Dass sie es versteht Türen zu öffnen, wird bei der herzlichen Begrüssung gleich klar. Ines Kreinacke führt ins Sitzungszimmer auf der Thalstation. Das Mineralwasser, das auf dem Tisch steht, sprudelt nicht mehr. Aus dem Mund der aus Baden-Württemberger stammenden Kreinacke sprudeln dafür die Worte. Die Geschäftsführerin entschuldigt sich sogleich für die PET-Flaschen, welche der Naturpark seinen Gästen anbietet. Diese seien nun mal noch vom Weihnachts-Catering übrig geblieben. Ansonsten würde der Naturpark Thal Hahnenwasser servieren. Kreinacke lebt die Kultur des Naturparks, die sie in den letzten zweieinhalb Jahren selbst geprägt und definiert hat. Die 53-Jährige kam in einer Phase, als der Naturpark im Thal durch Unruhen in der Organisation mit vielen Personalwechseln Kredit verspielt hatte und in der Kritik stand. Kreinacke verstand es, Ruhe zurückzubringen. Anfang Juni gab das Bundesamt für Umwelt bekannt, dass der Naturpark Thal das Parklabel für weitere zehn Jahre und die Periode 2020 bis 2029 erhält.

Als Sie Ihre Stelle als Geschäftsführerin antraten, schrieb diese Zeitung, sie sässen auf einem heissen Stuhl.

Ines Kreinacke (lacht): Der ist inzwischen komfortabler.

Das Polster ist dicker geworden?

Durchaus. Auch damals hatten wir einen grossen Rückhalt bei allen Partnern. Aber die Kritik war zu diesem Zeitpunkt vielleicht nicht ganz unberechtigt. Über die lange Spanne des Naturparks ist jedoch sehr gute Arbeit geleistet worden. Dann gab es Phasen, die ein wenig harziger waren. Verschiedene Personalwechsel und Konstellationen haben sicher dazu beigetragen. Es ist klar, dass es bei einem solch langen Projekt Schwankungen gibt. Und wir sprechen nicht bloss vom Zeitraum von zehn Jahren, denn es gab noch die ganzen Vorbereitungsarbeiten. Die Arbeiten begannen also vor rund 15 Jahren. Da ist es ganz normal, dass es Aufs und Abs gibt.

Bei Ihrem Antritt sagten Sie auch, sie würden jeweils gefragt, wie lange Sie bleiben würden. Ist dem noch immer so?

Es hat sich umgedreht und dies tut mir auch gut: «Hoffentlich bleibst du lange», heisst es nun meist. Da bin nicht ich persönlich gemeint, sondern das Team und die Konstellation.

War es eine Art «Thaler Skepsis», die Ihnen zu Beginn begegnete?

Das lag eher an der Vorgeschichte. Konstrukte wie der Naturpark sind nie einfach, das sieht man auch an den Diskussionen in anderen Pärken. Es liegt in der Natur der Sache. Zum einen geht es um finanzielle Belange. Anderseits bringen wir Partner zusammen, die nicht unbedingt zusammenarbeiten müssten. Wir haben keine gesetzlich festgeschriebenen Kompetenzen, was die Arbeit manchmal sehr schwierig macht. Und wir bewegen uns in einem Umfeld von Milizsystemen. Alles was wir tun, baut auf Kooperation und unsere Aufgabe ist es, den Partnern einen Nutzen aufzuzeigen.

Wo haben Sie denn bei Ihrer Ankunft im Thal angesetzt?

Als ich kam, waren viele neue Mitarbeiter hinzugekommen. Wir konnten frisch starten. Das war ein grosser Vorteil. Gemeinsam mit den Partnern, die uns schon lange stützten, haben wir Ruhe reingebracht. Und ich muss ehrlich sagen: Da die Evaluation anstand und wir einen neuen Managementplan entwerfen mussten, hatten wir eine klare Deadline vor uns. Zu sagen, ‹jetzt müssen wir alle am selben Strang ziehen›, war für unser junges Team hilfreich. Es hat zusammengeschweisst. Es war klar: Wenn es den Naturpark weiter geben soll, müssen wir darauf hinarbeiten und die Leute überzeugen.

Welche Ziele haben Ihnen Halt gegeben?

Die Ziele und Programme waren da. Die Zertifizierung lag nicht nur an uns. Hätte der Naturpark vorher nicht gut gearbeitet, wäre es nicht möglich gewesen das Naturpark-Label zu behalten. Wir stellten uns die Frage: Welchen Nutzen hat der Naturpark für das Thal und wie können wir diesen zeigen? Damals konzentrierten wir uns sehr stark darauf, den Park sichtbar zu machen.

Und wie gelang dies?

Eigentlich mit relativ profanen Projekten, wie etwa der Auffrischung des Jurawegs. Es war ein Projekt, das alle Gemeinden verbindet und betrifft. Unsere Botschaft war: «Ihr habt einen wunderschönen Weg dort oben, jetzt setzen wir diesen gemeinsam wieder instand.» Ein grosser Erfolg waren auch die beiden Genusswanderungen, mit denen wir auch das Thal zeigen konnten. Hinzu kam viel Überzeugungsarbeit. Ich ging in jede Gemeinde zum Gemeinderat und habe erzählt, was wir machen. Wir waren an Generalversammlungen, bei Vereinen ...

