Wer von weissen Palmenstränden und azurblauen Lagunen träumt, schwelgt entweder noch in verblassender Ferienerinnerung. Oder er plant den herbstlichen Abstecher in den Süden. Dritte Möglichkeit: Er war auf Besuch bei den Dinos im Naturmuseum. Genau dieses Idealtypus an Karibik hat auch Geologe Silvan Thüring täglich vor Augen, wenn er sich vorstellt, wie es hier in Solothurn damals wohl ausgesehen hat.

Oder – weil letztlich jede Forschung nur Modelle hervorbringt – wie es damals ausgesehen haben könnte. Wenn von «damals» die Rede ist, dann bedeutet dies einen Zeitsprung von rund 150 Mio. Jahren. Willkommen im Solothurn der Jura-Epoche, die ihre Bezeichnung von der Gebirgskette hat. Willkommen in der Blütezeit der Riesenechsen, der Ära, in der Saurier viele ökologischen Nischen einnahmen.

Thüring blättert im 150-jährigen Werk «Urwelt der Schweiz» von Oswald Heer und zeigt auf eine Illustration: flache Strände, vereinzelte Palmen und Farne und unter Wasser eine bunte Welt an Meeresbewohner, die sich damals im Urozean namens Tethys tummelten. «Ein wenig wie Seychellen oder Bahamas», so Thüring. Dies auf dem Hintergrund einer weiten Landschaft, in der vom heutigen Juragebirge nichts zu sehen ist.

Kein Wunder, denn die Faltung der Alpen und des Juras fand geologisch betrachtet sozusagen gestern statt. «Koralleninseln des Jura» nennt sich die Illustration, die zwar der Fantasie Heers entsprang, aber den damaligen Ausblick auf das Urmeer von Solothurn so authentisch wiedergibt, wie es halt möglich ist.

Was die Steine erzählen

Doch wer will so genau wissen, was vor 150 Mio. Jahren war? In der erdgeschichtlichen Abteilung des Naturmuseums findet sich das Kabinett an Indizien: Steinfragmente, in denen wie im Falle des Lommiswiler Steinbruchs Saurierabdrücke erhalten blieben, der Unterkiefer eines Urkrokodils oder der Panzer einer Schildkröte. Oder Turmschnecken, die in seichten Lagunen lebten, um nach so langer Zeit versteinert von einem Wanderer gefunden zu werden.

Das Juragestein mit seinen Versteinerungen sind die wichtigsten Zeugen jener Zeit. «Sie sind ein Geschichtsbuch, in dem sich die Vergangenheit lesen lässt», sagt der Geologe. Seite für Seite, Sediment für Sediment: «Die Grammatik dazu haben wir an der Uni erlernt», so der 39-jährige Erdwissenschafter. Es ist ein Buch, der im Fall des Juragebirges aus einer ein Kilometer dicken Sedimentsschicht besteht, einer Chronik über 55 Mio. Jahre.

Und was sagt dieses Buch über damalige Lebensbedingungen? «Solothurn war eine Lagunenlandschaft, die manchmal mehr, manchmal weniger vom Urmeer überflutet wurde», sagt Thüring. So konnten sich die Spuren von Landtieren im weichen, feuchten Untergrund einprägen, dem dazumal besten Konservierungsmittel. Langhalsige Pflanzenfresser, sogenannte Sauropoden, dürften durch die Region durchgestapft sein.

Thüring schwärmt von der damaligen Artenvielfalt, die sich auch in der Diversität an gefundenen Fossilien zeigt. Die Saurier übertrafen in ihren körperlichen Dimensionen allem, was heute die Erde bevölkert. Doch wieso alles in XXL? Ein fünffach so hoher Kohlendioxid-Anteil der Atmosphäre liess Pflanzen spriessen. Und der höhere Sauerstoffgehalt in der Luft trug sein Übriges dazu bei.

Ferien an der Lagune

Abgesehen von der immanenten Gefahr, auf dem Klosterplatz einem Fressfeind zu begegnen, hätte man damals schöne Ferien «zuhaus» an der Lagune geniessen können. Doch auch wenn der Dinosaurier allein längst nicht alles ausmacht, was es über die damalige erdgeschichtliche Epoche zu wissen gibt: Eine Dino-Ecke gehört gerade für die jüngere Besucherschaft unabdingbar ins Naturmuseum.

Die interaktive Gestaltung lädt zum Experimentieren und zum kreativen Nachdenken ein: «Kindern wird die Fantasie oft abtrainiert, doch hier ist sie umso wichtiger», sagt Thüring.

Die Fantasie nicht verlernen

Was weiss man von damals? Und was ist Interpretation? Über die Farbgebung der Dinos ist beispielsweise kaum etwas gesichert. Doch was heute an unhinterfragten Annahmen im Dschungel an Doku-Formaten als wahr verkauft wird, muss der Wissenschafter seinerseits kritisch hinterfragen. Und der halbwüchsige Museumsbesucher gibt der Fantasie den Vorzug, weil es seiner Natur entspricht. «Erwachsene hinterfragen oft gar nichts mehr – zunächst».

Wird aber ein Familienvater wiederholt vom Zögling zum Museumsbesuch genötigt, kommen plötzlich auch von ihm Fragen. Oder ein Wanderer bringt eine versteinerte Turmschnecke zur Bestimmung vorbei. Wiederholungstäter gibts im Naturmuseum Solothurn allemal, umso mehr bei freiem Eintritt.

Der Museumsbesucher geht an der informativen Zeitleiste vorbei, die ihn aus der Urzeit zurück in die Gegenwart katapultiert. Aber nicht, ohne vorher das Mesozoikum zu passieren – das Zeitalter, das mit dem Massensterben der Saurier vor 65 Mio. Jahren zu Ende ging. Die heute populärste These dazu: Ein Meteor ging auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan nieder, während aufgewirbelter Staub die Erde verdunkelte und abkühlte. «Die Wissenschaft geht mehr davon aus, dass es eine Verkettung von mehreren Ereignissen war», so Thüring. Auch Vulkanausbrüche dürften dazugehört haben.

Oft werden erdgeschichtliche Epochen in ihrer Definition durch katastrophale Ereignisse voneinander abgegrenzt. Eine, die sich in der Veränderung von Sedimentsschichten abzeichnet. Ein Kommen und Gehen herrscht, wenn das Ökosystem derart massiv durchgeschüttelt wird, wie damals. Und der «Dino» machte die Nische für eine neue Herrschaft frei: Auf seinen letzten Schritten kommt der Besucher nun beim Anthropozän an, dem Zeitalter des Menschen. Was wohl dereinst in dessen Sedimentsschichten liegenbleibt?