Futsal
Badener Futsal B-Ligist kickt im Gefängnis Lenzburg

Das Futsal NLB-Team Jester Baden spielt in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg gegen zwei Gefangenen-Teams. Ein spannendes Erlebnis für Häftlinge als auch für die Futsal-Spieler - mit einem überraschenden Ausgang.

Andreas Fretz
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Gefangene und Spieler des B-Ligisten Jester 04 Baden (in neonfarbenen Shirts) in der JVA Lenzburg. afr

Gefangene und Spieler des B-Ligisten Jester 04 Baden (in neonfarbenen Shirts) in der JVA Lenzburg. afr

Die Sicherheitskontrollen erinnern an einen Flughafen. Am Schalter hinter der dicken Glaswand nimmt ein Aufseher die Identitätsausweise entgegen. Bald folgt der Gang durch den Metalldetektor. Das Handy bleibt draussen, Geräte mit Datenspeicher ebenfalls. Nur die Kamera des Journalisten darf mit in die Turnhalle der Justizvollzugsanstalt (JVA) Lenzburg. Die Gruppe passiert ein Gerät zur Gesichts-Erkennung, eine Tür weiter befindet sich ein Gerät zur Iris-Erkennung.

Die Gruppe, das sind acht Spieler der Futsal-Mannschaft Jester 04 Baden und ihr Trainer Martino Tazza. Auf sie wartet ein besonderes Turnier. Die «Hallenfussballer» erhielten eine Einladung des Vollzugsangestellten Hanspeter Schär. «Futsal-Turnier mit Jester 04 Baden am Dienstag, 7. Februar», steht darauf ganz lapidar. Oben links prangt das Logo der JVA Lenzburg. Als Gegner warten zwei Gefangenen-Teams auf die NLB-Spieler aus Baden.

Gute Werbung für Futsal

Noch ist die Stimmung gespannt, ab und zu wird sie durch einen lockeren Spruch gelöst. Im Raum mit dem Scanner steht eine Vitrine mit zahlreichen Pokalen. «Pöschwies» oder «Sennhof» steht auf ihnen. Alles Namen von Vollzugsanstalten. Beim Blick auf die Trophäen ruft Jester-Captain Mauro Capozzolo: «Jungs, wir müssen aufpassen. Die haben schon mehr gewonnen als wir.» Zweieinhalb Stunden später ist klar, dass Capozzolo mit seiner Warnung recht behalten sollte.

Als das Team von Jester im vergangenen Herbst die Anfrage von Organisator Hanspeter Schär erhielt, musste man nicht zweimal überlegen. «Das ist gute Werbung für unser Team und die junge Sportart», erklärt Jester-Präsident und -Goalie Patrick Fischer, «dafür gehen wir auch für einige Stunden ins Gefängnis.» Fussballspiele zwischen Gefangenenteams und Klubs sind in Lenzburg fast schon Tradition. Der FC Aarau, der FC Lenzburg, der FC Sarmenstorf und der Schiedsrichter-Verband kickten schon hinter Gittern. Das Futsal-Turnier ist indes eine Premiere.

«Knastis» sind beim Sport anständig

Bevor die Mannschaft von Jester die Halle betritt, will es ein Spieler doch noch wissen: «Was sind das für Häftlinge? Was haben sie verbrochen?» Doch Namen und Straftaten werden nicht verraten. «Es hat alles darunter», sagt Schär, «wir sind eine geschlossene Anstalt, die Gefangenen sitzen in Einzelhaft, den Rest könnt ihr euch selbst ausmalen.» Das sitzt. Doch der Vollzugsangestellte Schär, der abends in die Rolle des Freizeitleiters der Gefangenen schlüpft, beschwichtigt. «Die Erfahrung zeigt, dass sich die Gefangenen bei solchen Anlässen sehr anständig, fast schon zurückhaltend verhalten.» Für Schär ist es wichtig, den Insassen eine Abwechslung zu bieten. Der Kontakt zur Aussenwelt ist eine solche Abwechslung.

