Gänsbrunnen
Wanderer werden von Kühen angegriffen - als noch der Stier kam, wurde es heikel

Eine Wandergruppe mit Sehbehinderten macht in Gänsbrunnen eine böse Erfahrung auf einer Weide mit Muttertieren. Die Blindenführhunde hatten bei den Kühen Aggressionen ausgelöst.

Alois Winiger
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Die Wandergruppe mit Sehbehinderten beim Abstieg vom Oberdörferberg – hier traf sie auf keine Muttertierherde mehr.

Die Wandergruppe mit Sehbehinderten beim Abstieg vom Oberdörferberg – hier traf sie auf keine Muttertierherde mehr.

Walter Ogi

Meldungen von Mutterkuh-Attacken waren für Walter Ogi bisher eher etwas für die Lachecke. Seit letzten Samstag ist seine Meinung eine andere: Er wurde selber auf einer Weide von Kühen bedrängt und angegriffen. «Nur noch mit Schlägen auf die Nase konnte ich das Tier von mir fernhalten», berichtet er. «Richtig ungemütlich wurde es, als auch der Stier auf dieser Weide seine Angriffslust zeigte.» Ogis zusätzliches Problem war, dass er nicht alleine unterwegs war, sondern er führte eine Gruppe mit Sehbehinderten an. Und dazu gehörten auch zwei Labrador Blindenführhunde, die bei Muttertieren Aggressionen auslösten. «Leider», wie Ogi betont, «denn diese Hunde sind ja bekannt für ihre Gutmütigkeit.»

Keine schlechten Erfahrungen

Passiert ist der Vorfall am vergangenen Samstag im Raum zwischen Backihaus und Oberdörferberg oberhalb Gänsbrunnen. Walter Ogi, seit 23 Jahren Wanderleiter, ist unterwegs mit vier Sehbehinderten und vier Begleitpersonen sowie zwei Labrador Blindenführhunden aus der Gruppe Sohlenblitz der Sektion Zürich des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes. Etwas oberhalb Gänsbrunnen, beim Berghof Montpelon der Familie Lanz, trifft die Gruppe auf eine Gallowayherde mit Kühen, Kälbern und Rindern. Obwohl Ogi bis jetzt keine schlechten Erfahrungen gemacht hat mit frei laufenden Kühen, und über Attacken eher gelacht hat, nimmt er die Begegnung ernst, achtet darauf, keine Aufregung aufkommen zu lassen. So durchquert denn der Wanderleiter die Weide zuerst nur zusammen mit einem der Führhunde und dessen blinden Meisterin. Die Weidetiere folgen ihnen, verhalten sich aber friedlich, der Rest der Gruppe kann ohne weiteres passieren.

Tipps zum Verhalten auf Kuhweiden

Normalerweise sind die Tiere friedlich

Immer wieder kommt es zu Zwischenfällen auf Weiden, wenn Wandersleute auf Mutterkuhherden treffen. Jüngste Beispiele werden aus dem Graubünden gemeldet, wo am vergangenen Wochenende eine Frau von einer Mutterkuh angegriffen, zu Boden gedrückt und dabei schwer verletzt wurde. Eine andere Frau wurde umgeworfen und leicht verletzt. Beim Zwischenfall in Gänsbrunnen, wie im Artikel oben beschrieben, blieb es zum Glück beim Schrecken.
Die Organisation Schweizer Wanderwege gibt Tipps, wie man sich vor unerfreulichen Begegnungen mit Weidetieren schützen kann. Zudem stehen in der Regel Informationstafeln am Weiderand. Wenn immer möglich sollte man langsam und ruhig einen Umweg um die Herde machen und ihr nach Möglichkeit ausweichen. Versperren die Kühe den Weg, ist Abstand zu halten, am besten umgeht man die Herde. Hat man einen Hund dabei, diesen unbedingt an die Leine nehmen und an der von der Herde abgewandten Seite führen. Sollte eine Kuh den Hund angreifen, so ist der Hund loszulassen, damit er fliehen kann. Drohgebärden von Kühne zeichnen sich durch Heben und Senken des Kopfes, Scharren, Schnauben und Brüllen aus. Bemerkt man diese Alarmsignale, soll man die Weide langsam verlassen – und zwar rückwärts. Schnelle Bewegungen wirken auf Kühe bedrohlich.
Alles in allem gilt jedoch: Kühe sind im Grunde nicht gefährlich. Sie sind friedlich und neugierig. (wak)

