Oensingen

Kein «Grüezi» mehr: Was tun gegen die Anonymisierung im Dorf?

Oesningen ist eine stark wachsende Gemeinde, wo die Bevölkerung durch viele Wegzüger und Neuzuzüger rasch ausgewechselt wird. Das Resultat: Verlust des Dorflebens und des zwischenmenschlichen Austauschs.

Oesningen ist eine stark wachsende Gemeinde, wo die Bevölkerung durch viele Wegzüger und Neuzuzüger rasch ausgewechselt wird. Das Resultat: Verlust des Dorflebens und des zwischenmenschlichen Austauschs.

Eine Oensingerin beschäftigt sich in ihrer Masterarbeit mit der zunehmenden Anonymisierung. Was tun dagegen?

Was tun gegen die zunehmende Anonymisierung im Dorf? In einer stark gewachsenen Gemeinde wie Oensingen, wo die Bevölkerung durch viele Wegzüger und Neuzuzüger rasch ausgewechselt wird, manifestiert sich der Verlust des Dorflebens und des zwischenmenschlichen Austauschs. Dies realisierte Yvonne Beuret, ihres Zeichens Zuzügerin aus dem nahen Balsthal. Sie griff die Thematik in ihrem Masterstudium der Sozialen Arbeit auf, nachdem sie den Kontakt mit Gemeindepräsident Fabian Gloor gesucht hatte. Oensingen beauftragte Beuret und ihre Studienkollegin Olga Egli daraufhin, Handlungsempfehlungen für mögliche Generationenprojekte zu entwickeln.

Beuret und Egli analysierten die Bevölkerungsstruktur und setzten sich mit dem Ort auseinander. Kernstück der Studie waren Einzelinterviews und ein Gruppeninterview mit Jugendlichen im Jugendraum sowie über 150 Fragebögen, die sie auswerteten. Daraus ging hervor, dass alle Altersgruppen der Oensinger Bevölkerung mehr Austausch zwischen den Generationen befürworten. Es bestehe kein Bedarf nach einem Generationenprojekt im engeren Sinne, die Bevölkerung wünsche sich vielmehr einen öffentlichen Raum, der zur Begegnung einlädt. «Die Menschen wünschen sich, dass die vorhandenen Plätze – konkret der Sternenplatz und der Kronenkellerplatz – aufgewertet werden», führte Yvonne Beuret am Montagabend vor dem Gemeinderat die Ergebnisse aus.

Welche Rolle kann die Gemeinde einnehmen?

Die jüngeren Generationen würden sich Sportangebote wie eine offene Turnhalle oder eine Skateanlage wünschen. Über alle Altersgruppen hinweg war unbestritten: Oensingen braucht auch künftig einen Jugendraum. Das entsprechende Projekt läuft. Die Gemeinde überprüft derzeit, wie sie die verwaiste Roeckhalle künftig für die Jugend umnutzen kann. Weiter ergab die Projektarbeit, ein vermehrter Austausch zwischen den Vereinen und der Gemeinde sei erwünscht.

Oensingens Vizegemeindepräsident Georg Schellenberg dankte Yvonne Beuret in Abwesenheit des entschuldigten Fabian Gloor für die Projektarbeit. Oensingen wolle die Ergebnisse aufnehmen. Die Frage, ob und wie die Gemeinde die Wünsche umsetzen kann, wird der Rat an einer künftigen Sitzung beantworten. Schellenberg wies auf die «sehr lange Liste an Vereinen» hin, die das Dorf mit sehr vielen Aktivitäten bereichern. Auch die beiden Kirchen würden mit ihrem breiten Angebot viel leisten. Da stelle er sich die Frage, was die Gemeinde darüber hinaus leisten könne. «Es kann nicht die Aufgabe der Gemeinde sein, Leben ins Dorf zu bringen», sagte Schellenberg. Er erinnerte sich an seine Jugendjahre in den 40er- und 50er-Jahren. «Damals kümmerte sich die Gemeinde nicht um uns», so Schellenberg.

Aber sie hätten von sich aus die Initiative ergriffen. Auch dem Gemeinderat ist die zunehmende Anonymisierung nicht entgangen. Schellenberg bemerkte etwa, ihm sei aufgefallen, dass man sich in Oensingen nicht mehr Grüezi sagt. «Wenn ich in Oensingen Grüezi sage, erschrecken die Menschen», so Schellenberg.

Kronenkellerplatz und Sternenplatz im Fokus

Der Rat war sich einig, dass die Gemeinde die Infrastruktur zur Verfügung stellen und einen Jugendraum anbieten muss. Der Projektentwurf der beiden Masterstudentinnen beinhaltet auch Vorschläge, wie sich die Infrastruktur anpassen liesse. Die Autorinnen kommen zum Schluss: «In Oensingen fehlt es an Grünflächen mit Sitzgelegenheiten.» Ihre Ideenskizze orientiert sich an den geäusserten Bedürfnissen, wonach etwa der Kronenkellerplatz mit einer Skaterbahn oder anderen Sportspielgeräten (beispielsweise Basketball, Schach oder Fussball) ausgerüstet werden könnte. Gewünscht wurden auch eine Feuerstelle, ein Pflanzbeet als urbaner Garten, bequeme Sitzgelegenheiten oder ein Amphitheater. Am Sternenplatz wünschte die Bevölkerung ein Wasserspiel, Sitzgelegenheiten, Bäume und eine mobile Gastronomie, die durch lokale Vereine betrieben werden könnte. Die Projektverfasserinnen geben jedoch zu bedenken: «Allgemein gilt für die Umgestaltung des Kronenkellerplatzes wie auch für den Sternenplatz, dass in der politischen Gemeinde die finanziellen Mittel sehr eingeschränkt sind und sich in der Bevölkerung ein fehlender Wille zur Mitgestaltung abzeichnet.»

Deshalb gelte es im Dorf auch das Bewusstsein zu wecken, dass die Bevölkerung etwas für das Zusammenleben tun kann, bilanzieren Beuret und Egli. Die bestehende Infrastruktur gelte es zu beleben. Das Problem der Anonymisierung ist nicht nur in Oensingen aktuell.

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