Thal

Im Thal gibt es immer weniger Hausärzte – und eine Besserung nicht in Sicht

1981 eröffnete der heute 67-jährige Max Baur seine Praxis in Mümliswil-Ramiswil – Ende Jahr wird er sie schliessen.

1981 eröffnete der heute 67-jährige Max Baur seine Praxis in Mümliswil-Ramiswil – Ende Jahr wird er sie schliessen.

Viele der Ärzte im Thal werden in den nächsten Jahren pensioniert. Obwohl sie sich aktiv nach potenziellen Nachfolgen umsehen, bleibt ihre Suche meist erfolglos. Einige Ärzte arbeiten deshalb auch nach der Pension mit jungen Kollegen zusammen weiter.

Mümliswil, ein Geschäftshaus mitten im Dorf. Im zweiten Stock hat Max Baur seine Praxis eingerichtet. Wer die Landarzt-Idylle aus Kioskromanen mag, würde sich beim 67-jährigen Hausarzt wohlfühlen. Von abgelegenen Berghöfen reisen Patienten zur Sprechstunde an, Hausbesuche gehören ebenso zum Job wie die Wohnung in der Nähe der Praxis. Diese führt Baur seit 1981. «Damals», erinnert er sich, «rissen sich junge Ärzte noch um die Hausarztpraxen.»

Als Baur vor zwei Jahren das Pensionsalter erreichte, war davon nichts mehr zu spüren. Niemand wollte nach Mümliswil kommen und seine Praxis übernehmen. Also arbeitete Baur weiter und setzte die Nachfolgersuche mit Inseraten in der Ärztezeitung, Plakaten und Flyern in Spitälern und unter Beizug eines Praxisvermittlungsbüros fort. Auch die Gemeindebehörden unterstützten ihn. «Alle Bemühungen blieben ohne Erfolg», erinnert sich Baur.

Dann weitete er die Suche ins benachbarte Ausland aus. Mit einem Arzt aus Deutschland, der mit Max Baur in der Praxis arbeiten wollte, schien sich eine Einigung abzuzeichnen. Doch: «Der geforderte Lohn überstieg leider meine finanziellen Möglichkeiten», so Baur. Ende Jahr schliesst er seine Praxis definitiv, im Guldental wird es fortan keinen Hausarzt mehr geben. «Die Patienten tun mir leid», sagt Baur. Er hofft, dass wenigstens chronisch Kranke - «diese sind auf einen Hausarzt angewiesen!» - von anderen Ärzten übernommen werden.

Schliessung in Matzendorf

Auch Ulrich Siegfried wird seine Praxis demnächst dichtmachen. Ein Nachfolger für den bald 65-jährigen Hausarzt aus Matzendorf ist nicht in Sicht, bestätigt Gemeindeschreiber Armin Kamenzin. Siegfried selbst lehnt ein Gespräch mit dieser Zeitung ab: «Ich rede nicht mit Medien.» Diese hätten Hausärzte «während Jahren ins negative Licht gerückt», begründet er.

Immerhin: Der Matzendörfer Gemeinderat hat im September beschlossen, die Suche nach einem Nachfolger selbst anzukurbeln und eine Standortanalyse in Auftrag zu geben. «Eine solche Analyse enthält Informationen, die für interessierte Ärzte relevant sind», sagt Gemeindeschreiber Kamenzin. In der Rösslimatte-Überbauung könnten dereinst neue Praxisräume entstehen, die Besitzergesellschaft habe bereits ihr Interesse bekundet.

«Kaum mehr attraktiv»

Sieben der insgesamt zehn Thaler Hausärzte praktizieren in Balsthal – keiner solange wie Urs Flückiger. Er führt seine Praxis seit über 30 Jahren. Im Thal sei der Hausarztmangel definitiv ein Problem, sagt Flückiger. «Und zwar eines, das immer grösser wird.» Die geografische Lage belastet die Situation besonders, weiss er: «Leben und Arbeiten auf dem Land finden junge Ärzte kaum mehr attraktiv.» In den letzten Jahren hatte das Thal bereits die Schliessung von zwei Hausarztpraxen zu verkraften.

Urs Flückiger ist 65 Jahre alt, aber nicht ausgelaugt oder genervt von den Wehwehchen seiner Patienten. Er möchte in den Ruhestand treten, solange das so ist. Lange fand auch Flückiger keinen Nachfolger, doch er blieb resolut und suchte weiter. Dann wurden seine Mühen belohnt: «Es hat sich jemand gemeldet.» Seit Anfang September arbeitet der 51-jährige Allgemeinarzt und Geriater Hans Peter Müller in Flückigers Praxis.

