Kantonaler Turnverband
Für den kantonalen Turnverband heisst es nun einen Kraftakt leisten um ein Kunstwerk zu ernten

Es stehen entscheidende Wochen für das neue Aargauer Turnzentrum an. Werden sie es schaffen, eine geeignete Infrastruktur zu finden?

Rainer Sommerhalder
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Das derzeitige Turnzentrum in Niederlenz wird bald einen Platz in den Geschichtsbüchern finden.

Das derzeitige Turnzentrum in Niederlenz wird bald einen Platz in den Geschichtsbüchern finden.

Cristian Iglesias

Die Aargauer Turnfamilie steht vor einer wegweisenden Entscheidung. Es geht um die Zukunft des regionalen Leistungszentrums und damit letztlich um die Perspektiven des Spitzensports im Kanton. An der Delegiertenversammlung des kantonalen Turnverbands (ATV) am 11. November in Niederlenz, werden die Delegierten darüber abstimmen, ob sie den von der Projektgruppe vorgeschlagenen Weg mittragen.

Ob sie bereit sind, dank dem Projektierungskredit von 150 000 Franken die Machbarkeitsstudie für einen konkreten neuen Standort zu ermöglichen. Und ob sie dem Zentralvorstand des ATV die Kompetenz anvertrauen, die geeignete Rechtsform für das neue Turnzentrum zu bestimmen.

Eine Aktiengesellschaft könnte es sein, auf jeden Fall soll das Herzstück des Aargauer Turnsports auch organisatorisch auf professionellen Füssen stehen.

Lichterlöschen 2020

Wieso dieser Kraftakt überhaupt notwendig ist? Das regionale Leistungszentrum in Niederlenz, welches den Aargau 1998 in die oberste Hubraumklasse des Schweizer Turnsports katapultierte, muss den bisherigen Standort im Hetex-Areal verlassen. Ursprünglich kündigte der Besitzer das Mietverhältnis auf Ende 2018, zwischenzeitlich konnte der Trainingsbetrieb bis Ende März 2020 sichergestellt werden. Man hofft jetzt beim ATV auf einen zeitlich abgestimmten Zügeltermin ins neue Objekt.

Aus der Not geboren, hat die Suche nach einem neuen Standort inzwischen eine grössere Dimension erreicht. «Das Turnzentrum ist von zentraler Bedeutung für den Turnsport im Aargau», sagt ATV-Präsident Jörg Sennrich. Es geht auch um die Führungsrolle, welche der Aargau im Turnen verkörpert.

Seit dem Einzug in Niederlenz hat man zwei Generationen von Topathleten hervorgebracht, welche für die Schweiz Medaillen an EM und WM eroberten. Zuerst jubelten Turner wie Niki Böschenstein, Roland Häuptli und Mark Ramseier, in jüngster Vergangenheit galt der Applaus Oliver Hegi und Christian Baumann.

Rund 40 Aargauer Namen findet man aktuell in den nationalen Kadern. Damit belegt der Aargau einen Drittel aller Plätze. 650 Stellenprozente stellt der ATV für die Trainerarbeit in Niederlenz zur Verfügung, um die Talente möglichst optimal zu fördern.

Eine geeignete Infrastruktur muss gefunden werden

Doch die Aargauer Vorreiterrolle hat die anderen Regionen längst angestachelt, ebenfalls stark in die Professionalisierung zu investieren. Mit modernen Infrastrukturen und renommierten Trainern haben regionale Zentren wie die Ostschweiz, Zürich oder Genf den Rückstand wettgemacht oder bereits auf die Überholspur ausgeschert.

«Anstatt wie bisher 1500 m2, brauchen wir künftig 2500 m2», rechnet Peter Fischer, der Präsident Genossenschaft Aargauer Turnzentrum, vor. Immerhin gilt es, für rund 120 regelmässig innerhalb der Aargauer Kaderstrukturen trainierende Kinder und Jugendliche eine geeignete Infrastruktur zu stellen. Der Standort Niederlenz ist längst an seine Grenzen gestossen.

Doch den Verantwortlichen der Projektgruppe schwebt noch mehr vor. Neben Räumen für Regenerationsmassnahmen, für die Sportschule und auch für die Geschäftsstelle des Verbandes, strebt man auch eine intensive «Mantelnutzung» an. Mit dem Ziel, das Turnen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. «Es soll ein Turnzentrum für alle Turner sein», sagt Sennrich.

Man will das Know-how des Spitzensports gezielt auf die Vereine übertragen. Das Leistungszentrum soll auch Ausbildungszentrum sein und für Private oder Firmen ein attraktiver Veranstaltungsort. Sennrichs Vision lautet: «Wir wollen nicht nur 42 000 Turner bewegen, sondern einen möglichst grossen Teil der Aargauer Bevölkerung.»

Drei Varianten zur Auswahl

Knapp 20 mögliche Objekte hat die Projektgruppe geprüft. Nun stehen drei mögliche Standorte zu Auswahl, zwei in der Region Lenzburg, einer im Grossraum Aarau-Lenzburg. Neben einem Gebäude zur Miete, eine mögliche Halle in Partnerschaft mit einem anderen Nutzer und ein eigenes Bauprojekt.

Im Frühling 2018 braucht es den definitiven Standortentscheid, damit der Betrieb idealerweise im Jahr 2021 aufgenommen werden kann. Peter Fischer schätzt die Investitionskosten auf 6 bis 9 Millionen Franken.

Um das Projekt definitiv zum Fliegen zu bringen, benötigt man nun also einen mutigen Entscheid der Vereinsdelegierten. Und Jörg Sennrich kennt angesichts der wiederkehrenden Betriebskosten die Notwendigkeit einer breiten finanziellen Abstützung: «Es braucht so oder so einen grossen Effort des ATV und die überwältigende Solidarität der Turnfamilie.»

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