Gäu

«Der Federschmuck war früher für Damenhüte begehrt»: Jetzt ist der weisse Graureiher wieder da

Dieser Silberreiher stolziert über einen Haus-Vorplatz in Neuendorf.

Dieser Silberreiher stolziert über einen Haus-Vorplatz in Neuendorf.

Graureiher gehören ins Gäuer Landschaftsbild. Zugenommen hat aber die Zahl der Silberreiher, die auf den Feldern nach Nahrung suchen.

Manchmal bilden sie Grüppchen. Manchmal stehen sie allein auf dem Ackerfeld. Auf ihren dünnen Beinen heben sie sich von der Gäuer Ebene ab. Die einen haben graues, die anderen weisses Gefieder. An den Graureiher, im Volksmund auch Fischreiher genannt, haben sich die Gäuer längst gewöhnt. Seit ein paar Jahren aber stiehlt dem Graureiher ein naher Verwandter die Show. Exot und begehrtes Fotoobjekt ist nämlich der weisse Silberreiher. Einst seltener Gast, ist er in den Wintermonaten mittlerweile auf den Ackerfeldern ein Stammgast.

19 Silberreiher zählte Markus Peier am Sonntag auf den Feldern am Fuss des Juras. Ein paar Tage zuvor hatte der Präsident des Natur- und Vogelschutzvereins Oensingen auf einem kleinen Feld neben der Abwasserreinigungsanlage Falkenstein gleich 12 Silberreiher beobachtet. Auch für den Ornithologen Peier ein ungewohntes Bild. Erst in den letzten Jahren etablierte sich der bis zu einem Meter grosse Reiher als Wintergast. Im März zieht er wieder Richtung Osten, wo er heimisch ist und brütet.

Beliebt wegen seines Federschmucks

«Im Winter sind sie weniger scheu», sagt Peier. Dies gelte allgemein für Vögel, die bei kälteren Temperaturen das System ein wenig herunterfahren. Die Speisekarte der Silberreiher ist ähnlich wie jene des Graureihers. Beide fressen Fische – diese sind jedoch nicht ihre Hauptspeise, wie der umgangssprachliche Name Fischreiher vermuten lassen könnte. So treibt es Silber- und Graureiher auf der Nahrungssuche nach Schnecken, Würmern, Amphibien, Reptilien und Mäusen auf die Ackerfelder. Bei der für Bauern erfreulichen Mäusejagd lassen sie sich auch nicht von den auf der Hauptstrasse vorbeirauschenden Autos stören. Hält eines an, haben die Reiher bald ihre breiten Flügel gespannt und heben ab. «An das Auto haben sie sich gewöhnt – der Mensch ist der Gefahrenherd», sagt Peier.

Einst wegen der Bejagung bedroht

Dieses Empfinden der grossen Vögel hat seine Berechtigung. Der hauptsächlich aus Osteuropa stammende Silberreiher wurde früher stark bejagt. «Im Prachtkleid bildet er einen schönen Federschmuck aus, die der Partnerwahl dienen», erklärt Livio Rey, Biologe bei der Vogelwarte Sempach.

«Der Federschmuck war früher für Damenhüte begehrt.» So wurde der Silberreiher zu einer bedrohten Art, die in ihr Hauptverbreitungsgebiet in Osteuropa zurückgedrängt wurde. Wie aus der Fachliteratur hervorgeht, erholte sich der Bestand ab 1965 wieder und seither tauchten die weissen Federtänzer wieder vermehrt in der Schweiz auf.

Dass Ornithologe Markus Peier heute alleine im Gäu auf kleinstem Raum 19 Silberreiher zählt, wäre im 20. Jahrhundert noch undenkbar gewesen. Zwischen 1900 und 1970 beobachteten Ornithologen bloss 15 Mal einen Silberreiher in der Schweiz. «Ein Silberreiher hatte enormen Seltenheitswert. Besonders ab Mitte der 90er-Jahre begann ihre Zahl anzusteigen, und bereits in den Jahren um die Jahrtausendwende wurden schweizweit im Januar durchschnittlich 68 Silberreiher gesehen», sagt Livio Rey. Dies hänge damit zusammen, dass die Jagd eingestellt wurde und man den Silberreiher heute besser schützt. So hat sich die Vogelart bis Lettland, Holland und in die Camargue ausgebreitet. In der Schweiz ist er bis auf zwei Fälle Wintergast geblieben. Es gibt bloss zwei Nachweise, die eine Brut des Silberreihers am Neuenburgersee und in der Waadt dokumentieren (Chevroux und Chavornay). Der Silberreiher brütet gerne im Schilf, in Büschen oder auch auf Bäumen, findet aber offensichtlich in der Schweiz nicht die gewünschten Bedingungen vor.

Die Ornithologen freut’s, dass er als Wintergast wieder häufiger in unsere Regionen vorstösst. Bisher gebe es keinen Hinweis, dass dies mit dem Klimawandel zusammenhängt, so Rey. Allgemein gebe es bei vielen grossen Vögeln Bestandszunahmen, weil die Bejagung eingestellt wurde. «Dies ist ein Erfolg des Naturschutzes und eine Rückkehr zur Normalität, wie sie vor der Bejagung herrschte.» Der Silberreiher wagt sich bis in die Dörfer vor und stolziert auch mal auf einem Haus-Vorplatz in Neuendorf vor die Linse.

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