Fasnacht

Wenn Egerkingen zu «Negerchinge» wird: Wie weit darf die Narrenfreiheit gehen?

Ausschnitt aus einem Inserat, mit welchem die Fasnächtler werben. ho

Ausschnitt aus einem Inserat, mit welchem die Fasnächtler werben. ho

Seit Jahren nennen die Egerkinger Fasnächtler ihr Dorf während des Narrenregimes «Negerchinge». Dies sorgte in all den Jahren nie für Aufsehen – nun gibt's erstmals Kritik.

Ab heute Mittwoch sind die Narren los: In Egerkingen lädt der «Naare Rot» per Inserat im «Gäu-Anzeiger» zur «Negerchinger Fasnacht 2019». Das ist nichts Neues in der Gäuer Gemeinde. Seit Jahrzehnten schon gilt für die Fasnächtler: Wenn die Gemeindepräsidentin am heutigen Mittwochabend beim «Naarechlapf» den Schlüssel an den höchsten Fasnächtler übergibt – in Egerkingen ist es die «Chräiemuetter» oder der «Chräievater» – wird Egerkingen zu «Negerchingen». Ist dies nicht rassistisch?

Ein Egerkinger Schüler sagte Gemeindepräsidentin Johanna Bartholdi wenige Tage vor Fasnachtsbeginn, er fände es diskriminierend, dass die Dorffasnacht so heisse. Bartholdi erwiderte, sie wolle diese Frage bei der Schlüsselübergabe an die Fasnächtler richten. Sie habe Verständnis für die Diskussion, aber in Egerkingen sei der Begriff nie negativ behaftet gewesen. «Ich habe dem Schüler versichert, dass es eindeutig nicht diskriminierend gemeint ist», sagt Bartholdi. «Jene die sich während der fünften Jahreszeit als ‹Negerchinger› bezeichnen, sind stolz darauf, Teil davon zu sein.»

Bereits im vergangenen Sommer holte die Rassismusdebatte die Basler Fasnacht ein. In den Fokus gerieten die Negro-Rhygass und die Guggemusig Mohrekopf. Beide Vereine haben eine lange Tradition, besitzen ihre Namen seit 90, respektive 60 Jahren. In den sozialen Medien wuchs der Druck auf die beiden Fasnachtsformationen. Als Konsequenz dessen schuf die Negro-Rhygass ihr Logo ab. An den Namen wollen die Basler Vereine festhalten. Die Debatte wird ihre Spuren an der Fasnacht weiterziehen: So gehören die Negro-Rhygass und die infrage gestellte Narrenfreiheit zu den beliebtesten Fasnachts-Sujets.

Fasnachtsmotto: «Flower Power»

Ohne nationale Aufmerksamkeit erzeugt zu haben, stellt Egerkingen seit vielen Jahrzehnten schon ein N an den Anfang des Ortsnamens. Anders als bei den Basler Vereinen ist der schwarze Mann nicht bildlich als Logo oder dergleichen präsent. Die Krähe ist in Egerkingen Symbol für die fünfte Jahreszeit und ziert das Emblem des örtlichen «Naare Rot». Auch mit dem Motto, das die Fasnächtler jeweils setzen, hat der Ausdruck «Negerchingen» nichts zu tun.

Dieses bewegt sich in diesem Jahr in Egerkingen fern von Rassismus. Fern von Äusserungen gegen, welche die politische Korrektheit infrage stellen würden. Die Egerkinger Fasnacht steht 2019 im Zeichen von «Flower Power». Ein Friedenszeichen in Regenbogenfarben ziert das Fasnachts-Inserat. Der örtliche «Naare Rot» betont, «Negerchingen» habe keine tiefere Bedeutung. Den Begriff verwende das Dorf seit eh und je für sein närrisches Treiben. Es habe noch nie Reklamationen gegeben, lässt er verlauten.

Gewohnheit legitimiert nicht

Erst durch die Rassismusdebatte in Basel muss auch Egerkingen sich damit auseinandersetzen, wo die Grenze des närrischen Humors liegt. Für Dominic Pugatsch von der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus ist klar:«Das Wort ‹Neger› ist kein Gag, es ist eine entwürdigende, eine diskriminierende Bezeichnung.»

In ihrem Online-Glossar schreibt die Stiftung: «Der Begriff Neger wurde im 18. Jahrhundert mit dem Aufkommen der Rassentheorien in die deutsche Sprache übernommen.» Vordergründig sei Neger zwar ein neutraler Begriff gewesen. Aber: «So wie die Einteilung der Menschheit in Rassen die Vormachtstellung der Europäer gegenüber kolonisierten, ausgebeuteten oder versklavten Menschen anderer Kulturen und Hautfarbe rechtfertigte, so beinhaltete der Begriff Neger immer auch eine Vielzahl von rassistischen und eurozentristischen Stereotypen.»

Obwohl sich die Vereine in Basel oder Egerkingen seit Jahrzehnten des N-Wortes bedienen, bleibt der Begriff für Dominic Pugatsch auch in der Fasnachtszeit unzulässig. «Nur weil man sich daran gewöhnt, ist es nicht legitim», sagt er. Er wolle den Fall Egerkingen nicht werten oder verurteilen. Doch es stelle sich immer die Frage, ob die Verwendung eines Begriffs noch zeitgemäss ist. «Derber Humor kann an der Fasnacht mal stattfinden, aber herablassend gegen Minderheiten kann auch sie nicht sein.»

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