Da kommt noch der Muni

Etwas weiter oben Richtung Backihaus durchquert die Gruppe eine nächste Weide. Auch da verfolgt sie eine Kuhherde, jedoch verhält sich die, wie Ogi berichtet, schon bald recht aggressiv. Letztlich versperrt die Herde sogar den Wanderern den Weg zum Backihaus. Für Ogi ist klar, dass die Kühe wegen den Hunden aggressiv geworden sind. Er nimmt einen an die kurze Leine und lenkt die aufgebrachten Kühe auf sich, damit die Gruppe einen Ausgang suchen und die Weide verlassen kann. «Das braucht natürlich bei einer Gruppe mit Sehbehinderten mehr Zeit als üblich», fügt Ogi an. Er selber wird immer stärker bedrängt und bis er eine Fluchtmöglichkeit gefunden hat, zwickt er sogar die angriffigste Kuh, um sie auf Distanz zu halten, auf die Nase. «Zum Glück war ich dann bald einmal beim Ausgang, denn mir wurde schon recht komisch zumute, als ich sah, dass auch noch ein Stier seine Angriffslust zeigte.»

«Werde nie mehr grinsen»

Schliesslich kann die Gruppe beim Backihaus in Ruhe picknicken und das Erlebte ausgiebig diskutieren. «Die Leute haben es zum Glück sportlich genommen, zeigten keine Angst», sagt Ogi. «Ich selber werde sicher nie mehr über Meldungen von Mutterkuh-Attacken grinsen.» Nachdenklich stimme ihn und die Mitglieder der Wandergruppe, dass Wanderwege, die über Weiden mit Mutterkuhherden führen, nicht durch Zäune oder durch angepasste Routenführung entlang der Weidezäune sichergestellt werden. «Wir appellieren an die Landwirte, auch an die Sicherheit der Wanderer zu denken bevor Unfälle passieren und die Versicherungen Regress gegen die verantwortlichen Landwirte führen.»

Wenn nötig Tiere umplatzieren

Der in diesem beschriebenen Fall verantwortliche Landwirt ist Ernst Lanz vom Berghof Montpelon in Gänsbrunnen. «Warum gelangen eigentlich die Leute zuerst an die Presse und nicht an uns?», fragt er. «Wir hätten klare Antworten geben können. Es tut uns sehr leid, dass es Probleme gegeben hat.» Zu vermeiden wären diese gewesen, wenn der Wanderleiter gemeldet hätte, dass er mit der Gruppe in der Region unterwegs ist, sagt Lanz. «Wir hätten ihm Tipps geben können und garantiert dafür gesorgt, dass die Gruppe unbehelligt durchwandern kann. Dazu hätten wir sogar die Herden umplatziert, das haben wir nämlich auch schon gemacht.» Wanderleiter Ogi entgegnet, er habe die Strecke etwa sechs Wochen vorher rekognosziert und dabei keine Stellen entdeckt, in denen eine Situation heikel werden könnte. «Das glaube ich ihm gerne», sagt Ernst Lanz, «nur bleibt halt die Situation auf den Weiden nicht immer genau die gleiche. Innerhalb von sechs Wochen kommt es zu Verschiebungen.»

«Problem Hund» nicht neu

Dass Hunde bei den Mutterkühen Aggressionen auslösen können, sei nicht neu. «Dass das auch bei Blindenführhunden der Fall ist, war mir bis jetzt so nicht bewusst», erklärt Lanz. «Aber wenn halt eine Mutterkuh entsprechende Erfahrungen gemacht hat, macht sie keinen Unterschied, was Rasse und Grösse angeht. Hund ist Hund.» Und schlechte Erfahrungen würden sich leider häufen, gerade jüngst seien Leute im Raum Oberdörfer unterwegs gewesen, die ein ganzes Rudel Hunde frei laufen gelassen hat. «Dass die natürlich den Weidetieren nachjagen, ist klar. Unverständlich ist, dass sich die Besitzer nicht bewusst sind, was das Verhalten der Hunde bewirkt.»

Obwohl der Zwischenfall auf der Weide unerfreulich ist, zieht Ernst Lanz trotzdem eine positive Lehre daraus. «Für Wandersleute mit einer Sehbehinderung, die mit Führhunden unterwegs sind, besteht Informationsbedarf. Wir werden jedenfalls mit dem betroffenen Wanderleiter Kontakt aufnehmen und beraten, was sich machen lässt.»

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