Neuendorf
Nach «Kassensturz»-Sendung: Autohändler darf das «Autotraum»-Logo nicht mehr nutzen

In einer «Kassensturz»-Sendung bezichtigte ein Kunde den Autohändler «Autotraum» in Neuendorf des Betrugs. Doch so einfach ist die Geschichte nicht. Denn der beschuldigte Händler arbeitete nämlich gar nicht für die betroffene Firma.

Myriam Sperisen
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Bis gestern war noch eine «Autotraum»-Aufschrift bei der Firma Diamond Cars zu sehen. Eigentlich sollten alle Logos bereits verschwunden sein. Die Werbenummernschilder wurden bereits ausgewechselt..

Bis gestern war noch eine «Autotraum»-Aufschrift bei der Firma Diamond Cars zu sehen. Eigentlich sollten alle Logos bereits verschwunden sein. Die Werbenummernschilder wurden bereits ausgewechselt..

Remo Fröhlcher

Teure Boliden stehen bei der Garage an der Dorfstrasse 176 in Neuendorf. Im Ausstellungsraum glänzt gegenwärtig ein Ferrari California, Kostenpunkt: um die 150'000 Franken. Auf dem Vorplatz steht ein spektakulärer, roter BMW M5 zum Preis von 70'000 Franken. Ein Autotraum eben. So hiess ja auch die Garage. Zumindest bis letzten Dienstag, denn die Logos und Fahnen sind inzwischen fast alle verschwunden. Der Franchise-Geber Autotraum AG mit Sitz in Otelfingen ZH kündigte den Vertrag mit der Firma Diamond Cars, Neuendorf, fristlos, mit der Bitte, die Logos so schnell wie möglich zu entfernen.

Grund ist ein «Kassensturz»-Bericht des Schweizer Fernsehens. Darin bezichtigte Konsument Thomas Flückiger die Garage «Autotraum» in Neuendorf des Betrugs. Doch so einfach ist es eben nicht, denn der beschuldigte Autohändler, der sich «Charlie» nannte, aber eigentlich Nasil Caglar heisst, arbeitete gar nicht bei der Firma Diamond Cars, beziehungsweise unter dem Patronat von Autotraum. Er missbrauchte nur deren Briefkopf.

Dem Falschen vertraut

In der SRF-Sendung «Kassensturz» wurde Ende September vom «Fall Flückiger» berichtet. Thomas Flückiger wurde, nachdem er sein Auto im Internet zum Verkauf ausgeschrieben hatte, von einem angeblichen Mitarbeiter der in Neuendorf ansässigen Firma Autotraum kontaktiert. Dieser gab sich als «Charlie» aus. Flückiger gab sich mit der Erklärung des Namens zufrieden, und übergab dem Mann die Autoschlüssel. Wie sich später herausstellte, arbeitete «Charlie» keineswegs für die angegebene Firma, sondern war nur zur Untermiete der Firma Diamond Cars, die wiederum einen Franchise-Vertrag mit der Firma Autotraum mit Hauptsitz in Otelfingen unterhielt. Die unglaubliche Wendung: «Charlie» wie auch Flückigers Auto sind laut «Kassensturz» inzwischen wie vom Erdboden verschluckt. Flückiger erhielt laut Bericht von Nasil Caglar, so «Charlies» richtiger Name, nur gerade um die 3000 Franken, statt der ausgehandelten 16'500 Franken für die Occasion. Der Geprellte ist laut Fernsehbericht davon überzeugt, dass «Autotraum» mitverantwortlich sei. (my)

In Wirklichkeit hatte er respektive seine Firma, lediglich einen Vertrag mit «Diamond Cars» zur Untermiete: Für einen Raum und ein paar Parkplätze. Hätten die Verantwortlichen bei «Diamond Cars» zunächst einen Blick in «Charlies» Betreibungsregisterauszug geworfen, hätten sie schnell gemerkt, dass dieser bankrott ist. «Wir vertrauten ihm, weil seine Firma bei uns ein Auto geleast hatte und die Zahlungen immer pünktlich eintrafen», erklärt Can Kabalay, Inhaber der Firma Diamond Cars in Neuendorf.

