Thal-Gäu

«Leben wie zuhause»: Detaillierte Angaben zum Projekt Lindenpark werden gemacht

Der «Lindenpark» der Genossenschaft für Altersbetreuung und Pflege Gäu in Balsthal soll wegweisender Bau für über 120 demenzkranke Bewohner werden.

Vor gut einem Monat fand auf der «Hunzikerwiese» in Balsthal der Spatenstich für ein grosses Bauvorhaben statt. Im «Lindenpark» sollen künftig Personen aus dem Thal und Gäu mit Demenz sowie pflegebedürftige Menschen mit einer kognitiven Behinderung eine Heimat erhalten.

Jetzt sind die Bagger aufgefahren. Träger dieses rund 35 Mio. Franken teuren Bauvorhabens ist die Genossenschaft für Altersbetreuung und Pflege Gäu (GAG). Sie betreibt derzeit das Alterszentrum Sunnepark in Egerkingen, das Alterszentrum Roggenpark in Oensingen sowie die «Stapfenmatt», das Wohnhaus und die Aussenwohngruppe für Menschen mit Demenz in Niederbuchsiten. Derzeit arbeiten 200 Festangestellte, 34 Lernende und rund 70 Freiwillige rund um die Uhr für die rund 175 Bewohnerinnen und Bewohner an diesen drei Standorten.

Der Bedarf

Berechnungen haben ergeben, dass sich bis 2030 die Anzahl Menschen, die an Demenz erkranken, verdoppelt. In den Bezirken Thal/Gäu besteht demnach mittelfristig ein Bedarf von 120 Plätzen für Menschen mit Demenz. Im Kanton Solothurn besteht für den gleichen Zeitraum zudem ein Bedarf von rund 175 Plätzen für pflegebedürftige Menschen mit einer Behinderung (z.B. Trisomie 21).

Im Weiteren besteht für das Wohnhaus für Menschen mit Demenz in Niederbuchsiten mit derzeit 31 Plätzen eine befristete Betriebsbewilligung. «Es galt also, hier eine Nachfolgelösung zu finden», sagt Johanna Bartholdi, Präsidentin der GAG und Egerkinger Gemeindepräsidentin.

Ein modernes Pflegekonzept

Vorbild für das neue Pflegekonzept, das man im «Lindenpark» realisieren möchte, ist die holländische Wohnanlage «De Hogeweyk» bei Amsterdam. Ein eigentliches Dorf für Personen mit Demenz. «Dazu kommen unsere Erfahrungen in der Stapfenmatt in Niederbuchsiten. Diese zeigen aber auch, dass das holländische Konzept nicht eins zu eins umgesetzt werden kann.» Das sagt Gina Kunst, Geschäftsleiterin der GAG. «Unser Konzept muss schweizerischen und regionalen Gegebenheiten angepasst werden; also den Menschen, die hier leben.»

Als zentrales Element übernehme man das sogenannte Normalitätsprinzip. «Der Bewohner muss sich nicht dem Leben im Pflegezentrum anpassen, sondern das Pflegepersonal passt sich dem Heimbewohner an. Das braucht viel Verständnis, nicht nur von den Pflegenden, sondern auch von den Angehörigen, in der Regel von erwachsenen Kindern», weiss Kunst.

Vier Säulen, damit sich die Bewohner wohl fühlen

Das Pflegekonzept im «Lindenpark» ruht auf vier Säulen: Normalität, also das gewohnte Leben weiterleben; Wohnen in Wohngruppen mit Gleichgesinnten; Aktivierung und Betreuung geht auf die Individualität ein; die Infrastruktur sorgt für die Behaglichkeit der Bewohner.

«Wichtig ist immer, dass sich Bewohner nicht selbst gefährden dürfen respektive vom Setting keine Fremdgefährdung ausgeht.» Man habe erfahren, dass ein Leben in kleineren Gruppen besser ist und dies möglichst mit den gleichen Pflegenden, die normale Kleidung tragen. «Ein Leben also wie zuhause in einer Wohnstube.»

Wir Pflegende müssen lernen, Vertrauen zu haben

Gina Kunst betont: «Die Eingewöhnungsphase ist jeweils die schwierigste für alle. Wir müssen uns anpassen und zum Beispiel akzeptieren, dass es Leute gibt, die gerne unterwegs sind. Wir geben ihnen dann ein GPS-Gerät mit, damit wir wissen, wo sie sind.

Wir Pflegende müssen lernen, Vertrauen zu haben. Das ist Arbeit – auch für die Mitarbeitenden. Und besonders wichtig: Wir müssen die Biografien unserer Bewohner kennen und wir müssen versuchen, Rituale aufrecht zu erhalten.» Mit diesem Betreuungskonzept erfahre man auch in der «Stapfenmatt», dass weniger Medikamente gebraucht werden, die Leute besser schlafen und besser essen.

Der Bau

Die Hunzikerwiese ist ein Areal von über 15'000 Quadratmeter, das mitten in Balsthal zwischen Bahnhof und Reformierter Kirche liegt. Sie befindet sich damit in der Zone für öffentliche Bauten. Ursprünglich war vorgesehen, hier eine Dreifach-Halle zu bauen. Diese wurde dann aber gegenüber als Haulismatthalle realisiert.

