Zwei Frauen haben fünf Ringe im Visier. Die Aargauerin Elena Quirici und die Zürcherin Petra Klingler wollen im Sommer 2020 in Tokio Sportgeschichte schreiben. Für beide Athletinnen eröffnet sich die Chance, ihre Sportart bei der olympischen Premiere zu vertreten. Und sowohl Karate-Kämpferin Quirici als amtierende Europameisterin wie auch Sportkletterin Klingler als Weltmeisterin von 2016 dürfen sogar leise von einer Medaille träumen.

Derzeit befinden sich die 25-jährige Quirici und die zwei Jahre ältere Klingler auf der Mission, sich überhaupt für den erstmaligen Auftritt ihrer Disziplin im sportlichen Olymp zu qualifizieren. Alles andere als ein Selbstläufer, denn einerseits ist die Dichte an der Spitze in den beiden weltumspannenden Sportarten gross, andererseits legt man für die Karate-Premiere in Tokio verschiedene Kategorien zusammen. Quirici, die in der Gewichtsklasse bis 68 Kilogramm antritt, muss sich in Japan auch mit den ganz schweren Girls ohne Gewichtslimite messen. Nur zehn Athletinnen dürfen in der für Olympia vereinten Kategorie an den Start.

Jüngst erhielten Quiricis Olympiaträume einen argen Dämpfer. Nicht etwa, weil es der Schinznacherin sportlich schlecht läuft. In den drei bisherigen Qualifikationsturnieren stand sie einmal zuoberst auf dem Podest und einmal im Final. Aber ein sportpolitischer Entscheid sorgt für gehörigen Frust. Die Organisatoren der Olympischen Sommerspiele 2024 in Paris haben entschieden, welche Sportarten sie zusätzlich ins Programm aufnehmen. Im Rahmen der Agenda 2020 des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) dürfen die Olympiastädte ab 2020 zusätzliche Sportarten ins Programm aufnehmen. Die Bedingung dafür ist, die vorgegebene Höchstzahl von 10'500 Teilnehmern nicht zu überschreiten.

Paris stellt Karatekas 2024 kalt

Während Peking für die Winterspiele 2022 keine eigenen Wünsche eingab, setzt Paris zwei Jahre später weitgehend auf Kontinuität. Mit Skateboard, Surfen und Sportklettern berücksichtigen die Franzosen drei der fünf Olympia Premieren von Tokio erneut. Baseball und Karate müssen zugunsten von Breakdance weichen. Dies ausgerechnet im Land, das nach Japan als bedeutendste Karate-Nation der Welt gilt. 167 WM-Medaillen gewannen französische Kämpfer bisher. Begründet wird die Auswahl mit der Philosophie, auf ein junges, urbanes Publikum setzen zu wollen. Dafür wählte man Sportarten mit Wettkämpfen ausserhalb konventioneller Arenen und mit ausgesprochen starker Präsenz in sozialen Netzwerken.

Der Aufschrei in der Karate-Welt ist gross. «Wir werden nicht aufgeben», sagte Antonio Espinos, der Generalsekretär der Welt-Karate-Föderation, trotzig. Auch Elena Quirici, die an diesem Wochenende in Spanien versuchen wird, ihren EM-Titel zu verteidigen, schüttelt den Kopf. «Als wir es im Trainingslager erfuhren, waren alle sehr gefrustet. Leid tun mir vor allem die jungen Sportler, für die Tokio noch zu früh kommt. Ihnen wurde der olympische Traum wieder weggenommen.» Für sie selber bedeutet das Wegfallen der Perspektive Paris 2024 eine neue Ausgangslage, wenn «ich nach Tokio über meine sportliche Zukunft entscheiden werde».

Was aber sagt man beim Olympischen Komitee zur Situation von Karate? Kit McConnell, der Sportdirektor des IOC, weist darauf hin, dass die neue Möglichkeit der Austragungsorte, Sportarten zu benennen, in erster Linie eine grosse Chance für diese sei, Teil des olympischen Programms zu sein. «Es gibt noch viele Sportarten, die gerne dabei wären.»

Auch das IOC selbst hat Möglichkeiten, das olympische Programm zu ändern. So stand Ringen für Tokio 2020 auf der Kippe und zuletzt gab es Diskussionen um Boxen (wegen des umstrittenen Präsidenten) und Gewichtheben (wegen der vielen Dopingfälle). Erstmals dabei wird im Sommer 2020 Streetball sein, eine Basketball-Variante mit 3 gegen 3 Spielern. Auch dies ein Schachzug, um ein jüngeres Publikum für Olympia zu begeistern.

Zwei weitere Faktoren haben im Rahmen der Agenda 2020 für das IOC höchste Priorität. Dass man Synergien bei der Benützung von Wettkampfstätten schafft und dass die Geschlechter im gleichen Masse vertreten sind. In Paris werden erstmals in der olympischen Geschichte exakt die gleiche Anzahl Sportlerinnen wie Sportler teilnehmen.

McConnell will nicht ausschliessen, dass Karate 2028 in Los Angeles zurück ins Programm rückt. Durch die Doppelvergabe der beiden Sommerspiele 2024 und 2028 hat das IOC bei der Festsetzung des Programms so viel Vorlaufzeit wie noch nie. Bereits 2021 will man dieses festlegen. Dannzumal mit den Erfahrungen von Tokio.

Für die Athletin Elena Quirici wird Los Angeles kaum mehr ein Thema sein. Ihr olympischer Traum ist auf Japan ausgerichtet. Dem ordnet die 25-Jährige alles unter. Erst am 15. März beendete sie die Spitzensport-Rekrutenschule. Ihren 40-Prozent-Job als kaufmännische Angestellte hat sie gekündigt, um in den nächsten Monaten als Profisportlerin optimale Bedingungen für ihr grosses Ziel zu schaffen. Ironie des Schicksals. Die allerletzte Gelegenheit, sich für Tokio zu qualifizieren, bietet sich Elena Quirici im April 2020 – in Paris.