31. Powerman
Weltmeisterschaft im Duathlon in Zofingen: Dreifachsieg für die Schweizerinnen

Am 31. Powerman Zofingen ist Weltmeisterin Petra Eggenschwiler nach einem Sturz ausgeschieden. Weil gleich drei Schweizerinnen nachrückten, gelang trotzdem ein Podium in rot-weiss. Bei den Männern wird Jens-Michael Gossauer Vize-Weltmeister.

Melanie Gamma und Pascal Kamber
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Die strahlenden Sieger: Schweizerin Nina Zoller und Belgier Diego Van Looy.
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Den Sieg holt sich der Belgier Diego Van Looy. Darauf folgt der Schweizer Jens-Michael Gossauer. Bronze geht an Belgier Seppe Odeyn.
Powerman Zofingen 2019

Die strahlenden Sieger: Schweizerin Nina Zoller und Belgier Diego Van Looy.

Powerman Zofingen

Dieses Gefühl wird Nina Zoller nie mehr vergessen. Als sie auf der abschliessenden, 30 Kilometer langen Laufstrecke spürte, dass sie ihr Tempo durchziehen kann. «Das gab mir Aufwind und ich flog fast ins Ziel», so die Churerin. Ihre letzte Verfolgerin Melanie Maurer musste die Nationalkaderkollegin ziehen lassen. «Meine Beine waren leer, ich musste echt beissen», so die in Wikon aufgewachsene Bernerin. Mit einem Rückstand von 2:17 lief die 31-Jährige ins Ziel ein, mit einer «Daumen-hoch-Geste». Keine Spur von Enttäuschung, dass sie wie im Vorjahr mit Rang 2 Vorlieb nehmen musste? «Nein, ich bin glücklich mit Silber. Es war noch knapper als letztes Jahr, aber Nina war stärker und ich gönne ihr den Triumph.»

Nach zwei vierten Plätzen schaffte Nina Zoller den Sprung aufs oberste Treppchen und darf sich Duathlon-Langdistanz-Weltmeisterin nennen. «Das ist der Hammer und fühlt sich speziell an. Es ist unbeschreiblich schön, dass ich dieses harte Rennen gewinnen konnte.» Dann waren ihre Gedanken bei Petra Eggenschwiler. Die Titelverteidigerin stürzte auf der zweiten Radrunde in der Unterführung Strengelbacherstrasee unmittelbar vor Maurer und Zoller.

«Es ging so schnell, mir rutschte einfach das Velo weg», so die Solothurnerin. «Erst dachte ich, wir sollten anhalten und ihr aufhelfen», blickte Nina Zoller zurück, dann aber rappelte sich Eggenschwiler selber auf und versuchte, die drei Minuten Rückstand aufs Führungsduo wettzumachen. Die Schürfung am Gesäss und Prellungen sowie der ohnehin von einer Schleimbeutelentzündung geschwächte Fuss bereiteten ihr aber nach den 150 Radkilometern zu starke Schmerzen. Unter Tränen musste sie aufgeben.

Umso mehr war Nina Zoller in der Folge bestrebt, alles dafür zu tun, dass der WM-Titel in Schweizer Händen bleibt. Die Bündnerin schob als Erste ihr Bike in die Wechselzone, 18 Sekunden nach ihr verliess auch Melanie Maurer die Arena wieder. Beim Brunngraben liefen die beiden Seite an Seite, ehe die spätere Siegerin auf dem Zofinger Heitern die entscheidende Attacke wagte und WM-Gold entgegenlief. Mit Silber für Melanie Maurer und Bronze für Corina Hengartner (St. Gallen) gab es erstmals seit 2002 ein reines Schweizer Podest.

Von Krämpfen gebremst, aber mit Silber mehr als zufrieden

Beinahe hätte auch bei den Männern ein Einheimischer den WM-Titel geholt: Jens-Michael Gossauer. Der Greifenseer ging auf dem ersten Lauf das hohe Tempo des Feldes mit: «Ich musste dabei ans Limit gehen und ärgerte mich später, dass das eigentlich sinnlos gewesen war.» Denn auf dem Rad «bummelten» die Topathleten auf den ersten beiden Runden, sodass dahinter einige aufschliessen konnten.

