Ein Abschied mit erst 25 Jahren. Das ist doch viel zu früh. Diese Bemerkung hat Dimitri Isler seit Bekanntgabe seines Rücktritts immer wieder gehört. Und tatsächlich kamen bei ihm in den letzten Tagen Emotionen hoch. Als er seinen Entscheid den Kollegen vom Aerials-Team offenbart, als er das Gespräch mit seinem langjährigen Sprungtrainer führt.

«Da hat es sehr weh getan und tut es auch jetzt noch», sagt der Aargauer aus Seengen, «aber ein Abschied von jener Tätigkeit, die mein Leben massgeblich bestimmte, würde auch in fünf Jahren noch wehtun». Dimitri Isler ist sich zu hundert Prozent sicher, dass der Rücktritt der einzig richtige Entscheid ist. Er hat ihn bewusst aufgrund von sachlichen Kriterien gefällt.

«Ich habe vor der Saison eine Liste mit Zielen definiert, die ich erreichen will», verrät der dreifache WM-Teilnehmer. Es waren sportliche Punkte, aber auch gesundheitliche und mentale Aspekte. Die Analyse nach dem letzten Springen ergab eindeutig: Ziele verfehlt!

«Ich muss jetzt auch mir selber gegenüber konsequent sein», sagt er. Es seien letztlich viele kleine Details gewesen, die sich zu einem eindeutigen Zeichen ergänzten. Eines davon ist, dass es im letzten Winter nur fünf Weltcupspringen gab. Also kaum Gelegenheit, die Ernte für den enormen Aufwand einzufahren.

Jeden Tag am Limit

Zwölf Jahre sprang Isler von den Skiakrobatik-Schanzen dieser Welt, die letzten sechs Winter als Profi. Der Höhepunkt war die Olympiateilnahme in Pyeongchang im Februar 2018. Danach spürte der Seetaler die Lust, noch mindestens einen Winter anzuhängen. Doch nun ist die Motivation einem anderen Bedürfnis gewichen. Er habe den starken Drang, punkto sportlicher Betätigung zuerst einmal runterzufahren und es gemütlich zu nehmen.

«Beim Aerial geht man Tag für Tag in jedem Training ans absolute Limit. Man steckt in jeden Sprung die volle Überzeugung. Das sind extreme Adrenalinschübe», erklärt er. Deshalb weiss Isler, dass er sich neben den Auswirkungen vieler kleineren und grösseren körperlichen Blessuren wegen Stürzen auch mental erholen muss. Er führte ein Sportlerleben auf der Überholspur.

Wandern in den Bergen, surfen im Meer oder baden im Hallwilersee sind Tätigkeiten, auf die sich der 25-Jährige jetzt freut. Es zieht ihn in die Natur. Beruflich sucht der Seetaler, der seine KV-Lehre bei Mammut gemacht hat, ein Praktikum im Bereich Events und Tourismus.

Mittelfristig kann er sich ein Studium an der höheren Fachschule für Tourismus vorstellen. «Aber alles Schritt für Schritt. Ich muss beruflich nicht alles Verpasste von heute auf morgen nachholen.» Und er brauche wohl auch etwas Glück, um das Richtige zu finden. «Vielleicht gibt es ja Arbeitgeber, welche die Qualitäten eines ehemaligen Profisportlers zu schätzen wissen.»

Supersprung nie im Wettkampf

Dimitri Islers Rückblick auf die Höhepunkte seiner Karriere beginnt bei den Grossanlässen, geht über die einmalige Teamdynamik im Olympia-Vorbereitungslager in Japan bis hin zu seinem Supersprung mit drei Salti und fünf Schrauben. Zweimal in seiner Karriere hat Isler dieses Kunststück, das nur ganz wenige Athleten auf der Welt beherrschen, gezeigt.

Beide Male im Training im Hinblick auf Pyeongchang. Wieso nie im Wettkampf? «Das ist kein Sprung für die Qualifikation. Das ist ein Sprung für den Moment, wo es um alles oder nichts geht. Und in diese Situation kam ich leider nicht.» Auch das ein Grund, wieso es den Skiakrobaten Dimitri Isler ab sofort nicht mehr gibt.