Selbst Schär kennt die Straftaten seiner Spieler nicht, oder zumindest nicht im Detail. Will er auch gar nicht: «Ich will die Gefangenen nicht anhand ihrer Straftaten einschätzen, ich nehme die Leute so, wie ich sie beim Sport erlebe, das ist es, was für mich zählt.» Einmal pro Woche steht Futsal auf dem Programm, 12 der insgesamt 180 Gefangenen trainieren in der Gruppe mit Schär und dem externen Trainer Peter Grossmann. Daneben gibts auch eine Fussball- und eine Badminton-Gruppe. Futsal wird in Lenzburg seit zwei Jahren gespielt.

Häflinge demütigen den B-Ligisten

Bevor das Kräftemessen hinter den Gefängnismauern losgeht, instruiert Grossmann die Gastmannschaft über die Regeln: «Nach dem dritten Foul gibt es einen Penalty», sagt er. Doch einen Penalty wird es an diesem Dienstagabend nicht geben, höchstens mal einen Freistoss. Die drei Teams spielen je zweimal gegeneinander. Der Respekt ist gross. Fallen zwei Spieler, hilft man sich gegenseitig auf die Beine, nach einem Rempler klopft man sich kollegial auf die Schulter, dazwischen gibts Szenenapplaus für besonders gelungene Aktionen. Die Konzentration gilt voll und ganz dem Ball. Nebst den Gefangenen und den Jester-Spielern befinden sich nur Schär, Grossmann und ein Aufseher in der Halle.

Schnell wird klar, dass das weisse Team der Gefangenen ein echter Prüfstein ist. Gegen das grüne Team gewinnt es in der Vorrunde zweimal klar, gegen Jester verliert es zweimal mit nur einem Tor Differenz. Im Final stehen sich Jester und Team Weiss erneut gegenüber. Und dann die faustdicke Überraschung: Die Gefangenen geben alles, holen das Letzte aus sich heraus und bezwingen den B-Ligisten mit 4:3. «Man hat gut gemerkt, dass dieses Turnier für die Gefangenen ein Highlight war», sagt Jester-Trainer Tazza. «Sie haben sehr anständig gespielt, das hätte ich nicht erwartet, in der NLB geht es heisser zu und her.» Und dann sagt Tazza noch: «Ich hätte nie gedacht, dass sie so gut sind.»

«Zum ersten Mal gerne verloren»

Nach dem letzten Schlusspfiff kommen auch erste Gespräche zustande. Es stellt sich heraus, dass ein Spieler von Team Weiss diesen Sport in Serbien professionell betrieben und dass der Goalie einst ein Handball-Tor gehütet hat. «Ich wusste, dass sie gut sind», sagt Schär mit einem verschmitzten Lächeln, «aber heute sind sie über sich hinausgewachsen.» Ein Lächeln liegt auch auf dem Gesicht des Torwarts von Team Grün: «Wir sind schon den ganzen Tag kribbelig gewesen, haben uns enorm auf diese Spiele gefreut. Es tut gut, mal neue Gesichter zu sehen. Das ist eine echte Abwechslung.» Seit vier Jahren sitzt der Torwart von Team Grün in der JVA Lenzburg, 2020 kommt er raus. «Das Sportangebot hier bedeutet mir sehr viel», sagt er, «so viele Jahre ohne Sport: das würde überhaupt nicht gehen.»

Nach dem Gruppenfoto und der Dusche geht es für die Häftlinge zurück in die Zellen. Die Spieler von Jester kommen in den Genuss einer exklusiven Führung durch die JVA. Die acht Quadratmeter kleinen Zellen hinterlassen Eindruck. Schnell wird klar: das ist Realität, dagegen war das Geschehen in der Turnhalle nur ein Spiel. Ein Spiel jedoch, das angesichts dieser Realität an Bedeutung gewinnt. Beim Verlassen der JVA sagt Trainer Martino Mazza: «Ich glaube, heute haben wir zum ersten Mal gerne verloren.»

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