Leidenschaft
Der Oberbuchsiter «sammelt» Dorfgeschichte

Heinrich Kissling hat in jahrelanger Arbeit Geschichte und Geschichten des Dorfes zusammengetragen.

Philipp Felber
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Adam Zeltner-Haus Schälismühle Schälismüller Heinrich Kissling vor einem Grabstein von Peter Joseph Bloch (fünffacher Vorfahre von Peter André Bloch) an der Kapelle bei der Schälismühle.

Adam Zeltner-Haus Schälismühle Schälismüller Heinrich Kissling vor einem Grabstein von Peter Joseph Bloch (fünffacher Vorfahre von Peter André Bloch) an der Kapelle bei der Schälismühle.

Bruno Kissling

«Sind sie ein Egerkinger Felber?» Eine Frage zur Begrüssung, die wohl nur einer stellt, der sich für Dorfgeschichte interessiert. Oder besser von einem, der sich für die Geschichte des ganzen Gäus interessiert. Und sein Wissen über Oberbuchsiten, über die Region sprudelt regelrecht aus Heinrich Kissling heraus. Er hat in stundenlanger Arbeit Oberbuchsitens Dorfgeschichte zusammengestellt. «1200 Stunden, vielleicht sinds momentan auch schon 1500 Stunden. Ich habe aufgehört zu zählen», sagt Kissling mit einem Lächeln auf den Lippen. Eine Entschädigung dafür hat er nie erhalten, es scheint ihm aber nicht darum zu gehen. «Ich will nicht, dass das alles nur in meinem Luftschutzbunker rumliegt. Die Interessierten sollen dies lesen können. Um mich geht es dabei nicht», sagt der pensionierte Lehrer auf der Terrasse mit dem Blick über die Gäu-Ebene.

Personen im Vordergrund

Jeden Morgen wird er hier an das erinnert, was ihm zuvorderst auf der Zunge liegt, wenn er gefragt wird, über was in Oberbuchsitens Geschichte es sich denn zu schreiben lohnt. Die Schälismühle. Kein Wunder als langjähriger Schälismüller. Doch dabei bleibt es nicht, denn lässt man ihn erzählen, kommen weitere Anekdoten dazu. So etwa die Geschichte von Johann Lüthis «Vo Lozärn gäge Wäggis zue». Ein Lied, geschrieben 1832, als Erinnerung an eine Fahrt auf dem Vierwaldstättersee mit einem hübschen Mädchen. Lüthi war ein Oberbuchsiter. Leinweber, Schütze, aber vor allem Musiker.

Und geht eine Anekdote mal vergessen, so hilft seine Frau Elisabeth Kissling etwas nach, welche sich beim Gesprächstermin neben ihn gesetzt hat. Nicht dass er vergesslich wäre, weit gefehlt. Doch so einiges Wissen über die Dorfhistorie hat sich angesammelt, da kann auch schon mal was unter den Tisch fallen.

Am Anfang von Heinrich Kisslings Faszination für Geschichte stand die Ahnenforschung. «In der Schule mochte ich Geschichte nicht, die grossen Zusammenhänge gingen mir nicht in den Kopf.» Das änderte sich nach seiner Pension. Auf den Spuren seiner eigenen Ahnen traf er auf andere erzählenswerte Geschichten rund um die Schälismühle, Adam Zeltner und schliesslich um ganz Oberbuchsiten. Warum die neue Leidenschaft für längst vergangenes? «Warum macht man Fotos und nimmt sie später wieder hervor? Das ist alles auch Geschichte.» Eine persönliche zwar, aber trotzdem Geschichte. Und so trug er in den letzten Jahren Geschichten und Geschichte zusammen. Bis eine Dorfgeschichte entstand. Keine abgeschlossene wohlgemerkt. «Wenn ich ein Buch herausgebracht hätte, wäre es an dem Tag, an dem es gedruckt worden wäre, schon wieder veraltet gewesen.»

Kein Absolutheitsanspruch

Bestrebungen seien zwar früher mal vorhanden gewesen, in Richtung Buch hinzuarbeiten. Doch so richtig klappen wollte es halt nicht, auch aus finanziellen Gründen. «Das braucht halt 250'000 Franken, und der Gemeindepräsident stellte klar, dass das momentan nicht drinliegen würde.» Die Lösung folglich: Aus der Not eine Tugend machen. Das Konzept für die Oberbuchsiter Geschichte ist ein sehr modernes. Jeder und jede kann im Prinzip mitarbeiten, veröffentlicht werden die Beiträge auf der Gemeindehomepage. «Interessantes von früher» heisst die Rubrik. Absolutheitsansprüche werden schon im Titel verneint. Was aber die Arbeit von Kissling nicht schmälert.

Momentan sind 56 Einzelartikel von unterschiedlicher Grösse aufgeschaltet. Und die Themen, die bearbeitet wurden, decken eine wortwörtlich unvorstellbare Zeitspanne ab: von der Eiszeit bis ins Hier und Jetzt. Die Häppchen an Geschichten und Geschichtchen sind aber übersichtlich gestaltet. Bei einem Besuch im Staatsarchiv habe er sich daran gestört, dass in einem von ihm beigezogenen Werk die Hälfte der Seiten mit Anmerkungen und Quellenangaben versehen war. Er selbst ging einen anderen Weg. Zwar sind seine eigenen Schriften natürlich quellenbasiert und diese sind auch vermerkt. Viel wichtiger ist ihm aber das Erzählen, etwa auch mit Bildern.

Aufbereiten und erzählen

Kissling zeigt sich überrascht, dass er auch schon als Historiker bezeichnet wurde. Historisches einzuordnen, weiss er aber. Auf die Frage, welche speziellen Daten in der Geschichte Oberbuchsitens hervorzuheben sind, nennt er einige Beispiele. Nur, um dann zu ergänzen, dass die Ereignisse aber für die jeweilige Zeit von ähnlicher Bedeutung waren. Der Franzoseneinfall, bei dem zwei Oberbuchsiter ihr Leben liessen, oder das Abschieben von Armengenössigen nach Amerika etwa. Etwas speziell herausstreichen will er nicht.

Hört man Kissling zu, so wird eines klar: Als abgeschlossen betrachtet er sein Werk nicht. Aber er will nicht alles alleine machen: «Ich bin froh, wenn ich Hilfe erhalte, ich kann ja nicht alles selber machen», sagt er und lächelt auch da wieder. Klar könnte er, die Faszination für Geschichte hat ihn nicht losgelassen. So wird er sich selber, auch mit ein wenig Stolz in der Brust, weiter seiner Arbeit widmen. Wenn er denn nicht für die Schälismühle unterwegs ist, sein anderes Herzensprojekt. Mit einem Augenzwinkern zeigt er ein Fernglas. «Damit kann ich schauen, ob der Rasenmähroboter auch wirklich arbeitet.» Praktisch, so hat er mehr Zeit, sich um das Aufbereiten und Erzählen von Geschichte zu kümmern.

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