Balsthal

Flüchtling, Tänzerin und Cabaret-Chefin: Das Leben von Brigitte Honauer als Biografie

Brigitte Brigitte Honauer als junge Frau in den 60er-Jahren, auf einem Plakat und so, wie man sie als «Löwen»-Wirtin kannte.

Brigitte Brigitte Honauer als junge Frau in den 60er-Jahren, auf einem Plakat und so, wie man sie als «Löwen»-Wirtin kannte.

Die ehemalige Balsthaler «Löwen»-Wirtin Brigitte Honauer hat noch kurz vor ihrem Tod an ihrer Biografie gearbeitet. Jetzt ist sie erschienen.

Am 25. Mai dieses Jahres ist die ehemalige Cabaret Löwen-Wirtin Brigitte Honauer bei einem Selbstunfall mit ihrem Auto ums Leben gekommen. Sie war in der Region sehr bekannt und als unabhängige, tierliebende Frau akzeptiert. Sie lebte zunächst in Balsthal und später in Niederbipp. Ihr unerwarteter Tod erschütterte viele Menschen, die sie kannten.

Im Jahr 2015 schloss sie die Türen des Cabaret Löwen in Balsthal und zog sich ins Privatleben zurück. Und seither reifte in ihr die Idee, über ihr bewegtes Leben ein Buch zu veröffentlichen. Dies ist nun geschehen. Autor Martin Gysel aus Basel hat die wichtigsten Lebensstationen, über welche Brigitte Honauer berichtete, zusammengefasst. Ihre Lebensschilderungen werden im Buch ergänzt von vielen Fotos aus den Privatalben von Brigitte Honauer sowie von erläuternden Texten zur Geschichte der Varietés und Cabarets in unseren Breitengraden.

Hungerjahre als Flüchtlingskind

Brigitte Honauer wurde mitten im Zweiten Weltkrieg im damaligen Sudentenland geboren. Gegen Ende des Krieges musste ihre Mutter mit ihr und ihrer Schwester nach Deutschland fliehen. Die Jahre als Flüchtlingskind, mit einem zunächst verschollen geglaubten Vater, prägten sie. «Ich bin in einer Zeit Kind gewesen, als die Frauen sich hässlich machten, um auf die einfallenden Russen nicht einladend zu wirken», schildert sie. Die drei landeten in Wiesbaden. «Meine Mutter brachte uns mit Feldarbeit durch. Es war eine harte Zeit. Der Hunger war unser täglicher Begleiter.»

Ihr Vater wurde nach dem Krieg gefunden, allerdings hatte er bereits eine neue Familie mit zwei Kindern gegründet. Und er hatte sich verändert. Gewalt beherrschte sein Leben und das spürte auch seine erste Ehefrau, die sich von ihm scheiden liess. Honauer schildert: «Ich war sieben oder acht Jahre alt, da kam mein Vater ab und zu wieder nach Hause. Erst verstand ich das nicht. Meine Mutter liess ihn nur rein in der Hoffnung, dass er etwas Geld bringen würde. Manchmal war es auch so.

Aber viel öfter brachte er etwas anderes mit: Schläge. Dafür hasste ich ihn so sehr, dass ich ihn aus meiner Welt völlig auszuschliessen begann.» Und ein anderes Gefühl hat nie vergessen: «Die Nachbarn hassten uns. Weil wir Flüchtlinge waren.» Als Teenager begann Brigitte aufzumucken. Sie wollte ein anderes, besseres Leben. Zunächst absolvierte sie eine Lehre als Damenschneiderin, doch ihre Leidenschaft war das Tanzen. Eines Tages entdeckte sie in einer Zeitung eine Annonce: «Modelle gesucht.» «Ja, genau, das war es. Endlich! Model werden. Ich war jung, hübsch und fühlte mich in einer solchen Rolle wohl», erzählt sie.

