Interview

Snookerprofi Alexander Ursenbacher: «Manchmal werde ich nach Niederlagen beschimpft»

Alexander Ursenbacher trainiert am liebsten in öffentlichen Hallen: «Ich bin vielleicht allein am Tisch, aber nicht ganz allein zu Hause.»

Alexander Ursenbacher trainiert am liebsten in öffentlichen Hallen: «Ich bin vielleicht allein am Tisch, aber nicht ganz allein zu Hause.»

Alexander Ursenbacher hat als Schweizer Snooker-Geschichte geschrieben. Als erster Spieler aus dem deutschsprachigen Raum hat er die Hauptrunde einer WM erreicht. Diese Erfolge schützen ihn aber nicht vor Hass.

Sie haben etwas getan, was so gar nicht typisch schweizerisch ist. Sie haben nach der obligatorischen Schulausbildung auf eine weitere Ausbildung verzichtet und voll auf Snooker gesetzt. Wie viele Menschen haben Sie damals für verrückt erklärt?
Alexander Ursenbacher: Einige. (lacht)

Das hat Sie aber nicht davon abgehalten, es zu tun.
Ich glaube, in der Schweiz gibt es zwei Typen Menschen. Jene, die den traditionellen Weg wählen. Und jene, die ihr eigenes Ding machen. Wenn ich schaue, wo meine damaligen Schulkollegen heute stehen: Klar, viele haben einen Job, aber andere sind arbeitslos.

Sie meinen, man hat auch auf dem traditionellen Weg keine Garantie?
Genau, es geht immer um einen selbst. Ob man die richtigen Entscheidungen trifft, ob man mit Köpfchen vorgeht. Natürlich braucht es etwas Glück. Und die Unterstützung von Familie und Freunden.

Trotzdem: Die meisten Menschen in der Schweiz setzen lieber auf Sicherheit.
Es gibt Dinge, mit denen muss man sich beschäftigen, bevor man auf etwas setzt. Ich habe schon gewusst, wenn das nicht funktioniert, dann muss ich schauen. Aber sehen Sie: Als Schweizer, wenn ich arbeiten will, irgendwas, dann finde ich etwas. Und es ist ja nie zu spät, eine Ausbildung zu beginnen, sofern man es auch will.

Nehmen Sie uns mit: Wie war es, mit 17 Jahren als Schweizer nach England zu reisen, also quasi in das Land des Snookers, mit dem Ziel, Profi zu werden?
Es war schon komisch am Anfang. Es spricht ja niemand das Schulenglisch, das man kennt (lacht). Aber wenn man offen ist und Humor hat, lernt man schnell Menschen kennen und wenn man Spiele gewinnt, wird man auch als Schweizer ernstgenommen.

Sieben Jahre später standen Sie als erster Schweizer, ja als erster Deutschsprachiger überhaupt, in der Hauptrunde einer WM. Ein riesiger Erfolg.
Natürlich bin ich mir dessen bewusst. Aber mir selbst bringt das wenig. Es ist schön, das schon. Aber ich bin Einzelsportler und als solcher in der ersten Runde ausgeschieden. Ich bin zu­frieden. Aber es wäre noch viel mehr drin gelegen. Aber ich habe ja noch Zeit.

Die besten Snookerprofis verdienen zwar sehr gut. Sie selbst wohnen aber kaum in Fünfsterne-Hotels.
Ich wohne noch zu Hause bei meiner Mutter. Wenn ich nach England reise, dann buche ich oft über Airbnb. Wenn ich mehr Geld hätte, würde ich vielleicht anders leben, obwohl ich da nicht einmal sicher bin. Und ja: Ich kann nicht einfach in eine Garage gehen und mir ein Luxusauto kaufen. Aber ich bin sehr glücklich mit dem Leben wie ich es führe.

Es wird aber immer noch jene geben, die nicht ver­stehen können, was Sie tun.
Egal bei was – wenn Menschen etwas von aussen betrachten, wird es immer solche geben, die kritisch sind, die sagen, du bist nicht ganz dicht. Ich bekomme nach fast jeder Niederlage Nachrichten in den Sozialen Medien. Teilweise richtige krasse Nachrichten.

Von Leuten, die sagen: «Ich habe doch immer gesagt, du schaffst es nicht»?
Das wäre noch lieb. Die Leute beschimpfen mich und zielen auch auf meine Familie. Ich kann hier keine Beispiele nennen, weil diese nicht gedruckt werden dürften.

Was sind das für Menschen, die das tun?
Ich weiss es nicht. Vielleicht solche, die auf Spiele von mir gewettet und Geld verloren haben. Es geht nicht nur mir so. Viele Snookerprofis erzählen mir von solchen Dingen.

Sie verbringen bis zu sechs Stunden am Tag in Trainingscentern, die zudem oft in sterilen Industriehallen sind. Und am Snookertisch will man möglichst keine direkte Sonneneinstrahlung. Entsteht da nie Lagerkoller?
Ich habe mir mal überlegt, selbst einen Tisch zu kaufen, um bei mir zu Hause zu sein. Aber ich glaube, das ist nicht gesund. Man braucht Ablenkung, etwas Atmosphäre.

Sie sind nicht gerne allein?
Genau. Natürlich trainiere ich viele Stunden allein am Tisch. Aber es läuft immer mal wieder jemand vorbei. Ich höre und sehe andere Menschen. Ich bin eine soziale Person. Ich brauche Menschen. Ich bin vielleicht allein am Tisch, aber nicht ganz allein zu Hause.

Was wünschen Sie sich in Bezug auf Ihren Sport für die Schweiz?
Talent ist in der Schweiz da, das merke ich immer wieder. Es gibt junge Spieler, die es weit bringen könnten. Aber offenbar will es keiner durchziehen.

Weil eben wenige bereit sind, alles auf eine unsichere Karte zu setzen.
Nein, es ist gar nicht nur das. Ich meine auch die Art, zu spielen. In England kommen die Spieler und verbringen viele Stunden am Tisch. Und vor allem: Sie wollen gewinnen und weiterkommen. In der Schweiz, wenn es jemandem nicht läuft, kommt eine Ausrede nach der anderen. Und sehr schnell hören sie dann auf, statt weiter dranzubleiben.

Ein Mentalitätsproblem?
Ja. Es ist eine Luxusproblem. Uns geht es in der Schweiz sehr gut. Man muss wenig tun, um ein gutes Leben zu haben. Da ist die Verlockung gross, zu sagen, wenn das nicht funktioniert, dann mache ich etwas anderes. Egal ob im Beruf oder in der Freizeit.

Sie ticken anders.
Absolut. Egal, was ich tue, auch abseits vom Snookertisch. Wenn ich merke, dass ich etwas besser könnte als ich es kann, dann macht mich das beinahe wahnsinnig. Dann übe ich so lange, bis ich es besser kann. Ich bin sehr ehrgeizig. Sehr, sehr ehrgeizig.

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