Schluss mit 70 Jahren

Bähnler fürs Leben: Er ist der erste Ehrendampflokführer der OeBB

Renato Freiburghaus hegt, pflegt und führt seit Jahrzehnten die alten Riesen der OeBB. Die Loks liessen ihn nie allein. Jetzt wurde er zum Ehrendampflokführer ernannt.

Mit 70 kommt die Altersguillotine unter den Lokführern. Auch Renato Freiburghaus muss das Billett abgeben, wenn er am Mittwoch den runden Geburtstag feiert. Noch zehn Jahre darf er als Maschinist im Führerstand stehen. Und dies will er auch tun, solange er gesund genug ist. «Zum Einheizen bin ich noch lange gut genug», schrieb er im Jubiläumsbuch «1050 Jahre Oensingen».

Seine letzte Fahrt als Chef im Führerstand durfte der Oensinger am vergangenen Samstag erleben. Völlig unverhofft, wie er am Telefon erzählt. Die Freude darüber liegt auch zwei Tage danach noch in seiner Stimme. Zum ersten Ehrendampflokführer machte ihn die Oensingen-Balsthal-Bahn (OeBB) nach der Schaltjahresfahrt. «Würdevoller kannst du fast nicht verabschiedet werden», sagt Freiburghaus. «Ich hatte eine unheimlich schöne Zeit.» Nun mache er gerne Platz für jüngere Lokführer.

100 Loks und 1000 Wagen im Wohnzimmer

Als Freiburghaus zur Dampfgruppe der OeBB stiess, da waren die ältesten Lokomotiven im Depot bereits ungefähr 100-jährig. 37 Jahre später ist die Faszination des Bähnlers für die «Urgesteine der Technik» – wie er sie nennt – ungebrochen. Noch bevor er in Balsthal begann Lokomotiven zu reparieren und lenken, hatte ihn die Eisenbahn in den Bann gezogen. «Ich war vorbelastet», sagt Freiburghaus. Schon sein Vater arbeitete bei der Eisenbahn im Depot in Basel. «Wenn du diesen Rauch der verbrannten Kohle in die Nase kriegst, und all das Öl, das die Loks brauchen, riechst, vergisst du dies nie mehr», erzählt er von seiner Kindheit.

Die eindrücklichen Bewegungen des Gestänges, das sich bei der Fahrt hin und her bewegte, prägten sich bei ihm ein. Die Bahn war im Wohnzimmer des Buben allgegenwärtig. Über 100 Loks und mehr als 1000 Wagen rollen heute noch über seine Modelleisenbahnanlage. Trotz aller Liebe für die Bahn: Renato Freiburghaus landete nach einer Lehre als Elektromechaniker nicht im Führerstand oder im Depot, sondern beim Migros-Verteilzentrum, wo er 33 Jahre lang arbeitete. Daneben opferte er sich für die Dampflokomotiven auf. «Um Dampfloks zu fahren, musst du sie auch kennen, mechanisch an ihr arbeiten können. Nur so lernst du ihre Charakteristik kennen», sagt er. Erst sieben Jahre vor der Pension machte er seine Passion doch noch zum Beruf. Die OeBB stellte ihn als Mechaniker und Lokführer an.

«Wenn du die Dampflok fährst, ist die elektronische Lokomotive bloss ein Fahrzeug», sagt Freiburghaus. Seine Leidenschaft blieb denn auch die freiwillige Arbeit in der Dampfgruppe. Mit dieser machte sich die OeBB einen Namen. Das Depot der regionalen Bahnbetreiberin hat nicht nur eines der am reichsten bestückten Depots, was historische Loks angeht. Auch verschaffte sich die Fachgruppe als Lokomotive-Restauratorin in der Szene einen guten Ruf. Dies sei auch John Gaillard zu verdanken, wie Freiburghaus erzählt. Der Elektromechaniker aus Yverdon war einer der renommiertesten Revisoren von Lokomotiven – in den 90er-Jahren gab er sein Wissen in Balsthal weiter. «Er wusste, worauf es ankommt und konnte uns dies irrsinnig gut vermitteln», sagt Freiburghaus über seinen mittlerweile verstorbenen Lehrmeister.

Wenn er sich heute als Experte an einer Dampflok zu schaffen macht, denke er an die bescheidenen Mittel, die damals zur Verfügung standen. «In meinen Augen waren dies alles Künstler.» Heute sieht er die Bahn vor allem wegen der hohen Ansprüche unter Druck. Jeder Sitzplatz muss eine Steckdose haben, das Klima muss stimmen und die Züge dürfen nicht verspätet sein, zählt er auf. «Heute muss alles perfekt sein, vor 140 Jahren warst du froh, wenn du ein bisschen schneller als das Ross warst.» Dafür waren die Lokomotiven dauerhaft, wie es ihr Alter beweist. Keine tat es Renato Freiburghaus mehr an, als die Mallet-Dampflok. «Sie ist einzigartig in Europa», sagt er. «Diese gutmütige Maschine lässt dich nie im Stich.»

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