Oensingen
In dieser Schule bestimmen die Kinder, wann sie was lernen

Die Solothurner Regierung gibt grünes Licht für eine neue Privatschule. Die Kinder sollen im Lernort Oensingen selbstständiger lernen, zum Beispiel selber entscheiden dürfen, wann sie was lernen wollen.

Raphael Karpf
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Larissa Stieger: Seit sie selber Kinder hat, hat sich ihr Verhältnis zum Schulsystem verändert. Nun eröffnet sie ihre eigene Schule.

Larissa Stieger: Seit sie selber Kinder hat, hat sich ihr Verhältnis zum Schulsystem verändert. Nun eröffnet sie ihre eigene Schule.

Bruno Kissling

Larissa Stieger hat zwei Töchter. Die eine ist fünf, die andere zwei Jahre alt. Aus nächster Nähe mitzuerleben, wie ein Mensch laufen und reden lernt, hat die Kindergärtnerin und Heilpädagogin verändert. «Kinder lernen so viele Dinge von sich aus, wieso sollte in der Schule plötzlich jemand anderes vorschreiben, wann welche Sachen gelernt werden?», fragt sich die Oensingerin seither.

Bei dieser Frage ist es nicht geblieben. Stieger ist aktiv geworden. Zusammen mit ihrer Kollegin Janine Basile hat sie vergangenes Jahr den Verein Lernort Oensingen gegründet. Seither wurden Naturspielgruppen und Singkurse durchgeführt. Und ab dem Schuljahr 2020 will der Verein einen Schulbetrieb anbieten. Und damit eine Alternative zu den Volksschulen bieten. Die Kinder sollen individueller betreut werden und selber entscheiden können, wann sie was lernen. Die für den Betrieb der Schule notwendige Bewilligung hat die Solothurner Regierung vergangene Woche erteilt.

Viele Auflagen, wenig Geld für Privatschulen

Denn ohne Bewilligung geht es nicht. Um unterrichten zu dürfen, müssen Privatschulen im Kanton zahlreiche Auflagen erfüllen. So müssen ausgebildete Lehrpersonen angestellt sein, der Lehrplan 21 muss eingehalten werden und die Schülerlisten müssen dem Volksschulamt gemeldet werden, um nur einige Auflagen zu nennen. Vereinfacht gesagt: Das Angebot muss demjenigen der Volksschule ebenbürtig sein. Der Kanton überprüft dann den Betrieb regelmässig. Trotz all diesen Auflagen: Geld bekommen Privatschulen vom Kanton keines. Das war und ist politisch nicht mehrheitsfähig (siehe dazu unten).

Öffentliche Mittel für Privatschulen?

In einer Petition fordert der Verein Elternlobby Schweiz, dass Eltern frei wählen können, welche Art von Bildung ihre Kinder erfahren. Das ist zwar jetzt schon der Fall, doch da Privatschulen kein Geld vom Kanton bekommen, müssen sich Eltern die Alternative zu den Volksschulen überhaupt erst leisten können. Der Verein fordert, dass Privatschulen durch Schülerpauschalen öffentlich mitfinanziert werden. Seit Februar werden im Kanton Solothurn Unterschriften dafür gesammelt.

Bisher mit mässigem Echo. Wie viele Unterschriften man unterdessen habe, diese Zahl kenne man nicht, erklärt Nicole Wyss, Vorstandsmitglied des Vereins. Aber: «Die Petition ist in Solothurn auf kein so grosses Echo gestossen.» Insbesondere Leute, die Unterschriften sammeln, würden fehlen. Man wolle sich jetzt aber nochmals aufraffen und bis im November aktiver werden, um dann die Petition der Politik zu übergeben.
Es ist nicht das erste Mal, dass sich der Verein für freie Bildungswahl einsetzt. Bereits 2010 lancierte er im Kanton Solothurn eine Volksinitiative zu diesem Thema. Mehr als 3000 Unterschriften kamen damals zusammen. Nachdem aber sowohl die Regierung als auch der Kantonsrat die Initiative deutlich ablehnten, zog der Verein seine Initiative zurück.

