Geschenk der Bürgergemeinde
Der Walliser in Niederbuchsiten: Wie der Findling auf den Dorfplatz kam und was Senioren damit zu tun haben

Früher noch fester Bestandteil des Lehrplans, heute in Erinnerungen verschwommen: Der Walliser Findling in Niederbuchsiten. Eine Seniorengruppe setzte alles daran, den Zeitzeugen wieder in die Gegenwart zu holen.

Gülpinar Günes
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Ein uralter Zeitzeuge ziert den neuen Dorfplatz in Niederbuchsiten.

Ein uralter Zeitzeuge ziert den neuen Dorfplatz in Niederbuchsiten.

Bruno Kissling

Seit letztem Herbst thront auf dem neuen Dorfplatz von Niederbuchsiten ein Walliser. Über 300 Millionen Jahre ist er alt, 11.3 Tonnen schwer und stammt ursprünglich aus der Region zwischen Martigny in der Schweiz und Chamonix in Frankreich.

Vor rund 150 000 Jahren in der vorletzten Eiszeit brachte der grosse Rhonegletscher den Findling ins Gäu und legte ihn im Schlattrain bei Niederbuchsiten ab. Damals wuchsen dort wohl noch keine Bäume. «Ich wusste schon immer, dass wir einen Findling im Wald haben», sagt der Bürgergemeindepräsident Bruno Zeltner. Gefunden habe ihn der 67-Jährige aber nie. Bis ihn schliesslich jemand darauf aufmerksam gemacht hat.

Die Dorfchronik gab den Anstoss

Vor etwas mehr als zwei Jahren startete die Gemeinde einen Aufruf in der Bevölkerung: Sie sammle Informationen für die neue Dorfchronik. Da meldete sich der 85-jährige Kurt Henzirohs, er könne sich noch an einen Findling erinnern. Während der Schulzeit Henzirohs habe es jährlich eine Exkursion dorthin gegeben, weiss Zeltner.

Bei ihm selbst sei das aber nie der Fall gewesen. Er vermutet, dass das Gestein im Laufe der Zeit wohl in Vergessenheit geraten ist, weil nur die Oberfläche davon im Waldboden sichtbar war und weil es nirgends einen Hinweis dazu gab. «Nicht so wie andere Findlinge im Kanton», sagt Zeltner. Die könne man kaum übersehen.

Von da an hat sich die Seniorengruppe «Waldvögel» zum Ziel gesetzt, das Urgestein an die Erdoberfläche zu befördern. «Wir sind häufig hin und haben angefangen, den Findling von Hand auszugraben», erinnert sich Zeltner, der ebenfalls Mitglied der Gruppe ist.

Stundenlang seien sie jeweils dran gewesen, ohne die wahre Grösse des Steins ahnen zu können. Mit einem Seilzug habe die Gruppe schliesslich versucht, ihn hochzuheben. «Sie können es sich denken – er hat sich keinen Millimeter bewegt», sagt Zeltner schmunzelnd. Dafür haben die Senioren mit der finanziellen Hilfe der Bürgergemeinde die Firma Dörfliger beigezogen, die schliesslich mit einem Bagger vorfuhr. «Wir wollten nicht aufhören, bis der Stein draussen ist.»

 Die Seniorengruppe buddelte den Findling von Hand aus.
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 Der Stein war tief im Boden versteckt. Nur eine kleine Fläche sei vor dem Projekt sichtbar gewesen.
 Nachdem ein erster Versuch, den Stein hochzuheben, fehlschlug, musste die Firma Dörfliger mit einem Bagger nachhelfen.
 Schliesslich konnte der 11,3 Tonnen schwere Findling abtransportiert werden.
 Hier wird er auf dem neuen Dorfplatz platziert, zur Freude aller Beteiligten.

Die Seniorengruppe buddelte den Findling von Hand aus.

zvg

Findlinge gibt es zahlreiche im Kanton

Als es so weit war, wurde auch der Kanton mit einbezogen. Gemäss eines Regierungsratsbeschlusses aus dem Jahr 1971 sind nämlich alle Findlinge unter Schutz gestellt – das heisst: Man darf sie nicht ohne Erlaubnis bewegen oder verwenden. Die nötige Bewilligung dafür erteilte Markus Stähli, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des kantonalen Amts für Umwelt.

«Findlinge sind recht verbreitet im Kanton Solothurn», sagt er auf Anfrage. Die meisten stehen in den oberen Kantonsbezirken: Mit rund acht Metern Höhe beispielsweise befindet sich der grösste Findling des Mittellandes in Steinhof bei Aeschi. «Das ist auf die letzte Eiszeit zurückzuführen», weiss Stähli. Anders als bei der Eiszeit davor habe die Zunge des Rhonegletschers von Süd-Westen her nur bis Wangen an der Aare gereicht und vor allem dort Findlinge abgelegt. In der vorletzten Eiszeit bedeckten die Gletscher auch das Gäu.

Kein Jahrhundertfund aber dennoch speziell

Das Spezielle am Findling in Niederbuchsiten aber sei das Gestein: Es ist ein sogenanntes Vallorcine Konglomerat – eine Gesteinsmischung, die es nur in der Ursprungsgegend des Findlings gibt. «So konnte genau bestimmt werden, woher er stammt», sagt Stähli. Allgemein aber sei der Findling kein ausserordentlicher Fund. «Er bekommt eine lokale Bedeutung und ist ein anschaulicher Zeuge der vergangenen Eiszeit», so der Wissenschaftliche Mitarbeiter.

Dieser steinalte Zeitzeuge hat es schliesslich aus dem Wallis ins Dorfzentrum und in die Dorfchronik von Niederbuchsiten geschafft. «Wir wollten unbedingt die Idee von Kurt Henzirohs verwirklichen», erklärt Zeltner, warum die Seniorengruppe so vernarrt war in das Projekt. Alles in allem hat es die Bürgergemeinde 5500 Franken gekostet. «Für die Kulturförderung ist die Bürgergemeinde ja auch zuständig», rechtfertig Zeltner den Betrag. «Und schliesslich ist der Findling eine Spende der Bürgergemeinde an den neuen Dorfplatz.» Den Stein habe er gleich selber dafür geputzt.

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