«Ich achtete darauf, kaum Führungsarbeit zu verrichten und sparte so Kraft», so Gossauers Taktik. Letztlich kam eine Siebnergruppe zurück in die Wechselzone – mit dem Triathleten und Powerman-Neuling Diego Van Looy aus Belgien.

Das Kräftedosieren zahlte sich für Jens-Michael Gossauer aus. «Er lief extrem schnell, ich dachte schon, für mich gebe es nur Platz 2», meinte Van Looy. Dann aber musste Gossauer wegen Krämpfen mehrmals anhalten, was für den 28-jährigen Van Looy das Zeichen war, «richtig zu pushen». Trotz starken Schmerzen in den Beinen kämpfte sich der laufstarke Belgier bei seiner ersten Teilnahme in Zofingen als Weltmeister ins Ziel.

Wann die Uhr stoppte, war ihm egal: «Nur der Rang und der WM-Titel zählen.» Anders sah dies Gossauer, im Vorjahr Achter: «Ich habe nicht Gold verloren, sondern Silber gewonnen und bin sehr zufrieden.» Bronze ging an den Holländer Daan De Groot, den Short-Distanz-Sieger von 2018.

Der Powerman Zofingen hat nun zwei Rekordfinisher

Der Deutsche Sebastian Retzlaff schaffte es zum 20. Mal über die Ziellinie des Langdistanz-Rennens.

Mit den Händen ein Herzchen formend und grinsend überquerte Sebastian Retzlaff die Ziellinie – zum 20. Mal. Der Grenzacher ist damit erst der zweite Athlet überhaupt nach dem Brugger Willi Erismann, der so viele Finishes vollbracht hat. «Es ist eine grosse Ehre für mich, mit Willi gleichzuziehen», sagte Sebastian Retzlaff, «und dieses Jahr war definitv eine der härtesten Ausgaben.» Nach 7:34:35 durfte sich der 47-Jährige von OK-Präsident Stefan Ruf mit einer Sonnenblume gratulieren lassen, als Sieger seiner Altersklasse. «Die Zeit war egal, mein Ziel war die Finishline.»

Lange war unklar, ob der Deutsche überhaupt antreten kann. Er lag seit dem letzten Powerman dreimal auf dem OP-Tisch, zuletzt mit zertrümmertem Schlüsselbein, nachdem ihm ein Auto die Vorfahrt geraubt hatte. Die letzten 12 Wochen konnte er sich beschwerdefrei vorbereiten. «Ich freue mich, dass ich mich wieder bewegen kann, wie ich will.» Der Leistungsdruck sei für den Powermann weg gewesen, «ich wollte einfach für mich die beste Leistung schaffen.»

An seine ersten Teilnahmen 1997 und 1998 erinnert sich der Familienvater bestens. «Alles war so riesig, die Teilnehmerzahlen, die Zuschauermengen, die Tribüne rund um die Arena. Ich habe grosse Augen gemacht.» Heute sei alles redimensioniert, «aber ich hab den Eindruck, der Anlass ist sehr lebendig.» Die Stimmungsnester von damals vermisse er nicht gross. «Heute ist der Powerman weniger Volksfest, sondern Sport pur.» Sehr präsent hat Sebastian Retzlaff jene Ausgaben 2007 (9.) und 2010 (9.), in denen er es overall unter die ersten 10 schaffte, «mit Gänsehaut pur».

Eine Premiere beim «Jubiläum»: keine Krämpfe

Noch präsenter sei, in wie vielen Jahren er mit Krämpfen auf der zweiten Laufstrecke unterwegs war und dachte, er schaffe es nicht ins Ziel, «jene Krisen halt». Wie fand er da raus? «Ich nehme dann das an Essen und Trinken zu mir, was ich noch habe, und motiviere mich mit guten Gedanken.» Heuer habe er keine ganz grosse Krise erlebt und erstmals überhaupt auch keine Krämpfe.

Aufgeben musste Sebastian Retzlaff, dessen Bestzeit 6:45:16 ist, ein einziges Mal. Nach einem Radunfall habe er gemeint, er müsse trotzdem in Zofingen an den Start gehen, musste auf der Laufstrecke dann aber die Segel streichen. Es ist die Länge und Härte des Rennens, was ihn immer wieder nach Zofingen lockt. Der internationale Charakter sei ein weiterer Pluspunkt: «Ich treffe hier Duathlon-Freunde aus der ganzen Welt.» (gam)

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