Abstiegskampf
Die Luft wird immer dünner – aber wir leben noch: Die vier Abstiegskandidaten der Super League im Fokus

Der FC Zürich, der FC St.Gallen, der FC Vaduz und der FC Sion bibbern in der Super League vor der Woche der Wahrheit um den Klassenerhalt. Eine wichtige Rolle kommt dem mentalen Aspekt zu. Das könnte zum Trumpf von Aufsteiger Vaduz werden.

Markus Brütsch
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Sind im Abstiegskampf (von links oben im Uhrzeigersinn): Kevin Fickentscher (FC Sion), Marco Schönbächler (FC Zürich), Benjamin Büchel (FC Vaduz) und Basil Stillhart (FC St.Gallen).

Sind im Abstiegskampf (von links oben im Uhrzeigersinn): Kevin Fickentscher (FC Sion), Marco Schönbächler (FC Zürich), Benjamin Büchel (FC Vaduz) und Basil Stillhart (FC St.Gallen).

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Zwei Runden vor Saisonschluss kämpfen noch vier Mannschaften gegen die Relegation. Zum einen gegen den Direktabstieg als Tabellenzehnter, zum andern gegen den Verweis in die Barrage als Ranglistenneunter. Was in einem solchen Duell mit dem Zweiten der Challenge League möglich ist, hat in der letzten Saison der FC Thun gegen Vaduz erfahren. Die besten Karten auf den Klassenerhalt hat der FC Zürich mit 40 Punkten, die schlechtesten der FC Sion mit 35 Zählern. Cupfinalist St.Gallen liegt mit 38 Punkten etwas besser im Rennen als Vaduz mit 36.

Benjamin Büchel (FC Vaduz)

Ein starker Rückhalt für den FC Vaduz: Goalie und Captain Benjamin Büchel.

Ein starker Rückhalt für den FC Vaduz: Goalie und Captain Benjamin Büchel.

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Benjamin Büchel gehört zu der eher seltenen Spezies Fussballer, die sich im Fernsehen kaum einmal eine Partie ansehen. Vielleicht mal ein WM- oder Champions-League-Spiel, viel mehr aber nicht. So hat er es auch am Mittwoch gehalten, als sich im Tourbillon der FC Sion und der FC Luzern 1:1 trennten und im Letzigrund der FC Zürich und der FC St.Gallen 2:2. Natürlich, die Ergebnisse und die Tabelle hat sich der Torhüter des FC Vaduz dann schon angeschaut und sagt jetzt: «Für diese Ranglistensituation zwei Runden vor Schluss hätten wir vor der Saison sofort unterschrieben.» Einen Punkt vor Sion auf dem Barrageplatz liegend kann der Aufsteiger den Klassenerhalt aus eigener Kraft schaffen. «Jetzt wollen wir im Heimspiel gegen Servette alles raushauen, um dann am kommenden Freitag in Zürich unser Schicksal in den eigenen Händen zu halten», sagt Büchel, der gelernte Elektromonteur. «Das ist unser Ziel.»

Gegen die Genfer haben die Vaduzer bisher je einmal gewonnen, unentschieden gespielt und verloren. Büchel sagt, dass sein Team gegen Servette gut ausgesehen habe, gibt aber zu bedenken, dass der Gegner noch um einen Europacupplatz spiele. Der Vaduzer Captain geht davon aus, dass seine Mitspieler dieses Mal von Beginn an aktiv sind und nicht wie zuletzt beim 0:2 gegen YB zu verhalten agieren. Er betrachtet es als Vorteil, dass der Druck bei den Konkurrenten aus Sion, St.Gallen und Zürich liegt. «Für mich wäre der Klassenerhalt höher einzustufen als der Aufstieg vor einem Jahr», sagt der 31-Jährige, der fünf Jahre in Englands unteren Profiligen gespielt und 34-mal das Tor der liechtensteinischen Nationalmannschaft gehütet hat. Er denkt, die Bodenständigkeit und das Familiäre des FC Vaduz sowie der Charakter der Spieler seien der grösste Trumpf der Liechtensteiner im Abstiegskampf.

Basil Stillhart (FC St.Gallen)

Mit seiner Mentalität unverzichtbar für den FC St.Gallen: Basil Stillhart.

Mit seiner Mentalität unverzichtbar für den FC St.Gallen: Basil Stillhart.

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Vor einer Woche hatte Basil Stillhart mit einem cleveren Abschluss den FC St.Gallen in Genf noch zum so wichtigen 1:0-Sieg über Servette und damit in den Cupfinal geführt. An diesem Mittwochabend aber musste der 27-Jährige im Letzigrund über die weniger schöne Seite des Saisonverlaufs sprechen: die Abstiegssorgen der St.Galler in der Super League. Beim 2:2 in Zürich hatte der Aufbauer den Platz des gesperrten Betim Fazliji in der Innenverteidigung eingenommen und gut gespielt. «Bis auf die ersten zwanzig Minuten waren wir die bessere Mannschaft», sagt Stillhart. «Nach dem zweiten Gegentor kurz vor der Halbzeit haben wir die Pause genützt und uns gesagt, dass wir hier noch etwas holen können», berichtet der Vorkämpfer. Und tatsächlich kamen die St.Galler durch Tore von Lukas Görtler und Adamu in den letzten 20 Minuten zu einem Punktgewinn. «Unsere Reaktion war top. Andere Mannschaften im Abstiegskampf brechen nach einem 0:2-Rückstand ein und kommen nicht mehr zurück», lobt Stillhart sein Team für Moral und Mentalität.

