Ritual im Turnierbüro von Madlaina Barth: Die Spieler (hier der Holländer Jean-Julien Rojer) holen vor dem Training Bälle und Handtücher.

Ein Blick über die Schultern der Spielerbetreuerin – Madlaina Barth erfüllt als gute Fee die Wünsche der Tennis-Stars an den Swiss Indoors. Die 44-jährige Engadinerin leitet das Turnierbüro und befindet sich damit im Herzen der Veranstaltung.

Madlaina Barth sitzt an einem kargen Tisch im Mediencenter der Swiss Indoors. «Lassen Sie mich überlegen.» Ihr Blick geht zur Decke, sie runzelt die Stirn. Seit 20 Jahren ist die eingebaslerte Engadinerin (44) am grössten Schweizer Tennisanlass zuständig für die Spielerbetreuung. 20 Jahre, in denen sie den Federers, Nadals und Wawrinkas jeden noch so ausgefallenen Wunsch erfüllte.

Aber gab es etwas, dass Madlaina Barth nicht tun konnte? Oder nicht wollte? «Nein», sagt sie plötzlich entschieden. «Unmoralische Angebote gab es noch keine. Und alles andere versuchen wir, irgendwie möglich zu machen. Bislang hats geklappt.»

Eine Stunde zuvor bittet uns Madlaina Barth in ihr Büro. Ein enger, zweckmässig eingerichteter Raum mitten im Garderobenbereich. Hinter dem Tresen telefonieren, tippen und diskutieren vier Mitarbeiterinnen. Schlägt hier, zwischen dem überdimensionalen Drucker, Palmen, Tennisballkiste und Handtuchgestell, das Herz der Swiss Indoors? «Ja», sagt Madlaina Barth, «das ist so. Wenn wir aufhören zu schlagen, würde das Turnier zwar irgendwie weitergehen. Aber das Herz würde fehlen.»

Barths offizielle Bezeichnung ist «Head of Tournament Office». Auf Deutsch: Sie leitet das Turnierbüro. Nicht die einzige, aber wohl ihre wichtigste Aufgabe ist die Spielerbetreuung. Mehr als ein Job für Barth. Während einer Woche lebt sie nur für das Turnier. Sie schliesst morgens um sieben die Tür auf und geht nach Mitternacht als letzte. Müde? «Bin ich dann nächste Woche. Jetzt lebe ich von der Euphorie.»

Seit 1996 sind die Swiss Indoors fester Bestandteil ihres Lebens. «Damals war Roger Federers Mutter Lynette zuständig für die Akkreditierungen. Und über ihren Sohn hiess es: Merkt euch diesen Balljungen, der könnte mal was werden.»

Schreie bis ins Büro

Spielerbetreuung. Wo fängt sie an? Barth sagt: «Wir holen die Spieler am Flughafen ab, ab diesem Moment sind sie in unserer Obhut.» Heisst: Im Swissôtel Le Plaza logieren die Stars auf Turnierkosten. Superstars wie Federer und Wawrinka gebührt ein Zimmer im Luxushotel «Les Trois Rois». Für den Transport vom Hotel in die St. Jakobshalle oder zu den Trainingsplätzen in Allschwil sorgt der Fahrdienst.

Die meiste Zeit verbringen die Stars mit Spielen oder Trainieren. Aber der Tag hat 24 Stunden. Und nicht alle verkriechen sich in der Freizeit in ihrem Hotelzimmer oder im Spielerbereich in der St. Jakobshalle. Dann ist Madlaina Barth gefragt. Anekdoten hat sie in den vergangenen 20 Jahren unzählige gesammelt.

Da gab es den Spieler, der nach der ersten Nacht im Hotel zu Barth ins Büro kam und von den Basler Läckerli auf seinem Bett schwärmte. «Ein kleines Willkommens-Präsent von uns an die Spieler. Dem Spieler schmeckte es so gut, dass er fragte, wo er mehr davon kaufen könne. Er müsse ein paar Kilo für Familie und Freunde mitnehmen.»

Oder der etwas spezielle Wunsch eines Spielers im Turnierjahr 1999. Dieser wollte unbedingt die umstrittene Ausstellung «Körperwelten» besuchen, die damals in Basel lief. Nicht als normaler Gast, nein, der Spieler (Andre Agassi; Anm. d. Red.) bestand darauf, von Gunther von Hagen persönlich zu den präparierten Leichen geführt zu werden. «Es brauchte etwas Verhandlungsgeschick, aber am Ende hats geklappt», erzählt Barth.

Lachen muss sie bei der Anekdote aus dem Rückzugsbereich der Spieler. Dort warten nicht nur X-Box und Playstation darauf, benutzt zu werden, sondern auch eine grosse Kiste mit Brett- und anderen traditionellen Gesellschaftsspielen. Initiiert hat dies Madlaina Barth selber, «weil ich es nicht mit ansehen konnte, dass die Schweizer Spieler jassten und die Ausländer daneben nur die Konsolen hatten». Seither kämen die Stars zu Turnierbeginn jeweils ins Turnierbüro und fragen nach der Spielekiste. Sehr hoch im Kurs steht Jenga. Barth: «Wenn der Turm einstürzt, hören wir die Schreie manchmal bis ins Büro.»

Viele Spielerwünsche sind Routine für Barth. Etwa Rafael Nadal kurzfristig einen Tisch im auf Monate ausgebuchten Gourmettempel «le cheval blanc» zu buchen. Oder dem Spanier eine Führung durch Luzern zu organisieren. Besonders heiss sind die Tennisstars auf einen Besuch im nebenan gelegenen St. Jakob-Park, wenn während der Turnierwoche der FC Basel ein Champions-League-Heimspiel austrägt.

Bei all dem gilt: Barth und ihr Team organisieren, bezahlen ist Aufgabe des Spielers. Meist läuft es so: Das Turnier bezahlt im Voraus und zieht die Beträge anschliessend vom Preisgeld des Spielers ab. «Wenn ein Spieler ausgeschieden ist, kommt er zu uns ins Büro und fragt, wie er an sein Preisgeld kommt. Wir bieten ihm noch den Transfer zum Flughafen oder zum Bahnhof an, dort endet unsere Betreuung.»

Glutenfrei statt Bauchweh

Wie wichtig ist eine gute Spielerbetreuung? «Sehr, sehr, sehr wichtig», sagt Barth. «Ich weiss von vielen Spielern, dass Basel für sie ein nicht diskutabler Fixpunkt in ihrem Turnierkalender ist, weil sie sich hier so wohl fühlen.» An anderen Turnieren erhalten die Spieler Vouchers für die Verpflegung. In Basel gibt es rund um die Uhr warme Küche und servierten Kaffee. Anderswo haben Spieler nach dem Essen Bauchweh, in Basel erhalten sie auf Wunsch glutenfreies oder veganes Essen.

Um optimal vorbereitet zu sein, macht sich Barth im Vorfeld schlau über jene Spieler, die erstmals nach Basel kommen. Etwa, warum Kyrgios Australier ist aber einen griechischen Nachnamen hat. «Das erleichtert vieles. Und man hat beim ersten Aufeinandertreffen gleich ein Gesprächsthema.»

Überraschen kann Madlaina Barth nach 20 Jahren nichts mehr. Auch wenn sie sagt: «Ich komme jeden Morgen in die Halle und weiss nicht, was mich erwartet.»

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