Egerkingen

Springen nun Private ein? Das Thema «Spycher» ist noch nicht vom Tisch

Die Gemeindeversammlung lehnte die Anschaffung eines Spychers für Tourismuszwecke entschieden ab. Gründe dafür hatte sie viele. Doch die Diskussion geht weiter: Was mit dem angekauften Emmentaler Spycher passiert ist nämlich noch offen.

Das deutliche Resultat überraschte selbst Gemeindepräsidentin Johanna Bartholdi: 81 der anwesenden 95 Stimmbürgerinnen und Stimmbürger wiesen das Vorhaben, einen Emmentaler Spycher neben der alten Mühle für Tourismuszwecke aufzustellen, an der Gemeindeversammlung unmissverständlich ab. «Man hat im Vorfeld gespürt, dass das Projekt einen schweren Stand haben wird. Aber eine solche Deutlichkeit habe ich nicht erwartet», sagt Bartholdi auf Anfrage.

Alles begann harmlos: Um der Hotellerie, namentlich der City Tax Group Egerkingen einen Gegenwert für die angesparten rund 140'000 Franken an Kurtaxen zu geben, entstand im Gespräch zwischen der Kommission für Kultur, Gesellschaft und Soziales und den Hoteliers die Idee, einen dreistöckigen Emmentaler Spychers anzuschaffen. Er sollte historisches Wahrzeichen und Attraktion im Dorf werden. Gemeinde und Tourismus hätten ihn gleichermassen nutzen sollen. Als im Dezember 2018 das Projekt ins Budget von 2019 aufgenommen wurde, habe sich laut Bartholdi niemand gegen das Vorhaben gewehrt. «Damals habe ich eine Diskussion erwartet», sagt sie. Diese blieb jedoch aus und der Gemeinderat setzte das Verfahren fort. «Im Nachhinein ist klar, dass wir Anfang Jahr eine Infoveranstaltung hätten durchführen sollen.»

Aus einem Stöckli wird ein Spycher

Nach der ersten Pressemitteilung im Februar nämlich wurden erste kritische Stimmen laut: Damals sprach der Gemeinderat noch von einem Emmentaler Stöckli, wie in der Budgetrechnung 2019 festgehalten. «Das hat alte Erinnerungen geweckt», sagt die Gemeindepräsidentin. Nämlich an das Stöckli neben der denkmalgeschützten Alten Mühle, welches in einer «Nacht- und Nebelaktion» abgerissen wurde. «Wir wussten daher, dass es sich um ein äusserst sensibles Projekt handelt», fährt sie fort. Zum Schutz der Alten Mühle wurden diverse Abklärungen mit der Denkmalpflege gemacht. Und: Es sei von Anfang an klar gewesen, dass der Investitionsantrag von rund 82'500 Franken vor den Souverän kommt.

Nach Ankündigung der definitiven Pläne im Sommer 2019 war nur noch von einem Emmentaler Spycher die Rede. Das sorgte für Verwirrung und Kritik. Egerkingen habe ihn bereits für 6'500 Franken über die eingenommenen Kurtaxen angekauft, liess der Gemeinderat plötzlich verlauten. Auch dieses starke Signal konnte das Projekt nicht mehr retten, im Gegenteil: Das Stimmvolk kam vorbereitet zur ausserordentlichen Gemeindeversammlung und überraschte selbst die Gemeindepräsidentin mit unerwarteten Gegenargumenten. Beispielsweise wollten die Bewohner wissen, ob eine Investitionsrechnung über mehrere Jahre gemacht und ob der Einbau von Sanitär- und Heizungsanlagen berücksichtigt worden sei. Bartholdi musste verneinen. «Der Gemeinderat hat sich nicht mit diesen Themen befasst», erklärt sie am Tag nach der Versammlung. Sie bezweifle jedoch, dass diese Informationen zu einem Ja geführt hätten. Denn die Argumente der Kritiker hörten kaum mehr auf.

Fehlende Identifikation und falscher Standort

«Wie soll ein Emmentaler Spycher ein Wahrzeichen des Solothurnischen Egerkingen werden?», fragten die Anwesenden. Der Gemeinderat argumentierte, der einzige Unterschied zwischen Berner und Solothurner Spycher sei die Verzierung am Geländer. Doch noch im gleichen Atemzug erwähnte die Gemeindepräsidentin, dass auch der Denkmalschutz bedaure, dass es sich um keinen Solothurner Spycher handle. Man habe aber schlichtweg keinen anderen gefunden. Die Argumente des Gemeinderates befriedigten die Anwesenden nicht. Zwar standen Gemeindepräsidentin Bartholdi und Gemeinderat Franz Fischer vereint aber alleine vor 81 kritischen Egerkingern. Wortmeldungen von Befürwortern blieben aus. Auch Hoteliers, die am stärksten vom Projekt profitiert hätten, blieben, wenn überhaupt anwesend, stumm.

Die Gemeindepräsidentin bedauerte dies. Für das klare Nein war aber der Standort des Spychers ausschlaggebend: Die Anwesenden zeigten kein Verständnis dafür, dass eine der noch wenigen übrig gebliebenen Grünflachen im Dorf überbaut werden solle. Wenn überhaupt, verlangten sie, sollten die Hoteliers Platz für den Spycher schaffen. Die Gemeindepräsidentin entgegnete, dass der Standort bei der Alten Mühle sehr zentral und dadurch auch erreichbar für die Bevölkerung sei.

Was passiert mit dem angekauften Spycher?

Nach der Abstimmung aber zeigte Bartholdi sich verständnisvoll. «Wir haben einige Inputs zum Projekt erhalten und können damit weitermachen», teilte sie der Gemeindeversammlung mit. «Das Stimmvolk ist gegen diesen Standort aber nicht per se gegen das Vorhaben», so ihr Fazit. Dennoch könnte bald ein Emmentaler Spycher im Dorf stehen: Denn bekanntlich ist der Spycher ja bereits angekauft und befindet sich im Besitz der Gemeinde.

Halb im Scherz bemerkt Bartholdi daraufhin, dass es private Interessenten für das Gebäude gebe. Auf Anfrage sagt sie, dass bereits mehrere Personen Kontakt mir ihr aufgenommen hätten und ihren Platz zur Verfügung stellen würden. Das Projekt geht somit wieder zurück an die Kommission, die sich eine neue Lösung überlegen muss. Es bleibt also weiterhin spannend.

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