Ringen
Freiämter stürzen aus dem goldenen Himmel

17:17-Niederlage gegen Willisau für die Freiämter Ringer im ersten Nationalliga-A-Finalkampf in Muri. «Wir liessen uns zu sehr provozieren und wichen in einigen Kämpfen vom Weg ab», sucht Trainer Adi Bucher nach Gründen.

Wolfgang Rytz
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Nach dem zweiten Freiämter Schultersieg durch Christian Zemp (oben) gegen Daniel Häfliger schien Freiamt einem sicheren Mannschaftssieg entgegenzugehen.

Nach dem zweiten Freiämter Schultersieg durch Christian Zemp (oben) gegen Daniel Häfliger schien Freiamt einem sicheren Mannschaftssieg entgegenzugehen.

Wolfgang Rytz

Nach den verlorenen Finalserien in den vergangenen zwei Jahren zeichnet sich erneut ein Freiämter Fehlgriff nach dem Schweizer-Mannschaftsmeister-Titel ab. In der Best-of-3-Serie ging das Startduell gegen Willisau in der heimischen Bachmattenhalle in Muri vor 1000 tobenden Zuschauern knappestmöglich verloren. Beim Endstand von 17:17 nach zehn teilweise turbulenten Einzelkämpfen entschieden 7:3-Siege für den Titelverteidiger.

Der Hinkampfmodus bevorteilte die Aargauer Ringerhochburg leicht. Das Team des gesperrten Trainers Marcel Leutert hat sich nach dem erneut bitteren Finaltaucher im letzten Jahr geschworen, 2022 im dritten Anlauf Willisau endlich zu entthronen. Durch den verletzungsbedingten Ausfall von Teamstütze Samuel Scherrer und den überzeugenden Halbfinalauftritt schien zum Finalstart in Muri alles gerichtet für einen ersten Schritt zur Goldmedaille. Auch nach dem Abwägen, das keine Aufstellungsüberraschungen hervorbrachte, blieb Freiamt leichter Favorit.

Freiamts Olympionike Pascal Strebel (links) verlor erstmals gegen den Willisauer Junioren Michael Portmann.

Freiamts Olympionike Pascal Strebel (links) verlor erstmals gegen den Willisauer Junioren Michael Portmann.

Wolfgang Rytz

Harziger Auftakt, ...

Der Siegesplan der Gastgeber geriet schon in der Anfangsphase ausser Kurs, weil die beiden abgehungerten Trainersöhne Nils und Nino Leutert jeweils knappe Punktniederlagen erlitten. Nach einer langen internationalen Saison wirkten beide ausgepowert und ideenlos. Stattdessen holte Freiamts Doppellizenzringer Damian von Euw mit nur 1:2-Mannschaftspunkten im Duell zweier Internationaler gegen den 25 kg schwereren Delian Alishahi mehr heraus als budgetiert.

... und dann der grosse Knall

Im vierten Mattenduell liess dann Magomed Aischkanow die Aargauer Fans explodieren. Der Tschetschene im Freiämter Team konterte einen Beinangriff von Olympiateilnehmer Stefan Reichmuth mit filigraner Technik. Weil der Willisauer Topringer zu hartnäckig verteidigte und keine Wertung abgeben wollte, geriet er in eine aussichtslose Lage, bei der er sich sogar eine Beinverletzung zuzog.

Leidender Willisauer Olympiaringer Stefan Reichmuth bei seiner überraschenden Schulterniederlage gegen Magomed Aischkanow.

Leidender Willisauer Olympiaringer Stefan Reichmuth bei seiner überraschenden Schulterniederlage gegen Magomed Aischkanow.

Wolfgang Rytz

Diesem Schultersieg liess Michael Bucher mit einer abgeklärten Leistung gegen den ultradefensiven Lukas Bucher weitere 3:0-Mannschaftspunkte für Freiamt folgen. Somit führten die Aargauer trotz 2:3-Einzelsiegen zur Halbzeit 10:6.

Wie gewonnen, ...