Warum, Basil Stillhart, wird der FC St.Gallen nicht absteigen? «Weil wir gegen Lausanne und Servette gewinnen und damit alle Diskussionen beenden», sagt der Ostschweizer. Er räumt aber ein: «Es ist immer noch eng. Immerhin konnten wir gegenüber Vaduz einen Zähler gutmachen und den Vorsprung von drei Punkten auf Sion wahren.» Wichtig sei für ihn, dass seine Mannschaft nicht auf Schützenhilfe angewiesen sei, sondern es in den eigenen Füssen habe, den Klassenerhalt zu sichern. «So gesehen ist alles gut», beruhigt Stillhart Umfeld und Fans. Auf eine Barrage könnte er aber ohne Zweifel gut verzichten. Was in einer solchen passieren kann, hat er im letzten Jahr schmerzlich mit dem FC Thun erlebt, der als klarer Favorit an Vaduz scheiterte und in die Challenge League abstieg.

Marco Schönbächler (FC Zürich)

Weiss, wie der Hase läuft: Marco Schönbächler, FC Zürich.

Weiss, wie der Hase läuft: Marco Schönbächler, FC Zürich.

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Erst kürzlich hat Marco Schönbächler nach der 1:3-Niederlage in Luzern gewarnt: «Es kann im Fussball schnell gehen, und du stehst ganz plötzlich unten in der Tabelle.» Nach 15 Profijahren weiss der Flügelspieler, wovon er spricht. Er hat 2016 den Abstieg miterlebt, als niemand beim FC Zürich auch nur im Traum damit gerechnet hatte, am Saisonende in der Challenge League zu landen. «Die Situationen von damals und heute sind durchaus vergleichbar», sagt Schönbächler.

Es scheint, als wären die Worte des 31-Jährigen, der 350-mal für den FCZ aufgelaufen ist, ungehört verhallt. Am Mittwoch, nach dem 2:2 gegen St.Gallen, steht dem Urdorfer der Ärger über den leichtfertig verspielten Sieg ins Gesicht geschrieben. Wie in Lausanne drei Tage zuvor hatte seine Mannschaft einen 2:0-Vorsprung hergeschenkt. «Es ist bitter, zweimal auf diese Art vom Platz zu gehen», sagt Schönbächler. Und der Routinier weiss, weshalb es harzt. «Wir schlugen in der zweiten Halbzeit viele Bälle planlos. Wer immer in die Tiefe spielt, kommt nie zum Verschnaufen.» Wie in Lausanne habe auch St.Gallen nach der Pause Druck gemacht und sie, die Zürcher, seien nicht in der Lage gewesen, dagegenzuhalten.

Nicht dagegengehalten! Ist die Zürcher Misere vielleicht eine Frage fehlenden Einsatzes? «Nein», sagt Schönbächler, «am Kampfgeist liegt es nicht. Einfach nur daran, dass wir den Ball nicht halten können.» Stimmt. Gerade von einem alten Fuchs wie Blerim Dzemaili müsste in dieser Hinsicht im zentralen Mittelfeld mehr kommen. Auf die Tabelle angesprochen – sein Team liegt fünf Punkte vor Sion und vier vor Vaduz – sagt Schönbächler: «Hätten wir die Führung heimgebracht, wären wir jetzt gerettet. Nun aber kann es noch einmal eng werden. Wir müssen in Basel und dann gegen Vaduz unbedingt punkten.» Das Omen: Auch 2016 spielte der FCZ am letzten Spieltag zu Hause gegen Vaduz.

Kevin Fickentscher (FC Sion)

Besitzt das Vertrauen von Trainer Marco Walker: Kevin Fickentscher (rechts, FC Sion).

Besitzt das Vertrauen von Trainer Marco Walker: Kevin Fickentscher (rechts, FC Sion).

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7:22 Torschüsse, so liest sich die einseitige Bilanz eines Super-League-Spiels am Mittwoch im Tourbillon. Doch am Ende ist der FC Sion gegen einen hochüberlegenen FC Luzern dank eines späten Tores von Jared Khasa zum 1:1 dennoch mit einem Punkt dagestanden. Nicht zuletzt, weil Kevin Fickentscher im Tor der Walliser ein paar erstklassige Paraden aus dem Hut gezaubert hat. «Ich bin froh, dass ich wieder auf dem Platz stehen darf. Das war in dieser Saison ja nicht immer der Fall», sagt der Keeper des FC Sion. Unter dem neuen Trainer Marco Walker ist er wieder die unumstrittene Nummer 1. Die, man hat es wohl längst vergessen, einmal vier Jahre lang im Nachwuchs von Werder Bremen ausgebildet worden war. «Natürlich haben wir heute gegen Luzern mit einem Sieg geliebäugelt, aber der Gegner war zu stark. Normalerweise verliert man ein solches Spiel. Doch wir haben bis am Ende aufopfernd gekämpft», sagt Fickentscher. «Deshalb betrachte ich dieses Unentschieden positiv und als Erfolg. Vielleicht ist dieser Punkt am Ende sogar der entscheidende zum Klassenerhalt.» Selbstverständlich weiss aber auch der 32-Jährige, dass nun Siege gefragt sind, soll das Zittern ein Ende nehmen. Heute Samstag in Lugano und am kommenden Freitag gegen Basel. «Wir haben beim 3:0 in St.Gallen bewiesen, dass wir gewinnen können», sagt Fickentscher. «Vielleicht haben wir dabei aber so viel Energie verloren, dass gegen Luzern keine bessere Leistung möglich war.»

Kevin Fickentscher, wie beurteilen Sie die Chance, dass der FC Sion nach 15 Spielzeiten auch nächste Saison in der Super League dabei ist? «Die Luft wird immer dünner. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Aber wir leben noch. Das glückliche Unentschieden gegen Luzern hilft uns bei der Regeneration. Vielleicht schaffen wir im Tessin dasselbe wie in St.Gallen: ein Sieg.»

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