Trotz nervenaufreibender Nachfolgersuche ist Urs Flückiger weiterhin vom «Modell Hausarzt» überzeugt: «Als Hausarzt begleite ich Patienten über Jahrzehnte und habe den Überblick über deren Gesundheit und Umfeld.» Er empfiehlt jedem Medizinstudenten, sich die Arbeit in einer Hausarztpraxis zumindest während eines Praktikums anzuschauen. Ob die nachwachsende Ärztegeneration diesen Ratschlag beherzigt, ist zu bezweifeln. Nur zehn Prozent der Medizinstudenten an der Universität Basel können sich gemäss einer Studie vorstellen, als Hausarzt zu arbeiten. Nachwuchs aber ist in der Schweiz Mangelware: In zehn Jahren sind drei Viertel der heute praktizierenden Grundversorger pensioniert.

Pausen: Ein rares Gut

Im Thal haben drei Hausärzte bereits das Pensionsalter erreicht, einer folgt im nächsten Jahr und drei weitere zwischen 2017 und 2019. Dass der Altersdurchschnitt der hiesigen Ärzte trotzdem «nur» 59 Jahre beträgt, ist vor allem Sabine Roth Düringer und Claudio Cahenzli zu verdanken. Bis im Juni führten der 44-Jährige und seine drei Jahre ältere Kollegin an der Balsthaler Lindenallee eine Hausarztpraxis. Das Bild war stets das Gleiche: So wie sich das Wartezimmer leerte, füllte es sich wieder. 30 Patienten an einem Tag waren keine Seltenheit, Pausen zwischen Sprechstunden, Untersuchungen und Büroarbeit rar. «Kleine Praxen stossen schnell an ihre Grenzen»,so Cahenzli.

Im Juli eröffneten Cahenzli und Roth Düringer an der Balsthaler Bahnhofstrasse gemeinsam mit ihren Arztkollegen Antonio Calame (61) und Andreas Vogt (55) das Thaler Ärztehaus. Die Patienten der vier Mediziner werden seitdem in einem gemeinsamen Anmelderaum empfangen, dann aber wie vorher von ihrem vertrauten Hausarzt behandelt. Beim Röntgen und in der Administration arbeiten die Praxispartner zusammen, teure Infrastruktur wie die Laborgeräte nutzen sie gemeinsam. Die Ärzte können Stellvertretungen flexibler regeln, während ihre Patienten abends von längeren Öffnungszeiten profitieren.

So zahlreich die Vorteile, so sinnvoll die Zusammenarbeit. Der Hausarztmangel wurde nicht eingedämmt: Die vier Hausärzte, die ins Ärtztehaus eingezogen sind, praktizierten schon früher in Balsthal. «Unser oberstes Ziel ist es, weitere Ärzte ins Boot zu holen», betont Claudio Cahenzli. Einen ersten Erfolg hat das Ärztehaus bereits vorzuweisen. Im Herbst 2014 soll ein junger Arzt zum Team stossen. Dazu kommt: «Auch ältere Ärzte, die sich nach ihrer Pensionierung nicht komplett zur Ruhe setzen möchten, können bei uns in Teilzeitpensen arbeiten», erklärt Cahenzli.

14 oder 15 Hausärzte

Sind Hausärzte, die im Alter gemeinsam mit jungen Medizinern unter einem Dach noch etwas weiterarbeiten, das Modell für die Zukunft? Ein Balsthaler Ärztequartett ist überzeugt davon. Auch Urs Flückiger arbeitet mit seinem Nachfolger zusammen, bevor er sich voraussichtlich Ende 2014 ganz zurückzieht. «So kann ich die Praxis nach und nach übergeben», sagt er.

Aus eigener Kraft können die Hausärzte das Aussterben ihres Berufsstands kaum stoppen. «Zuerst muss der Hausarzt-Beruf bei Medizinstudenten ein besseres Image erhalten», meint Cahenzli. Doch: Sind an den Universitäten erst einmal Reformen eingeleitet, vergeht eine lange Zeit, bis diese in den Hausarztpraxen ankommen. Schliesslich dauert die Ausbildung eines Arztes rund neun Jahre. Zu lange für das Thal? Geht man – wie von Fachleuten postuliert - davon aus, dass auf 1000 Einwohner ein Hausarzt kommen sollte, bräuchte es im Thal deren 14 oder 15. Solch hohe Werte mag sich niemand als Ziel setzen. Und selbst Cahenzlis frommer Wunsch scheint in weiter Ferne: «Im Thal sollten mindestens zehn Hausärzte praktizieren.»

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