Das Rotlicht-Milieu ist ihre Welt. Im TalkTäglich erzählt Brigitte Honauer, was sie alles erlebt hat und weshalb die Zeiten des Cabarets vorbei sind. Sehen Sie hier die ganze Sendung.

Im TalkTäglich erzählt Brigitte Honauer 2015, was sie alles erlebt hat und weshalb die Zeiten des Cabarets vorbei sind. Sehen Sie hier die ganze Sendung.

Ein Satz vergisst sie nie

Sie traf sich mit einem seltsamen Paar, das sie in einem Hotel in München begutachtete und ihr vorschlug: «Du darfst nach Italien.» Diesen Satz werde sie nie vergessen, schildert Honauer. Denn es war einer, der ihr Leben für immer veränderte. In Mailand angekommen traf sie noch andere deutsche Mädchen und bald wurde klar: Die Arbeit, die es zu erledigen galt, fand in einem Nachtclub statt. Brigitte wurde Animierdame und Nachtclubtänzerin. Doch sie war schön genug, sich ihre Männer selbst auszusuchen. Schliesslich konnte sie sich als Burlesque-Tänzerin in einer Truppe einen Namen machen. Von Italien ging es nach Athen, Kairo, Tripolis. Sie hatte Engagements in Beirut, in Pakistan und Ende der 60er-Jahre war sie in Bangkok anzutreffen. Es folgten Djakarta, Tokio, wieder Beirut und Teheran, wo sie vor dem Schah von Persien tanzte.

Schliesslich begab sie sich wieder nach Europa. Immer begleitet von ihrem Pudel. Ihm konnte sie uneingeschränkt Liebe und Vertrauen schenken. Anders als zu den Männern, denen sie im Lauf dieses Wanderlebens begegnete. Ende der 70er-Jahre musste Honauer einsehen, dass es mit dem Cabarettanz, den aufwendigen erotischen Bühnenshows bergab ging. «Es ging nur noch darum, nackte Haut zu sehen», stellte sie fest. Sie nahm ein Engagement als Stripperin in Zürich an, wo vorausgesetzt wurde, dass man sich prostituierte.

Das passte ihr nicht und sie floh. Es zog sie dann erneut nach Zürich und Luzern, denn der Verdienst hier war zu gut. Doch: «Langsam hasste ich es, meinen alten Hintern auf die Bühne zu schleppen.» Sie wurde Bardame und heiratete. Doch sie resümiert kurz und knapp: «Die Ehe war ein grosser Fehler, die Scheidung die logische Konsequenz.» Dann traf sie in Biel Jack und fühlte sich zu ihm hingezogen. Er war es auch, der zu ihr sagte: «Ich habe ein Dancing für dich, den ‹Löwen›». «Wo?» «In Balsthal.» «Was ist das?» «Eine Ortschaft in Solothurn.» «Wie viel?» «Eine hohe Summe.» «Bist du verrückt?».

Erlebnisse im «Kaff» Balsthal

Sie habe wohl noch nie ein grösseres Kaff gesehen, schildert Honauer, als sie zum ersten Mal in Balsthal war und sich den «Löwen» ansah. Doch das Gasthaus gefiel ihr. Es gab ausreichend Zimmer für Mädchen, Ausbaumöglichkeiten und keine Konkurrenz. Am 2. November 1989 begann ein neuer Lebensabschnitt als Cabaret-Betreiberin und Wirtin. Doch auch im «Löwen» war immer etwas los.

Einmal kamen Diebe, einmal musste sie sich gegen eine Kleinmafia wehren. Sie schaffte sich zwei Dobermann-Hunde an. Leider wurde ihr Lebensgefährte Jack schwer krank und starb. Doch Brigitte machte weiter – bis 2015. «Ich wollte nie etwas anderes sein, als eine Tänzerin. Ich habe das Leben ausgekostet und in vollen Zügen genossen», heisst es am Schluss.

Brigitte Honauer «Mein Leben war ein Cabaret». Online erhältlich unter www.loewen-freunde.ch Fr. 48.--

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