Ski-WM St. Moritz

Aberglaube im Millimeterkampf: Wie sich die Favoriten auf ein Rennen vorbereiten

Wie hat sich wohl Tessa Worley auf den Riesenslalom vorbereitet. Was es auch war, es brachte ihr die Goldmedaille.

Wie hat sich wohl Tessa Worley auf den Riesenslalom vorbereitet. Was es auch war, es brachte ihr die Goldmedaille.

Nirgendwo ist der Grat zwischen Sieg und Niederlage so schmal wie im Slalom. Deswegen bereiten sich die Skirennfahrer auch speziell auf dieses Event vor.

Rituale, Marotten und Glücksbringer bestimmen den Alltag vieler Athleten. Was von aussen befremdend oder gar neurotisch wirkt, ist wichtiger Teil der Vorbereitung. Rituale helfen, die Aufmerksamkeit zu bündeln und Körper und Geist auf das richtige Mass zwischen Anspannung und Entspannung zu trimmen.

In keiner Disziplin ist der Grat zwischen Siegen und Fliegen so schmal wie im Slalom, wo die Athleten ihre Skispitzen mit Abständen im Millimeterbereich an den Kippstangen vorbeimanövrieren. Die Läufe sind kurz und Fehler bedeuten das Ende aller Medaillen-Träume. Aberglaube hilft im Kampf um Millimeter und Hundertstelsekunden. Hier die skurrilsten und witzigsten Rituale der Slalom-Asse.

Mikaela Shiffrin - Mozart und Worträtsel

«Die Musik triggert mich. Ich mag Mozarts Kompositionen. Sie sind abstrakt, haben aber einen Rhythmus», erklärt die 19-jährige Amerikanerin einmal im «Spiegel». Es gebe Lieder, die ihr das Gefühl gäben, die Beste der Welt zu sein.

Am Start rufe sie dieses Gefühl ab. «Wenn ich gut fahre, höre ich die Stangen auf den Boden schlagen. Tock! Tock! Das erinnert mich an ein Schlagzeug, es ist wie der Takt eines Songs. Skifahren ist dann wie Tanzen. In meinen stärksten Rennen bin ich ins Ziel getanzt.» Um sich vor den Rennen zu entspannen, löst Shiffrin zudem mit ihrer Mutter Eileen Worträtsel.

Mikaela Shiffrin: «Die Musik triggert mich. Ich mag Mozarts Kompositionen. Sie sind abstrakt, haben aber einen Rhythmus.»

Mikaela Shiffrin: «Die Musik triggert mich. Ich mag Mozarts Kompositionen. Sie sind abstrakt, haben aber einen Rhythmus.»

Michelle Gisin - Eule, Yoga und Sechserreihe

«Ich bin ziemlich abergläubisch und habe einige Rituale. Jeden Morgen mache ich im Hotelzimmer Yoga, und vor dem Start schlage ich die Fäuste zusammen und an den Helm. Als Glücksbringer habe ich eine grosse Plüsch-Eule namens Leo dabei, die mir mein Freund Luca vor anderthalb Jahren geschenkt hat», sagt die Kombi-Zweite vor der WM in St. Moritz zur «Schweizer Illustrierten».

Bei ihren Ski mag sie die Zahl 6 oder alles, das in der Sechserreihe steht. «Mein Servicemann kennt mich schon so gut, dass er das weiss und jeweils die Serien-Nummern austauscht.» 

Michelle Gisin: «Ich bin ziemlich abergläubisch.»

Michelle Gisin: «Ich bin ziemlich abergläubisch.»

Henrik Kristoffersen - Kartenspielen zur Ablenkung

Vor grossen Rennen schläft Henrik Kristoffersen oft schlecht. «Manchmal dauert es eine Stunde, bis ich einschlafe. Aber dann schlafe ich wie ein Baby», sagt der 22-jährige Norweger. «Als ich in den Weltcup gekommen bin, war ich viel nervöser als heute, obwohl ich es am Tag vor einem Rennen immer noch etwas bin.

Am Renntag bin ich meistens ziemlich entspannt und werde nur dann unruhig, wenn ich 15 Minuten bloss herumsitze. Genau deshalb ist etwas Ablenkung wichtig. Nach der Besichtigung spielen wir noch ein bisschen Karten, das beschäftigt den Kopf und lenkt ab.»

