Porträt
Auf der Suche nach Pilzen und Anerkennung: Wie Markus Flück Autor des Buches «Welcher Pilz ist das?» wurde

Markus Flück gehört zu den bekannteren Namen unter den Pilzkontrolleuren. Er ist aber viel mehr als nur ein Pilzexperte und musste bis zur Veröffentlichung seines Pilzbuches einige Hürden überwinden.

Gülpinar Günes
Merken
Drucken
Teilen
Markus Flück im Kestenholzer Wald
11 Bilder
Das Buch erscheint dieses Jahr in 6. Auflage. Er hat aber noch zwei weitere Bücher geschrieben, darunter ein Kochbuch für PIlze.
Er sei gern alleine im Wald, sagt er. Manchmal sei er bis zu drei Stunden unterwegs. Am liebsten am Sonntagmorgen, wenn alle noch schlafen.
Unterwegs findet er immer wieder häufige und seltene Pilze. Hier der Grünblättrige Schwefelpilz. Der ist giftig.
Hier hält er einen Gelben Knollenblätterpilz in der Hand. Der sei leicht giftig, aber nicht so sehr wie sein Verwandter, der Grüne Knollenblätterpilz. Der ist tödlich.
Ein samtiger Eierschwamm. Fast wurde der kleine Pilz übersehen. Der ist essbar.
Ein sehr schöner Pilz, aber nicht zum Essen: Der Strubbelkopfröhrling.
Markus Flück riecht auch häufig an den PIlzen. Der Geruch helfe bei der Bestimmung des Pilzes.
Ein "Prachtsexemplar" des Gelben Knollenblätterpilzes.
Auch Fliegenpilze gab es unterwegs. Hier noch ein relativ junges Exemplar.
Steinpilze konnte Flück an jenem Abend keine finden. Diese aber habe er einige Stunden vorher gesammelt.

Markus Flück im Kestenholzer Wald

Patrick Lüthy

Einsen oder Nullen. Schwarz oder weiss. Giftig oder essbar. Markus Flück will klare Antworten und gibt klare Antworten. Es gibt ein Gut und es gibt ein Schlecht. Es gibt den Misserfolg und den Erfolg. Letzteres will er nicht dem Schicksal überlassen und strebt es mit mathematischer Präzision an: Er ist nicht zufällig Pilzexperte geworden und sein Buch wird nicht zufällig in sechster Auflage verkauft. Über 80’000 Exemplare. «Welcher Pilz ist das?» – die Antwort kommt noch im selben Augenblick. Doch seine Rechnung ging nicht immer auf: Das Leben spielte mit anderen Variablen und stellte den Laupersdorfer abermals vor Unsicherheiten.

«Ich habe davon immer Durchfall bekommen»

Mit seinem Weidenkorb in der Hand schreitet der 60-Jährige durch das nasse Gestrüpp im Kestenholzer Wald. Die Regentropfen prallen an seiner Mütze ab. Seine Flanell-Jack saugt das Wasser einfach auf. Er weiss, wohin er will: Zu den Fliegenpilzen. «Wo es Fliegenpilze hat, wachsen auch Steinpilze», sagt er amüsiert darüber, dass sein Gefolge diesen Zusammenhang nicht kennt. Vermutlich hat es auch sein Vater nicht gewusst, als Flück noch ein Kind war. Es gab immer nur Korallenpilze zum Essen. «Ich habe davon immer Durchfall bekommen», sagt er lachend. Damit war sein Interesse an den Pilzen geweckt.

Mit 12 Jahren macht er sich mit dem Fotoapparat des Vaters auf Pilzsuche. Mit 29 wird er schliesslich Pilzkontrolleur und ist damals der jüngste unter ihnen. Was er weiss, hat er sich fast alles selbst beigebracht. «Chasch ned ässe. ‘sch geftig», sagt er hin und wieder mit ernster Miene und zeigt auf einige Pilzhüte, die aus dem Boden ragen. Er kennt sie alle beim Namen, wie alte Schulfreunde, die man zum Stammtisch trifft. Manchmal bückt er sich vorsichtig nach unten, pflückt ein Exemplar aus der Erde und riecht daran. «Gewisse Arten erkennt man schon am Geruch», sagt er. «Zumindest ich.» Er lacht. Sein Gefolge schmunzelt. Das sei wie beim Wein, da gebe es doch auch Experten.

