Aus Gäuer Sicht
Es ist Zeit, über die Zeit nachzudenken

Pascal Froidevaux, Verwaltungsrat «s: stebler», Oensingen
Pascal Froidevaux, Verwaltungsrat «s: stebler», Oensingen
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Kolumnist Pascal Froidevaux ist bei einem Umzug auf eine alte Stereoanlage gestossen.

Kolumnist Pascal Froidevaux ist bei einem Umzug auf eine alte Stereoanlage gestossen.

zvg

Das Jahr 2022 hat begonnen, die Vorsätze sind gemacht, die neue Agenda liegt bereit. Die Zahl 22 steht leer da und wartet darauf, mit Ereignissen gefüllt zu werden. Die Festtage sind wohl oder unwohl überstanden, zumindest gehören sie der Vergangenheit an. Oft bieten die Tage über Weihnachten und den Jahreswechsel die Gelegenheit, uns Gedanken darüber zu machen, was hinter ‒ und vor uns liegt. Auf jeden Fall haben diese Tage einen anderen Takt als die übrigen im Jahr.

Aber warum nehmen wir die Zeit so komplett unterschiedlich wahr? Freuen wir uns auf eine Begegnung, kann die Wartezeit schrecklich lange erscheinen. Ehe der Moment dann endlich erreicht wird, ist er schon wieder vorbei. Kürzlich hatte ich im Zusammenhang mit einem Umzug eine alte Stereoanlage in den Händen. Die noch ausgeprägt mechanischen Teile mit den diversen Elementen ‒ ein bisschen wie Legosteine für Erwachsenwerdende. Ein Element für den Verstärker, ein Element für das Tonband. Rechteckig, wuchtig und immens präsent. Damals ein Stolz für maximalen Klangkomfort und heute ein Requisit, von dem ich mich nicht trennen kann. Start, Stopp, Play, Pause, Rec und Vor-, wie auch Zurückspulen. So die Tasten.

Wie wäre es nun, wenn wir die Zeit auch mal kurz zurückspulen könnten? Zurück zu einem ganz besonderen Moment. Erneut erleben und dann vielleicht noch ein zweites Mal zurückspulen, um ihn in vollem Genuss und Bewusstsein verinnerlichen zu können. Die Zeit ist immer die Gleiche. Seitdem Julius Cäsar 46 vor Christus den julianischen Kalender einführte, tickt die Uhr mit kleinen Korrekturen im identischen Takt. Die Empfindung allerdings ist höchst different und sehr individuell.

Neulich las ich in der Zeitung, dass die Pandemie unserer Jugend zwei Jahre gestohlen hat. Diese zwei Jahre wurden nicht aus der Zeitrechnung gelöscht. Allerdings sind wir nicht in der Lage, uns Zeit einzuprägen, welche ereignislos war und entsprechend nicht «bewusst» erlebt werden konnte. Wer bald die Steuererklärung ausfüllt, wird sich sicherlich wünschen, dass die Zeit möglichst schnell vergeht – wenn möglich gar nach vorne gespult werden könnte.

Wie wir einen Moment wahrnehmen, hängt von uns, wie auch von unserer Resonanz ab. Vergeht die Zeit immer schneller – liegt es oft daran, dass wir sie schnell vorbeiziehen lassen. Soll unser Leben bald eine einzige Schnell-Spul-Strecke sein und unser Dasein an uns vorbeiziehen? Oder sollten wir uns mehr darüber Gedanken machen, welches die wirklich besonderen Momente für uns sind? Jene Ereignisse, welche wir bewusst geniessen und welchen wir am liebsten Anhalten – auf «Pause» drücken möchten? Einen Spaziergang mit einem geliebten Menschen, ein Gespräch, begleitet von einem guten Essen. Die teilweise ganz alltäglichen Erlebnisse, welche wir fortan in unserem Geist und in unserem Herzen festhalten und einprägen möchten – auf «Rec» (Aufnahme) drücken.

Ich bin der Überzeugung, dass wir oft enttäuscht wären, wenn wir unsere Lieblingsmomente zurückspulen und nochmals erleben dürften. Die Unmöglichkeit der Repetition macht die Einzigartigkeit eines jeden Erlebnisses doch erst aus. Dieses Jahr mache ich mir keine Neujahrsvorsätze, sondern versuche, mir meine « Rec»-Momente bewusst zu machen und mir zu überlegen, wie ich es an die Hand nehmen könnte, das neue Jahr möglichst zahlreich mit ihnen zu füllen. Zeit ist Zeit, sie vergeht. Ob wir unbewusst im Hamsterrad strampeln oder ob wir aus einem ganz einfachen Ereignis etwas Besonderes machen. Eine freundliche Begrüssung, der erste warme Sonnenstrahl im neuen Jahr. Nehmt euch auch die Zeit, über eure Zeit nachzudenken.

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