Politisch dürfte diese Forderung auch heute noch einen schweren Stand haben. Noch in diesem Frühjahr befasste sich die Solothurner Regierung aufgrund von einer Interpellation mit dem Thema alternative Bildungswege. Die Haltung der Regierung: Man sehe keinen Anlass, weitere Bildungssysteme auf Kosten der Volksschule finanziell zu entlasten. Auch Wyss macht sich keine allzu grossen Hoffnungen. «Vermutlich wird es nicht viel bewirken.» Aber Bildung sei ein Dauerthema, bei dem es viel Zeit und Aufklärung brauche. «Steter Tropfen höhlt den Stein», hofft sie. (rka)

So bekommt auch Stiegers Lernort keine finanzielle Unterstützung. Die Schule wird durch Elternbeiträge und Gönner finanziert. Und einen ordentlichen Batzen zahlt Stieger aus dem eigenen Sack. So etwa den Umbau des Gebäudes an der Oensinger Schlossstrasse. Denn bevor Kinder dort zur Schule dürfen, müssen einige bauliche Anpassungen vorgenommen werden, damit die Brandschutzmassnahmen auf dem neusten Stand ist. «Uns geht es nicht darum, Geld zu verdienen», sagt Stieger. Das würden sie mit dieser Privatschule sowieso nicht. «Wir nehmen uns als Familie mit diesem Projekt das Recht heraus, unsere Kinder so zu unterrichten, wie wir es für richtig halten.» Und vielleicht gebe es auch einige Gleichgesinnte, die über das Angebot froh wären. Gleichzeitig betont sie: «Wir wollen kein Auffangbecken für Kinder werden, die in der Regelschule keinen Platz finden. Wir wollen gleichgesinnten Eltern die Möglichkeit geben, selber zu entscheiden, wie ihr Kind lernt.»

Zahlen zu den Solothurner Privatschulen:

10 Privatschulen gibt es momentan im Kanton Solothurn. Das sind etwa die Swiss International School in Schönenwerd oder die Rudolf Steiner-Schule in Solothurn. Auf Ende Schuljahr hat die «International School Solothurn» wegen zu tiefen Schülerzahlen ihre Tore geschlossen. Der Lernort Oensingen ist der jüngste Zuwachs in diesem Kreis.

Das Kind bestimmt, wann es was lernt

«Freies Lernen» nennt sich der Ansatz, den Stieger an ihrer Schule verfolgen will. Die Idee dahinter: Jedes Kind erkundet von Geburt an neugierig die Welt. Es lernt aus eigenem Antrieb jeden Tag Neues dazu. Das will sie fördern. Und zwar indem sie dem Kind die Freiheit lässt, selber zu entscheiden, wann es was lernt. Ohne Hausaufgaben, ohne Prüfungen, ohne Noten. Die Freude am Lernen steht im Mittelpunkt. Auch die Einteilung der Kinder nach Altersgruppen fällt weg. Sämtliche Kinder vom Kindergarten bis zur sechsten Klassen sind in einer Klasse. Damit will die Privatschule der Tatsache Rechnung tragen, dass Kinder, auch wenn gleich alt, in der Entwicklung oft unterschiedlich weit sind. So würden in der Regelschule Kinder ab der ersten Klasse lesen lernen, sagt Stieger: «Dabei beginnen manche schon früher damit, andere wiederum haben in dem Alter noch grosse Mühe.» Deshalb ei es sinnvoller, das Kind würde selber bestimmen, wann es was lerne. Wobei das Kind nicht gänzlich frei ist. Denn auch die Privatschule ist an die Lernziele des Lehrplans 21 gebunden.

Zum Auftakt 2020 will die Schule mit vier bis acht Kindern starten. Das ist auch eine der Auflagen, damit Stiegers Projekt überhaupt bewilligt wurde. Sie hat schon Zukunftspläne. Mehr Schüler, irgendwann vielleicht sogar den Betrieb einer Oberstufe. Denn sie ist überzeugt: «Viele Eltern haben das Bedürfnis, dass ihr Kind auf diese Weise betreut wird. Das spüre ich.» Es brauche einfach Vertrauen – in die Schule und in das eigene Kind.

