Oensingen

Er nimmt Abschied von der Schule in Zeiten der sozialen Distanz

Hat ein bewegtes Lehrer-Leben hinter sich: Hansruedi Joss vor der Kreisschule Bechburg.

Hat ein bewegtes Lehrer-Leben hinter sich: Hansruedi Joss vor der Kreisschule Bechburg.

Vor 36 Jahren gab Hansruedi Joss in Oensingen an der Kreisschule Bechburg seine erste Lektion, jetzt geht er in Pension.

Es sei ein würdiger Abschied gewesen, den ihm seine letzte Klasse und das Lehrerkollegium der Kreisschule Bechburg bereitet haben, sagt der Oensinger Hansruedi Joss. «Aber es war nicht der Abschied, wie ich ihn mir gewünscht hätte.» Wegen einer Vorerkrankung gehört der 64-jährige Lehrer zur Hochrisikogruppe, und so muss er seit dem Ausbruch der Coronakrise auf allen Ebenen auf den persönlichen Kontakt verzichten. Im Schulzimmer durfte er nicht mehr unterrichten, und nun geht Hansruedi Joss ohne ein «Aufwiedersehen mit Händedruck» in Pension.

Die abschliessende Notenkonferenz hatte die Kreisschule Bechburg für ein Abschiedsfest auf dem gedeckten Pausenplatz vorgesehen. «Immer mit gebührendem Abstand habe ich einen Apéro offeriert, und es war sehr schön, noch einmal alle persönlich zu treffen», sagt Joss. «Meine Klasse hat eine kleine Abschlussfeier organisiert, aber ich durfte daran ja nicht teilnehmen. So haben wir uns alle hier am vorletzten Schultag noch einmal getroffen und ich durfte mich bei dieser Gelegenheit für die drei schönen Jahre bedanken. Es war wirklich sehr schön.»

Per Zufall in Oensingen gelandet

Aufgewachsen ist Joss in Deitingen, und eigentlich sei er wegen der strategisch günstigen Lage 1983 nach Oensingen gezogen. «Damals herrschte Lehrerar- beitslosigkeit und meine Frau und ich wollten mobil sein. Oensingen war für uns eher ein Schlafort. Mittlerweile ist es unsere Heimat geworden und unsere Kinder sind hier zur Schule gegangen.»

Als Stellvertretung durfte er 1984 erstmals in Oensingen Schule geben. «Aber Chancen auf eine feste Anstellung als Lehrer sah ich damals nicht, deshalb nahm ich beim Zivilschutz eine Stelle als Instruktor an.» Zwei Jahre später habe sich die Situation geändert. Der damalige Oensinger Schulvorsteher machte mich darauf aufmerksam, dass in Hägendorf ein Sprachlehrer gesucht wird. Ich wollte Lehrer sein. Nicht mit kleinen Kindern, sondern mit Jugendlichen, weil die in den drei Sekundarschule-Jahren eine gewaltige Entwicklung machen.»

Mit dem Traktor zur Schule

Wenn Hansruedi Joss aus seinem Leben erzählt, dann wird rasch klar, dass er ein guter Lehrer gewesen sein muss. Man hört ihm gerne zu und die Menschlichkeit schwingt in seinen Geschichten mit. Wie zum Beispiel, wenn er von einem Schüler berichtet, der im Winter schon als 14-Jähriger vom Roggen herunter mit dem Traktor zur Schule kam, weil es mit dem Töffli durch den Schnee nicht gegangen wäre. «Er durfte den Traktor hier vis-à-vis beim Bauern abstellen und kam die letzten Meter zu Fuss. Weil er keinen Parkplatz brauchte, hatte die Schule auch nichts einzuwenden.»

Französisch, Deutsch und Geschichte waren seine Fächer. Zwanzig Jahre war Hansruedi Joss Lehrer in Hägendorf, davon zehn Jahre Schulvorsteher der Kreisschule Untergäu. «Mit dem Systemwechsel zur geleiteten Schule war es an der Zeit, mich wieder ganz auf meinen Lehrerjob zu konzentrieren. Ich wollte wieder zurück an die Front.» Als 2006 in Oensingen ein Teilpensum frei wurde, pendelte er zunächst zwischen den Kreisschulen Bechburg und Untergäu, bis er in Oensingen ein Vollpensum übernehmen konnte.

Deshalb habe ich mich lange vor Corona entschlossen, mich jetzt auf Ende Juli pensionieren zu lassen und nicht für ein paar Monate nochmals eine neue Klasse zu übernehmen», erklärt Joss.

Doch dann kam am 16. März der Lockdown. «Ich habe geholfen, den Fernunterricht zu organisieren, und wir haben uns im Schnellzugstempo in Sachen digitaler Unterricht weitergebildet. Als der Präsenzunterricht wieder begann, durfte ich aber nicht mehr zurück, weil ich wegen einer Vorerkrankung zur Hochrisikogruppe gehöre.» Seither schützt sich Hansruedi Joss mittels Quarantäne. «Der unmittelbare Kontakt, sich beim Gespräch in die Augen sehen und der Händedruck bei der Begrüssung und der Verabschiedung, das vermisse ich am meisten», sagt der Lehrer.

«Wir müssen vorsichtig sein»

Zu tun gab es aber bis zum letzten Schultag. «An der Kreisschule Bechburg gab es acht Schülerinnen und Schüler, die ebenfalls wegen Quarantänemassnahmen nicht in die Schule durften. Ich coachte diese Gruppe zusammen mit einem Heilpädagogen. Wir hatten mit digitalen Medien intensiven Kontakt und führten jeden Tag zwei Zoom-Konferenzen durch. Eine sehr dankbare Aufgabe.»

«Man ist einsam daheim», sagt Joss zu seiner Situation, «aber ich habe mich mit der Situation versöhnt. Unsere Reisepläne haben meine Frau und ich aufgeschoben. Wir müssen vorsichtig sein, aber wenn sich die Situation beruhigt, dann holen wir das nach. Das läuft uns nicht davon.» Für die Jugendlichen werde die Pandemie dagegen noch lange negative Folgen haben, befürchtet Hansruedi Joss. «Die schwachen Schüler, die niemanden haben, der sie unterstützen kann, haben wir im Lockdown zum Teil verloren. Das ist sehr schade. Und es ist möglich, dass die Schüler, die jetzt mit einem Zeugnis ohne Noten ins Berufsleben entlassen wurden, Nachteile erleben werden.»

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