Aus Thaler Sicht
Erinnerungen in der «Notre Dame de Rosières»

Markus Neuenschwander, Balsthal
Markus Neuenschwander, Balsthal
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Die Gemeinde Welschenrohr trägt auch einen französischen Namen: Rosières.

Die Gemeinde Welschenrohr trägt auch einen französischen Namen: Rosières.

Patrick Luethy

Welschenrohr ist eine der wenigen Solothurner Gemeinden, neben Solothurn, Grenchen und Gänsbrunnen, mit einem französischen Namen: Rosières. Der Namen ist abgeleitet von «roseria», das bedeutet Röhricht, Schilf. Woran auch das noch ältere althochdeutsche Wort «rore» (Röhricht) im Dorfnamen erinnert. Der welsche Name ist mir in den Sinn gekommen, weil in Welschenrohr die einzige gotische Kathedrale des Thals steht. Die einzige zudem weltweit, die nicht nach den Bauplänen der genialen Maurermeister aus dem 12. Jahrhundert erbaut worden ist. Es handelt sich um eine Naturkathedrale, die unter dem Namen Bärenhöhle bekannt ist.

Wenn man den letzten Abschnitt zur Höhle hinaufkraxelt, hat man keinesfalls den Eindruck, vor etwas Ähnlichem wie einem Kathedralbau zu stehen. Die mächtigen Fassaden und Türme fehlen. Das Geheimnis erschliesst sich erst, wenn man in der Höhle selber steht. Grosse Steinblöcke im Innern laden dazu ein, sie zu erklimmen und wenn man denjenigen in der Mitte der Höhle bestiegen hat und nach oben schaut, wird man sich bewusst, dass die Höhle ein grosses Raumvolumen wie ein Kirchenschiff hat. Das Erstaunlichste ist aber, dass es einen Durchbruch nach oben gibt, durch den das Licht einfällt und durch den sogar ein Baum wächst.

Als ich beim letzten Besuch meinen Blick nach oben richtete, ergab es sich, dass durch das einfallende Licht und das noch spärliche Laub des Baumes ein Teil der Höhle in ein fein schimmerndes grünes Licht getaucht wurde. Nicht nur wegen meiner erhöhten Lage mit Blick auf das weit unter mir liegende Dorf Welschenrohr ergab sich durch dieses Eintauchen in das laue Frühlingsgrün ein Moment der Ergriffenheit.

An diesem Punkt erinnerte ich mich nämlich an ein Erlebnis in der Kathedrale von Chartres. Dieses Meisterwerk der französischen Gotik weist noch die ursprünglichen Fenster aus dem 12. Jahrhundert auf, wovon sich das berühmteste – Notre Dame de la Belle Verrière – rechts vom Chor befindet. Es ist in einem ganz besonderen Blau gehalten, dessen Kobaltfarbton man bis heute trotz häufiger Versuche durch Glasspezialisten nicht mehr in derselben Farbkraft herstellen konnte. Wenn nun das Licht durch das Fenster fällt, wird der Besucher in einen Strahl von Blau gehüllt, der jeden Betrachter verzaubert und für den Gläubigen eine Begegnung mit dem Göttlichen bedeutet.

Nun, dieser Gedanke kam mir, als mich in zartes Grün getaucht ein kühles Lüftchen umschwebte. Die Natur überrascht uns immer wieder mit ihrer unendlichen Schönheit, aber mystische Erlebnisse hat auch sie nicht alle Tage bereit.

Im Kunstmuseum Solothurn hängt ein kleines Bild mit der berühmtesten Darstellung der «Bärenhöhle». Es stammt vom Landschaftsmaler Caspar Wolf, der im 18. Jahrhundert von Muri aus die Schweiz bereist und erwandert hat und schon in der Vorromantik das Bild eines Landes mit spektakulären Landschaften geprägt hat. Auch er erklomm die steile Passage oberhalb Welschenrohrs und war fasziniert von der Wirkung der Höhle. Er stellte wahrscheinlich sich selbst auf dem mittleren Felsen dar – selbstbewusst und dennoch bescheiden angesichts der mächtigen Dimensionen – und schuf mit diesem Werk die perfekte optische Illusion von Raum und Volumen. Bei ihm lässt sich keine mystische Begegnung ausmachen, dazu malt er zu realistisch, aber das Gefühl der Erhabenheit und ein Hauch von drehendem Schwindel in diesem Naturwunder glaube ich dennoch entdeckt zu haben.

Beim Abstieg – nach der kurzen Kletterpartie – blicke ich zurück und sehe nichts anderes als die riesige Höhlenöffnung, die man sogar sehr gut von der Thalstrasse her sehen kann. Ich marschiere weiter hinab Richtung Welschenrohr-Rosières, zum «Schilfdorf». Seltsam, wie dieser Ort die Sinne verwirren kann.

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