Wenn sich eine Tür schliesst, dann öffnet sich eine andere

Als Flück Pilzkontrolleur wird, ist er gelernter Vermessungstechniker. In den 80er Jahren ist er viel draussen unterwegs für seine Arbeit bei einem Ingenieurbüro und widmet seine Freizeit für die Entwicklung eines Vermessungsprogramms. «Wenn das Programm so funktioniert, wie du es dir vorgestellt hast, dann macht das unheimlich viel Freude», sagt er. Er hätte die Chance gehabt, das Programm an die Öffentlichkeit zu bringen, es zu verkaufen. Doch er wollte nicht. «Ich habe mich nicht getraut. Ich habe gedacht es muss perfekt sein.» Eine verpasste Chance. Mit 28 erleidet Flück dann einen Bandscheibenvorfall und muss operiert werden. Das war schliesslich ein Wendepunkt für ihn. «Ich habe viel für das Unternehmen gemacht, viel in das Programm gesteckt, aber zu wenig zurückbekommen. Nach der Operation wollte ich endlich etwas für mich selbst machen.»

Und die Idee für das Buch entstand. Sie kam aber nicht aus dem Nichts: Seit seinem 20. Lebensjahr reifte sie in seinem Kopf, wie ein Pilz an feuchten Herbsttagen. Damals begann er seine Pilzfotografie zu perfektionieren und bald waren die Dias so gut, dass er sie hätte veröffentlichen können. «Ich habe mir gedacht: Wenn ich schon Pilze fotografiere, dann müssen sie so gut sein, dass ich sie veröffentlichen kann». Etwas dazwischen: Unmöglich. «Sonst hätte ich sie ja gleich wegwerfen können.» Die Genauigkeit des Vermessers soll ihm dieses Mal aber mehr Erfolg versprechen als letztes Mal. Bis er das Buch mit seinen Fotos veröffentlichen kann vergehen aber weitere sieben Jahre.

Das Durchhaltevermögen eines Vermessers

Der Boden im Kestenholzer Wald ist mit zartem Moos bewachsen. Oberhalb fallen die Regentropfen leise auf die Blätter der Bäume. Flück wandert tiefer ins Gestrüpp. Er sucht nach einer Fichte und hofft, dort Steinpilze zu finden. Die wachsen offenbar immer in der Nähe von Fichten. Das steht auch so in seinem Buch: Flück gehörte zu den ersten Autoren, der Pilze in Zusammenhang mit Bäumen stellte und diese Bäume auch im Pilzbuch beschrieb. Der Verlag aber wollte zunächst nichts davon wissen. «Sie haben mir gesagt, dass sie bereits Bücher über Bäume haben», sagt er fast spöttisch.

Beim zweiten Anlauf habe es aber schliesslich geklappt: Seine 450 Fotos wurden ausnahmslos akzeptiert und sollten zunächst mit den Texten eines anderen Autors erscheinen. «Da habe ich zuerst leer geschluckt», sagt Flück. Der Verlag machte ihm dann ein anderes Angebot: Er könne für dieselbe Entlöhnung auch noch die Texte für das Buch liefern. Flück ging auf den schlechten Deal ein. «Die wussten, dass ich das machen werde. Ich wollte meine Bilder nicht jemand anderem geben», sagt er. Er schrieb ein Jahr lang jede Woche bis zu 15 Texte. «Ohne die Ausbildung zum Vermesser hätte ich das Buch wahrscheinlich nicht geschrieben», sagt er. Es brauche sehr viel Disziplin, Konzentration und Durchhaltevermögen. Das Buch wird 1995 publiziert.

Dieses Jahr erscheint es in der sechsten Auflage. Es ist ein Erfolg, für den Markus Flück mit seinem Namen steht. Davon merkt er aber wenig: Er ist weder berühmt, noch hat er sich ein Vermögen beiseitelegen können. «Im Nachhinein ist es aber eine schöne Leistung», sagt er. Stolz sei er auch auf seine heutige Arbeit mit dem GIS-System bei der SWG Grenchen, wo er vor drei Jahren begonnen hat. Zuvor arbeitete er zehn Jahre lang in der Herstellerfirma als Supporter, Ausbildner und Entwickler. «Heute sehe ich, dass sehr viel von mir im Programm steckt.» Aber das sehe halt mehrheitlich nur er.

Vor Sonnenaufgang ist es am Schönsten

Die Öffentlichkeit möchte er dennoch nicht. «Ich werde nirgends erkannt und das ist gut so.» Wenn er Pilze sammeln geht, dann steht die Sonne kaum über dem Horizont und die meisten Menschen schlafen. Die Unsicherheiten hat er heute hinter sich. Aber die Freude an den Pilzen ist ihm auch nach 31 Jahren als Pilzexperte geblieben. «Es ist jeden Tag etwas anderes hier draussen.» Und die Pilze jedes Jahr eine neue Entdeckung. Wie die Fliegenpilze, die er an jenem Abend noch entdeckt. «Sind die nicht einfach schön?», fragt er in die Runde. Und verschwendet kaum mehr einen Gedanken an die Steinpilze, die er nicht finden konnte.