Aus Gäuer Sicht
Die gefährlichste Ausfahrt Westeuropas

Kuno Blaser
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Kuno Blaser

«Pass auf, wenn du mit dem Fahrrad die Strasse überquerst.» Den Ratschlag erteilte mir meine Mutter schon vor bald 70 Jahren, als wenig Verkehr die Hauptstrasse belegte. Gut, dass Mutter nicht mehr erlebt, welche Konzentration ich bisweilen aufbringen muss, mich bei der «Lenz-Ecke» in eine geschlossene Autokolonne einzureihen.

«Lenz-Ecke» nennt man jenes Nadelöhr in Oensingen, an der Kreuzung von Haupt- und Schlossstrasse, bei dem einst ein Bauer namens Lenz vor seinem Gehöft den Miststock häufte und von wo aus seine gehbehinderte Magd «Liseli» allmorgendlich einen zweirädrigen Handwagen mit zwei Milchkrügen humpelnd in die «Käsi» schob. Einzig die Kuhtränke, ein alter Steinbrunnen, erinnert an den Bauernhof. Alles ist anders geworden.

Erstaunlich, dass die Verkehrsplaner jede Möglichkeit verpassten, die «Lenz-Ecke» verkehrstechnisch in den Griff zu kriegen. Dort befindet sich die gefühlt gefährlichste Ausfahrt Westeuropas. Durch das Nadelöhr führt auch der Schulweg der Primarschüler.

Stünde noch das Restaurant Neu Bechburg, einst «Bächi» genannt, würde an dessen runden Tisch diskutiert, warum sich in der Causa «Lenz-Ecke» kein Mensch für ausreichende Verkehrssicherheit einsetzt. Es müsse zuerst mal so richtig «knallen», bis etwas geschähe.

Man würde vermutlich der Obrigkeit unterstellen, dass Beamte die Verkehrsmassnahmen bestimmten. Diese legten lieber fest, wo im Gäu noch ein Pfosten in den Asphalt zu rammen sei, um den überlaufenden Verkehr der Autobahn zu «beruhigen».

Die «Bächi» und die nahe Metzgerei Christen erlebte man in alten Zeiten als dörfliches Kommunikations- und Informationszentrum. Die Frauen tauschten sich beim morgendlichen Einkauf im geselligen Laden der Familie Christen aus. Von dort und über den gesprächigen Milchmann verbreiteten sich Dorfneuigkeiten wie ein Lauffeuer. Der nahe Anschlagkasten vermochte dem vorgelegten Informationstempo nicht zu folgen. Der Kasten wirkte wie eine Zeitung von gestern. Wenn etwas Schulisches mitzuteilen war, fand dieser etwas mehr Beachtung.

Ein «Kettentelefon» konnte die Lehrerschaft nicht organisieren. In den meisten Haushalten fehlte ein Telefon. Auch ein Auto besassen im Dorf wenige. Jene vier an der Schlossstrasse liessen sich leicht zuordnen. Unnötig wurde mit der Fahrhabe nicht herumgekurvt. Beim «Lenz-Buur» erhielt man ohnehin den Eindruck, dass dieser seinen «Amerikanerschlitten» – ein eleganter Studenbaker – mehr reinigte als fuhr.

Heute stehen an der Schlossstrasse fast vor jedem Haus Autos. Die Gretchenfrage könnte lauten, welches wohl welchem Familienmitglied gehört? Dank der dröhnenden 500 PS seines Sportwagens blieb selbst Schlossgeist Kuoni nicht verborgen, wenn Adrian Sutil im Schritttempo in die Schlossstrasse einbog.

Tröstlich? Traurig? Seltsam? Die Strecke Olten–Oensingen lässt sich heutzutage trotz vieler Pferde unter der Motorenhaube nicht schneller zurücklegen, als es 1967 mein «VW Käfer» mit seinen bescheidenen 30 PS tat. Die 17 Kilometer schaffte ich (unter Einhaltung aller Verkehrsvorschriften) spielend unter 15 Minuten.

Davon kann der bis vor kurzem hinter dem Schloss ansässige ehemalige Formel-1-Pilot Sutil nur träumen. Schon bei der «gefährlichsten Ausfahrt Westeuropas» bliebe er mittags im Quartierverkehr zwischen Elterntaxis und einem künstlichen Verkehrshindernis stecken. Böse Zungen behaupten, man sähe ihn deshalb nur selten in Oensingen.

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