«Wir haben im Vorfeld insgesamt elf Standorte in der Region Thal und Gäu evaluiert», sagt Bartholdi. «Die Hunzikerwiese war das ideale Gelände», ergänzt Patrick Scarpelli von der cctm consulting AG, der die GAG in Sachen Lindenpark seit 2015 begleitet und betreut.

Das Projekt findet Anklang bei der Bevölkerung

Zunächst musste ein Gestaltungsplan ausgearbeitet werden und dieser Prozess hat sich als sehr positiv erwiesen. Es gab keine Einsprachen, auch nicht beim darauffolgenden Baubewilligungsverfahren. «Das Projekt findet also in der Bevölkerung breiten Anklang. Darüber sind wir sehr froh», erwähnt André Grolimund, Vize-Präsident der GAG und Gemeindevizepräsident von Härkingen.

Die Architektur soll ins Balsthaler Ortsbild passen – eine erste Prämisse. Gebaut werden drei Häuser: Ein Mehrzweckgebäude mit grossem Eingangsbereich und mit Bistro als Treffpunkt. Ein Raum der Begegnung, der auch von Aussenstehenden genutzt werden kann, ein Arztzimmer, ein Wellnessraum und ein Coiffeursalon sind hier weiter geplant. Vorgesehen war ursprünglich noch ein Einkaufsladen, welcher aber aus konzeptionellen Gründen vorerst nicht realisiert wird. Es wird aber eine Fertigungsküche eingerichtet, denn gekocht wird im Alterszentrum Egerkingen, wie übrigens für alle Aussenstationen der GAG.

Multifunktionale Wohneinheiten richten sich nach dem Bedarf

In den beiden Wohnhäusern sind 8 Wohngruppen mit je 7 von Demenz betroffenen Personen und 3 Wohngruppen mit je 7 Menschen vorgesehen, die von einer kognitiven Behinderung betroffen sind. Zudem ist eine Nacht-/Tagesstätte mit 7 Plätzen zur Entlastung von pflegenden Angehörigen vorgesehen. Pro Haus gibt es sechs Wohnungen. «Es sind alles multifunktionale Wohneinheiten, deren Zimmer auf einfache Weise zum Einer- oder Doppelzimmer verändert werden können. Ein ausgeklügeltes Zimmerkonzept, welches speziell für den Lindenpark entwickelt wurde und auf welches wir sehr stolz sind», sagt Grolimund.

Pro Wohnung gibt es rund 250 Quadratmeter Raum. Genug Platz für vier Doppelzimmer und einem Gemeinschaftsraum für die insgesamt sieben Personen. Die Wohnungen verfügen drinnen und draussen Platz, um sich zu bewegen, beispielsweise über Balkone. «Diese Flexibilität der Wohnungen war auch ein ausschlaggebendes Argument bei der Finanzierung mit den Banken», ergänzt Scarpelli noch. Eine Gartenanlage mit langen Spazierwegen, Sitzgelegenheiten, Hochbeeten, Brunnen, Obstbäumen und Sträuchern sowie ein Kinderspielplatz runden das Gelände ab.

In Zukunft Platz für bis zu 120 Bewohner

Im «Lindenpark» sollen 84 Bewohner Platz finden. «In Zukunft ist eine Aufstockung bis 120 Plätze denkbar, doch wir bauen in Etappen», ist von Bartholdi weiter zu erfahren. 31 Personen aus der «Stapfenmatt» ziehen gleich zum Start, der für Sommer 2022 vorgesehen ist, in den «Lindenpark».

Gina Kunst weiss dazu: «Den Bewohnern ist es nicht wichtig, ob sie nun in Niederbuchsiten oder Balsthal leben. Für sie ist das nahe Umfeld, die Betreuung wichtig. Auch ältere Personen mit geistigen Behinderungen ziehen mit ein. Wir machen die Erfahrung, dass diese zwei Personengruppen recht gut miteinander auskommen.»

Finanzierung und Trägerschaft

Trägerschaft der GAG ist die Delegiertenversammlung, grundsätzlich die beteiligten Gemeinden aus dem Gäu und neu auch aus Balsthal. «Wir finanzieren uns über die Investitionskostenpauschale, die in der Gesamtpflegetaxe eingebunden ist», sagt Bartholdi. Ein Businessplan wurde erarbeitet und den Banken vorgelegt. Die Kosten sind mit rund 35 Mio. Franken veranschlagt.

«Der Verwaltungsrat stellte sich von Beginn weg ganz hinter das neue Wohnkonzept», sagt Bartholdi. «Dieses Normalitätsprinzip leuchtete ein. Wir haben auch Schulungen absolviert, um darüber mehr zu erfahren.» Die GAG sei ein Betrieb, der auch für die Mitarbeitenden interessant sei. «Wir bieten neu in Balsthal zusätzliche 2300 Stellenprozente an.» Und ein Detail heute schon zum Schluss: «Wir suchen noch jemanden, der unsere Obstbäume pflegen kann. Am besten ein Landwirt, vielleicht schon pensioniert, der sich mit dieser Arbeit auskennt.»

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