Die Gäuer Künstlergruppe «Lenz Friends» zeigt in ihrem Kunstraum an der Sternengasse 5 ihre neuesten Werke. Als Motto für ihre aktuelle Ausstellung wählte sie «Irreales». Dabei ist das Wortspiel, die Doppeldeutigkeit von irreal als unwirklich und irre, durchaus gewollt.

In seiner Vernissagerede bekräftigte Reto Baumgartner, Inhaber der Oltner Softwarefirma Mysign, dass Kreative immer etwas Künstliches schaffen, sie verändern, verfremden und interpretieren das real Vorhandene, sei es eine Landschaft, ein menschliches Modell oder ihr geistiges oder emotionales Befinden. «Dieses Verändern und Verfremden erst macht Menschen zu Kunstschaffenden, nicht dass sie etwas präzise erfassen und mit handwerklicher Perfektion die Wirklichkeit nachbilden». Gleichzeitig erinnerte Baumgartner daran, dass ob all den «Fake News» inzwischen auch die virtuelle Wirklichkeit nicht mehr immer wahr ist.

Unterschiedliche Interpretation

Unter dem Label «Lenz Friends» treffen sich fünf Künstler sowie eine Künstlerin wöchentlich am Stammtisch an der Egerkinger Sternengasse und initiieren gemeinsame Ausstellungen. An der aktuellen Werkschau beteiligen sich Christoph R. Aerni, Fritz Brack, Martin Heim, Bruno Leuenberger, Sofie Schenker, Edy A. Wyss und als Gast Rebecca Aerni.

Die Herangehensweise der Künstler an die Chiffre «Irreales» könnte unterschiedlicher nicht sein. Schon vor dem Gebäude und auch überall in der Ausstellung «stehen» Fussabdrücke aus rotem Gips herum. Bei diesen «Betrachtern», so der Titel dieser Installation von Edy A. Wyss, muss man sich die vervollständigten Ausstellungsbesucher selber einbilden. Hier wandelt Wyss das Motto irreal in Richtung irrwitzig ab. Ebenso wie bei seinem «Osterhasen», einem mit Kaninchenfell bespannten Eierkarton.

Martin Heim hingegen beschäftigt der Irrsinn unserer Zeit. In seinen Collagen lässt er über Fotos von krakelenden Neonazis oder von verzweifelten Menschen inmitten zerbombter Häuserruinen fabelwesenartige Drachen schweben.

Besucherinnen der Vernissage lassen die Kunst auf sich einwirken. Die roten Fussabdrücke am Boden stellen irreale Besucher dar.

Besucherinnen der Vernissage lassen die Kunst auf sich einwirken. Die roten Fussabdrücke am Boden stellen irreale Besucher dar.

Frauenakt samt Pistole

Bei einem grossformatigen Bild «Himmlisches und Ironisches» von Christoph Aerni versinkt eine Frau mit ausgebreiteten Armen in einer Gewitterwolke im Abendlicht. Ebenfalls mit einem Frauenakt namens «#metoo» samt Pistole reagiert Aerni auf die laufende Debatte.

Am andern Ende der Bandbreite des «Irrealen» agiert Fritz Brack. Von seiner Reise nach Südportugal brachte er wirklichkeitsgetreue Landschaften mit. Seine Aquarelle sind aber nicht fotorealistisch. Beispielsweise beim Olivenbau – ein an sich beliebtes und dankbares Objekt – malt Brack nicht jedes Blatt und jede Rindenborke einzeln, sondern ihn interessiert die Knorrigkeit des alten Baum, der Wind, die Hitze und das flirrende Licht im Gezweige. Das gilt auch für ein Blumenbeet in einem ausgedörrten weissen Hofplatz, dessen Wirkung durch die mehr angedeuteten gekalkten Wände und das ausgebleichte Ziegeldach des Hauses im Hintergrund verstärkt wird.

Desgleichen bewegt sich Bruno Leuenberger im Figürlichen. Allerdings entfernt er seine Felsformationen von der bretonischen Küste ganz aus der natürlichen Umgebung und bettet sie in einen schwarzen Hintergrund ein. Er reduziert die abgeschliffenen Gesteine auf ihre runden Formen. Durch die verfälschten Farben und die Lichtführung vermittelt er dabei das keltisch-mystische Gefühl, welches diese Brocken ausstrahlen.

«Sicht der Kunst ist individuell»

Sofie Schenker wiederum bricht die Wirklichkeit, indem sie «Dominique» in kräftigen flächigen, aber «falschen» Ölfarben porträtiert und ihr Gesicht mit Blumen verschmelzen lässt. Auch die plastischen Kunstobjekte Schenkers, allesamt Frauenköpfe, sprengen unsere gewohnte Wahrnehmung. Den Frauen wachsen Schlangen aus dem Kopf, und die Haut, eine Schale hart wie weisser Marmor, weisst weite Risse auf.

Ganz in das Gebiet des Irrealen ha sich die Gastkünstlerin Rebecca Aerni begeben. Die Tochter Christophs löst die Natur vollständig auf und bildet sie einmal fast impressionistisch in Punkten, dann wieder in herbstfarbenen pastösen Pinselstrichen oder feinen Linienstrikturen ab, immer aber sich im Takt wiederholend. Dadurch lässt die Malerin rhythmisch Farbkompositionen aufblühen, in denen man etwa ein Blumenfeld oder Laubblätter erkennen könnte. Aber, das sagt auch Edy A. Wyss mit seinen roten Betrachter-Füssen: «Die Sicht auf die Kunst ist immer individuell».