Oensingen/Olten

Wie eine Solothurner Familie die Krisenzeit meistert – damals und heute

Das Hochzeitsbild von Jean und Anna Dobler-Ziegler.

Das Hochzeitsbild von Jean und Anna Dobler-Ziegler.

In Krisenzeiten rücken die Menschen näher zusammen, heisst es. Leider stimmt das nicht immer. Auch in der Vergangenheit nicht. Wie sich Familiengeschichten – wenn auch heute etwas weniger tragisch als früher – wiederholen können, erinnert das Schicksal der Anna Ziegler aus Oensingen.

Wie gut nur, dass Anna als junges Mädchen noch nicht wissen konnte, welcher Schicksalsschlag sie ihr Leben lang begleiten sollte. Nämlich den Verlust ihres noch jungen Ehemanns Jean Dobler durch die spanische Grippe im Jahr 1918. Sie war damals eine hochschwangere Mutter mit drei minderjährigen Kindern und blieb nach dem Verlust des Ehemannes alleine zurück.

Pandemien damals und heute

Die spanische Grippe, die 1918 auf der ganzen Welt wütete, erinnert in vielen Bereichen an die Coronavirus-Pandemie, die wir in diesen Tagen zu überstehen haben. Tragisch bei beiden: Der Tod reitet mit, denn es gibt keine Impfung oder Medikamente dagegen. So schrieb im August 1918 eine solothurnische Zeitung, nicht viel anders als es heute zu lesen ist: «Wie uns soeben mitgeteilt wird, liegen nach Annahme der Ärzte gegenwärtig in Balsthal zwischen 300 und 400 Personen mit der Grippe danieder. Die Krankheit verläuft durchaus nicht harmlos und es ist notwendig, dass die Verordnungen der Regierung strikte innegehalten werden. Im Notspital befinden sich 22 Kranke. Bis jetzt konnten dort 17 Personen als geheilt entlassen werden. Wir möchten aus diesem Anlass unseren Ärzten für ihre aufopfernde Tätigkeit den wärmsten Dank aussprechen, ebenfalls dem Personal des Notspitals, das so verdienstvolle Arbeit leistet.»

Aus dem Artikel vernimmt man weiter: «Mitten aus der Arbeit heraus hat das unerbittliche Geschick, die heimtückische Grippe, wiederum ein Opfer geholt in der Person des noch jugendlichen Jean Dobler, Spediteurchef, im Eisenwerk Klus, und damit einem pflichtbewussten jungen Leben ein frühes Ende bereitet und in eine Familie tiefstes Leid gebracht...». Die Speditionsabteilung der Eisenwerke Klus verlor ihren Chef. Aber der Guss blieb dort nur kurze Zeit liegen. Die Produktion ging schliesslich weiter und mit ihr das Leben.

Die harte Realität einer Witwe

Für die junge Witwe Anna Dobler-Ziegler allerdings war dieses Leben nach der Pandemie nicht leicht zu schaffen. Sie konnte bei all ihrem Leid nicht auf Unterstützung eines sozialen Netzes zählen, wie es heute Hinterbliebenen im Normalfall zusteht. Mit dem Tod ihres Ehemannes verlor sie sogar die Berechtigung, in der Angestelltenwohnung der Eisenwerke weiter leben zu dürfen. Sie musste Platz machen.

Der Kreis der Geschichte schliesst sich fast 100 Jahre später bei Annas Nachkommen, dem Ehepaar Margrit und Peter Niklaus aus Olten. Zum Glück besteht heute doch nicht jene Tragik des Jahres 1918. Offensichtlich hat man aus der Geschichte doch etwas dazugelernt. Die leiblichen Urenkel von Jean und Anna Dobler-Ziegler dürfen sich heute in einem staatlichen sozialen Netzwerk sicher fühlen, von dem Anna nach dem Verlust ihres Ehemannes nur träumen konnte.

Mehr noch: Die Enkel meisterten die grössten Herausforderungen des Lebens ohne Schicksalsschläge und durften dabei gemeinsam Grosses und Nachhaltiges schaffen. Das Anreihen von geraden Ehejubiläen, die Auszeichnung, 20 Jahre Vorsteher der Sekundarschule Olten und Gründer der Oltner Kabaretttage gewesen zu sein, sprechen Bände. Wie würde sich Anna Dobler freuen, sähe sie das.

Die beiden halten sich nun in Anbetracht der Dinge strikte an die Vorgaben der Regierung, so wie unzählige andere Pensionierte und Menschen mit Vorerkrankungen das jetzt auch tun. Wie besser und wie einfacher wir es doch heute trotzdem haben...

Meistgesehen

Artboard 1