«Ganz normaler Betrieb»

Nach dem Bericht des «Kassensturz» verschickte Sükrü Sahin, Inhaber der Firma Autotraum AG in Otelfingen ZH, eine Stellungnahme Richtung Fernsehstudio. Darin betont er: «Autotraum AG ist ein ganz normaler Autohandelsbetrieb. Der von Ihnen geschilderte Vorfall ist uns äusserst unangenehm.» Sahin kennt «Charlie» nach eigenen Angaben überhaupt nicht. Bei näherer Betrachtung offenbart sich dennoch ein merkwürdiger Zufall, der allerdings tatsächlich nichts mit «Charlie» zu tun hat:

Wenn das Bauchgefühl nicht reicht

Autohandel hat viele Facetten, und gerade im Gäu sind sehr viele Occasionen zu sehen. Wie können sich Kunden sicher sein, dass ein Autohändler seriös ist? Zunächst einmal gilt es, an das Bauchgefühl zu appellieren. Wer ganz sicher gehen will, sucht sich eine Garage, die Mitglied beim Verband freier Autohandel Schweiz (VFAS) ist. VFAS-Generalsekretär Stefan Huwyler, der seit Juni im Amt ist, führt aus, welche Kriterien für eine Mitgliedschaft erfüllt sein müssen: «Zunächst einmal braucht es eine Zulassung als Garagist, ein Händlerschild, ein entsprechendes Areal, und natürlich wird auch die Kreditwürdigkeit geprüft.» Zudem müsse der Bewerber seit mindestens zwei Jahren im Autogeschäft tätig sein. «Wir wollen keine Mitglieder, die den Kunden und der Branche schädigen», so Huwyler. Der Verband mit Sitz in Wohlen AG handelt unter dem Motto: «Der VFAS vertritt die Interessen des unabhängigen und freien Autohandels in der Schweiz für Händler und Konsumenten. Er wehrt sich gegen sämtliche Einschränkungen im freien Autohandel». (my)

Die Neuendörfer Firma Diamond Cars war vor vier Jahren ausgerechnet von Sükrü Sahin gegründet worden. Stecken hier etwa doch alle unter einer Decke? Sahin verneint dies auf telefonische Anfrage: «Eigentlich wollte ich damals selbst in Neuendorf zum Rechten schauen, was aber dann aufgrund der Distanz zu Otelfingen nicht möglich war», erklärt er. Deshalb habe er zwei Jahre nach der Gründung die Firma auf Kabalay überschreiben lassen. Dieser habe kein Geld gehabt, da dessen Pizzeria kurz zuvor in Konkurs gegangen sei: «Jahrelang klappte es in der Garage in Neuendorf ohne Zwischenfälle, bis Caglar und Thomas Flückiger das Areal betraten.» «Ich bin sehr enttäuscht, dass es soweit kommen musste, hier wurde ganz klar die Sorgfaltspflicht verletzt», so Sahin. Womit er Kabalays Versäumnis bezüglich Betreibungsregister meint. Er werde nie wieder einen Franchise-Vertrag herausgeben.

Die Firma existiere jetzt nur noch in Otelfingen. Kabalay meinte gestern auf Anfrage dieser Zeitung: «Ich hatte keinen Grund zur Annahme, dass Caglar ein Betrüger ist. Im Gegenteil: Ich wusste, dass Caglar einst eine Autogarage leitete und dass er sein Handwerk versteht.» Er sei anständig herübergekommen. Jedenfalls bis nach Abschluss des Untermietvertrages. Dann folgte das böse Erwachen: «Von der Miete habe ich nie einen Rappen gesehen.»

Caglar habe die Freundschaft zwischen ihnen, Kabalay und Sahin, ganz schön auf die Probe gestellt: «Wegen Nasil Caglar habe ich schlaflose Nächte», so Kabalay. Anzeigen werden sie Caglar allerdings nicht, sie wüssten nicht wofür. Der geprellte Kunde Thomas Flückiger hingegen erstattete Anzeige. Caglar, der gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar war, lässt sich über verschiedene Kanäle verlauten, er wolle Flückiger das Geld zahlen, könne aber nicht, da er insolvent sei.

Laut Recherchen dieser Zeitung wurde gegen seine Firma Interwood Invest AG am 16. August ein Konkursverfahren im Kanton Obwalden eröffnet, wobei Caglar offenbar inzwischen nicht mehr in der Firma tätig ist. Kabalay wie auch Sahin betonen, dass sie nichts mehr mit Caglar zu tun haben wollen: «Wir haben es gut mit ihm gemeint, doch er ist ein Hochstapler», so Kabalay. Und künftig werde er für jeden neuen Mitarbeiter vorgängig einen Auszug aus dem Betreibungsregister verlangen.

Staatsanwaltschaft schweigt

Ob gegen «Charlie» Caglar und die involvierten Firmen Strafverfahren laufen, konnte die Staatsanwaltschaft Solothurn auf Anfrage dieser Zeitung nicht beantworten: «Wir sind nicht befugt, solche Informationen herauszugeben», so die zuständige Mediensprecherin Conny Zubler.