Und das sagt der Kanton zum Thema Privatschulen:

Elisabeth Ambühl-Christen Elisabeth Ambühl-Christen ist Verantwortliche Schulbetrieb beim Solothurner Volksschulamt.

Elisabeth Ambühl-Christen Elisabeth Ambühl-Christen ist Verantwortliche Schulbetrieb beim Solothurner Volksschulamt.

zvg

«Eltern sollen selber entscheiden können»

Damit eine Privatschule gegründet werden darf, müssen zahlreiche Vorschriften eingehalten werden. Die Betreiber müssen dazu ein Gesuch an den Kanton richten und darin unter anderem einen Businessplan, ein Schulungskonzept und die Organisationsstruktur der Schule darlegen. Der Kanton prüft das Gesuch, auch mit einem Augenschein vor Ort. Bei einem positiven Befund gibt es zuerst eine zweijährige provisorische Bewilligung und erst anschliessend eine definitive. Und auch danach redet der Kanton ein Wörtchen mit. Das sei auch seine Aufgabe, erklärt Elisabeth Ambühl-Christen vom Solothurner Volksschulamt.

Was hat der Kanton mit den Privatschulen zu tun?

Elisabeth Ambühl-Christen: Das Volksschulamt muss gewährleisten, dass jedes Kind seinen Unterricht gemäss Bundesverfassung bekommt und der kantonale Lehrplan eingehalten wird. Deshalb müssen Privatschulen jährlich einen Bericht vorlegen und darin aufzeigen, wie sie den Lehrplan einhalten.

Sehen Sie die Privatschulen als Konkurrenz?

Nein, es besteht überhaupt kein Konkurrenzverhältnis. Wir sehen Privatschulen als Ergänzung. Eltern sollen selber entscheiden können, ob sie das Angebot Volksschule mit der Regelschule in der Wohngemeinde nutzen wollen oder davon abweichen.

Trotzdem bekommen Privatschulen kein Geld vom Kanton. Wieso?

Die Volksschule hat im Kanton Solothurn einen sehr hohen Stellenwert. Wenn Eltern das öffentliche Angebot nicht in Anspruch nehmen wollen, ist das ihre Entscheidung. Aber es hat Konsequenzen: Sie finanzieren die Ausbildung ihres Kindes selber. Ausserdem profitieren Privatschulen durchaus vom Kanton: Sie übernehmen gratis und franko Lehrpersonen, deren Ausbildung von der öffentlichen Hand mitfinanziert wurde. Sie übernehmen ebenfalls kostenlos den Lehrplan und die Lektionentafel. Sie können Lehrmittel, entwickelt von der öffentlichen Hand, einfach so übernehmen. Sämtliche fachlichen Rahmenbedingungen sind gefüllt mit Inhalten, die von der öffentlichen Hand zur Verfügung gestellt werden. Welches Unternehmen sonst hat so gute Rahmenbedingungen?

Der Lernort Oensingen verfolgt den Ansatz des Freien Lernens. Altersdurchmischte Klassen, das Kind entscheidet selber, wann es was lernen möchte. Besteht nicht die Gefahr, dass Kinder nach der Privatschule auf die Welt kommen?

Die fachlichen Inhalte sind durch den Lehrplan festgelegt. Ganz frei sind Schulen nicht. Mit den jährlichen Rapporten ist das System für Privatschulen zudem so eingerichtet, dass es nicht geschehen sollte, dass Kindern genau das passiert.

Gerade der Ansatz der Altersdurchmischung kann durchaus funktionieren. Das erfordert methodisches Geschick und Professionalität der verantwortlichen Lehrpersonen, die auch an Privatschulen eine pädagogische Ausbildung mitbringen. Es gibt hierzu schon verschiedene bekannte Vorgehensweisen, dass etwa die älteren Schüler den jüngeren Sachen beibringen und selber davon profitieren. Denn wenn man jemandem etwas lehrt, lernt man selber dazu, muss man doch die Inhalte strukturieren. Und da die Gruppe voraussichtlich klein sein wird, ist das Ganze auch überschaubar. Das ist ein Vorteil von Privatschulen: Sie können familiär sein. (rka)