Und wie haben Sie in den Gemeinderäten die Türen geöffnet?

Wir haben einfach gesagt, was wir tun. Das hatten sie auch schon gehört. Wenn man sich kennt, ist es aber viel einfacher. Gerade wenn jemandem etwas nicht passt. Heutzutage werden wir alle so mit Informationen geflutet, dass Botschaften schnell wieder vergessen gehen. Als Naturpark schreiben wir Newsletter, haben eine Website, kommen in der Zeitung, sind an Veranstaltungen präsent. Trotzdem wurden und werden wir immer wieder gefragt, was wir eigentlich machen. Der persönliche Kontakt ist da wichtig. Wir versuchen immer wieder zu sagen, dass nicht das Team der Thalstation der Naturpark ist, sondern alle im Thal.

2016 schrieb diese Zeitung, dass der Naturpark bei den Thalern nicht angekommen sei. Im vergangenen Jahr stimmten im gesamten Thal acht Personen gegen den Naturpark. Sind Sie angekommen?

Wir als Team haben uns sehr gefreut, dass es so einstimmig war. Es ist ein gewaltiger Rückhalt und auch ein Auftrag an die Gemeinden. Dass sie sich sagen: «Okay, wir müssen schauen, dass auch was von uns kommt.» Ich verstehe auch jene, die uns kritisch gegenüberstehen. Die Thaler gingen auch vorher wandern. Da brauchts keinen Naturpark dazu. Der Naturpark ist ein Konstrukt, um gemeinsam Projekte anpacken und umsetzen zu können. Den Einen betrifft dies, den anderen das.

Die nächsten zehn Jahre vor Ihnen. Wie wollen Sie Schwankungen verhindern?

Schwankungen lassen sich nicht immer verhindern. Uns können Arbeitsgruppen wegbrechen, wir können bei der Finanzierung eines Projektes scheitern. Wir können personelle Wechsel haben, die politische Meinung in einer Gemeinde kann sich verändern. Da hängt es auch davon ab, ob ein Gemeindepräsident den Naturpark partout nicht gut findet. Für uns ist es eine riesige Herausforderung, die Gelder zusammen zu kriegen. Wir sind in der Schweiz derjenige Park, der die höchste Quote an Drittmitteln akquirieren muss. Über 30 Prozent erwirtschaften wir selbst.

Weshalb ist dies so?

Wir haben im Vergleich zu anderen Pärken nicht so viel finanzielle Unterstützung über Kanton und Gemeinden. Dies hängt natürlich auch immer an den Möglichkeiten der Gemeinden und der Kantone. Für kleinere Pärke ist es schwierig. Denn wir brauchen beinahe dieselbe Breite an Know-how wie grosse Pärke. Es gibt nicht den vierfachen Aufwand, wenn man 20 statt 5 Gemeinden hat. Der Park Val Müstair besteht beispielsweise aus einer einzigen Gemeinde. Sie unterstützt den Park jährlich mit 150 000 Franken. Ums Geld müssen jedoch alle Pärke kämpfen.

Wird es nun durch die Verlängerung des Naturpark-Labels einfacher, Drittmittel zu holen?

Nein, das bleibt gleich schwierig. Hingegen wollen wir aus dem Bundestopf ein Maximum herausholen. Wir 17 Pärke bewerben uns nun für den gleichen Topf. Der Naturpark strebt eine Finanzierung von 50 Prozent durch das Bundesamt für Umwelt an. Einen höheren Anteil kriegt man nicht.

Wie schaffen Sie – abgesehen von den Finanzen – den fliessenden Übergang in die nächsten zehn Jahre?

Wir haben einen neuen Managementplan und die Evaluation hat gezeigt, was der Naturpark Thal sich damals vorgenommen hat, stimmt noch heute. Neu haben wir 16 Strategien formuliert. Wir werden sie nicht über die zehn Jahre mit der gleichen Intensität verfolgen. Und für die ersten fünf Jahre haben wir uns grob vorgenommen, was wir machen könnten. Aber ehrlicherweise muss ich zugeben, dass dies eine Pseudo-Genauigkeit ist. Ich kann jetzt nicht sagen, was wir in drei Jahren Drittmittel für beispielsweise Mobilitätsprojekte akquirieren können.

Als erster Naturpark der Schweiz hatten Sie bei der Rezertifizierung eine Pionierrolle inne. Wie schwierig war es, eine Verlängerung zu erreichen?

Die Vergabe des Labels war für uns am Ende pro forma – die Vorarbeit allerdings nicht. Wir haben dies mit unserem jungen Team nicht mit links gemacht. Das Bundesamt für Umwelt und der Kanton Solothurn hat uns gut unterstützt. Wir pflegen einen kollegialen Austausch, mit allen anderen Schweizer Pärken.