Die zweite Hälfte begann für die Gastgeber mit einer Schrecksekunde. Willisaus krasser Aussenseiter Daniel Häfliger erwischte Christian Zemp mit einem Hüfter. Doch auf dem letzten Zacken wand sich der vor Energie strotzende Rückkehrer aus der bedrohlichen Lage. Im nächsten Angriff realisierte Zemp dann seinerseits den Schultersieg. Nach diesem so klar erwarteten Freiämter Sieg führte das vom reaktivierten Adi Bucher betreute Heimteam 14:6. Somit war noch ein Einzelerfolg zur Siegsicherung nötig.

... so zerronnen

«Ich forderte zur Pause vier Einzelsiege in der zweiten Hälfte, und sie versprachen mir diese», erklärte Willisaus Trainer Philipp Rohrer später. Schritt für Schritt setzte der Titelverteidiger das Vorhaben dank seiner ringerischen Klasse in den mittleren Gewichtsklassen um.

Freiamt erlebte ein finales Déjà-vu. Zuerst büsste Olympionike Pascal Strebel gegen Junior Michael Portmann eine 4:2-Führung ein, dann narrte der für den erkrankten Gergely Gyurits nominierte Willisauer Aufsteiger der Saison, Mansur Mavlaev, 25 Sekunden vor Ablauf der Zeit Marc Weber mit einem blitzschnellen Beinangriff.

Vor den zwei letzten Mattenduellen blieb Freiamt eine Reserve von fünf Mannschaftspunkten. Im Duell zwischen dem Altinternationalen Randy Vock und dem aktuellen Willisauer Internationalen Tobias Portmann gelang dem gewichtsmässig unterlegenen Freiämter zum vierten Mal in diesem Vergleich keine technische Wertung. Schlimmer noch: Das Kampfgericht beurteilte eine Aktion Vocks 20 Sekunden vor Schluss als Kopfstoss und verwarnte den EM-Bronzegewinner von 2019. Das erhöhte seinen Rückstand auf sechs technische Punkte, womit Willisau 3:0-Mannschaftspunkte erhielt.

Fiasko für Meister Willisau: Kampfrichter Jean-Claude Zimmermann erklärt den Freiämter Magomed Aischkanow (rechts) als Sieger, links der geschlagene und verletzte Stefan Reichmuth.

Fiasko für Meister Willisau: Kampfrichter Jean-Claude Zimmermann erklärt den Freiämter Magomed Aischkanow (rechts) als Sieger, links der geschlagene und verletzte Stefan Reichmuth.

Wolfgang Rytz

Den Schlusspunkt unter Freiamts Drama in zehn Akten setzte die 1:6-Punktniederlage von Yves Müllhaupt gegen Jonas Bossert. Willisaus Altinternationaler liess sich auch von den Unsicherheiten des Kampfrichtertrios nicht beirren, profitierte bis zum 6:0 aber auch von einer seltsamen Entscheidung. Freiamts Doppellizenzringer wehrte sich zwar nach Kräften, doch die 1:3-Mannschaftspunkte für Willisau führten trotzdem zum 17:17-Ausgleich. Dieser liess die Luzerner jubeln, weil die 7:3-Einzelsiege klar zu ihren Gunsten entschieden.

Wohl haderte Freiamt nach diesem fatalen Ende mit einigen zweifelhaften Kampfrichterentscheiden. Ersatzcoach Adi Bucher, der die Freiämter von 2016 bis 2018 als Trainer geführt hatte, zeigte sich selbstkritischer: «Wir müssen die Schuld bei uns suchen; wir liessen uns zu sehr provozieren und wichen in einigen Kämpfen vom Weg ab.» Willisaus Trainer Rohrer sprach vom «grösseren Willen», den sein Team in der zweiten Hälfte aufgebracht habe. Er analysierte: «Entscheidend war die Entwicklung von Mansur Mavlaev und Michael Portmann im letzten Jahr. Das hat uns letztlich den Sieg eingetragen.»