Henrik Kristoffersen: Schläft vor grossen Rennen schlecht.

Henrik Kristoffersen: Schläft vor grossen Rennen schlecht.

Wendy Holdener - Weihwasser und «Appenzeller»

Neben Lara Gut galt Wendy Holdener seit Monaten als grösster Schweizer Trumpf. «Trotzdem versuche ich, auch an der WM alles so zu machen wie immer.» Der Ablauf vor einem Rennen sei eingespielt. Immer im Gepäck hat die Kombi-Weltmeisterin ein Fläschchen Weihwasser von ihrem Vater.

«So fühle ich mich meiner Familie nahe.» Unmittelbar vor dem Rennen gönnt sie sich ab und zu einen Schluck eines zucker- und koffeinhaltigen Getränks. Die Mixtur verrät sie nicht, sprach aber einmal von einem Bittergetränk, das wie ein Appenzeller schmecke, aber keinen Alkohol beinhalte. 

Wendy Holdener: Hat in ihrem Gepäck immer ein Fläschchen Weihwasser von ihrem Vater.

Wendy Holdener: Hat in ihrem Gepäck immer ein Fläschchen Weihwasser von ihrem Vater.

Frida Hansdotter - Pinke und blaue Nägel

Eine Woche vor ihrem WM-Rennen posiert die WM-Zweite im Slalom von 2015 stolz mit neuen Stöcken. Farbe: Pink. «Eigentlich bin ich keine ‹Pink-Person›. Ich trage nie pinke Kleidung, aber ich stehe auf Nagellack. Und Pink ist meine SlalomFarbe, die mir Glück bringt», sagt die 31-jährige Schwedin.

Es ist ihr Ritual, sich die Nägel erst am Tag vor dem Rennen in der entsprechenden Farbe zu lackieren. «Es gibt mir das Renngefühl. Sobald ich meine Nägel angemalt habe, macht es in meinem Kopf klick.» Am Donnerstag waren Hansdotters Nägel noch blau. «Meine Riesenslalom-Farbe.»

Frida Hansdotter: «Eigentlich bin ich keine Pink-Person.»

Frida Hansdotter: «Eigentlich bin ich keine Pink-Person.»

Felix Neureuther - Linke Socke, linker Schuh

Ist jemand besonders schlecht gelaunt, heisst es meist, er sei mit dem falschen Fuss aufgestanden. Falsch, das wäre im Fall von Deutschlands Slalom-Ass Felix Neureuther aber anders als normal, das rechte Bein.

«Ich gehe immer zuerst in den linken Skischuh rein und in den linken Ski. Dann folgt der Faustgruss mit meinem Servicemann und meinem Physio. So ein bisschen abergläubisch bin ich dann schon», sagt der 32-Jährige. Es sei aber die einzige Extravaganz, die er sich leiste. «Ich muss einfach wissen, dass ich gut vorbereitet bin», sagt der WM-Slalom-Zweite von 2013.

Felix Neureuther: «Ich gehe immer zuerst in den linken Skischuh rein und in den linken Ski.»

Felix Neureuther: «Ich gehe immer zuerst in den linken Skischuh rein und in den linken Ski.»

Marcel Hirscher - Kein Ritual als Ritual

Vom Training zur Ernährung bis zum Material und der Wahl der Matratze. Der Österreicher Marcel Hirscher überlässt nichts, aber auch gar nichts dem Zufall. Diese Akribie hat ihn zum fünffachen Gesamtweltcup-Sieger und besten Skifahrer der Gegenwart geformt.

Von Ritualen aber hält der fünffache Weltmeister, der gestern auch erstmals im Riesenslalom Gold holte, wenig. «Ich habe keine. Mein Ritual ist es, kein Ritual zu haben. Man stelle sich vor, ich hätte einmal keine Zeit, dieses Ritual durchzuführen. Dann würde ich ja gar nicht mehr funktionieren», sagte der 27-Jährige einmal.

Marcel Hirscher macht nichts besonderes vor einem Rennen.

Marcel Hirscher macht nichts besonderes vor einem Rennen.

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