Stadtbummel

Wie der Drahtesel gegen den dicken Chlapf ankommt

«Leicht passiv-aggressiv werden unerwünschte Drahtesel auch mal ungefragt umgestellt.»

«Leicht passiv-aggressiv werden unerwünschte Drahtesel auch mal ungefragt umgestellt.»

Ein bisschen passiv-aggressiv wirkt das schon. Nicht eines, gleich vier Schilder verkünden: «Fahrrad abstellen verboten!». Eine nackte, nicht denkmalschutzwürdig wirkende Hauswand wird mit gelben Tafeln geschmückt, die auch auf radioaktive Strahlung hindeuten könnten. Velos werden hier also nicht abgestellt – dafür zuhauf auf dem schmalen Trottoir vor der nächsten Hauswand.

Überhaupt findet man eine ganze Menge Zweiräder in der Stadt: An leere Schaufenster gelehnt, neben Brunnen gestellt, und an Brückengeländer gekettet. Immer dann, wenn die offiziellen Plätze zu weit weg oder zu voll sind. Seit die Fahrverbote nach und nach aufgehoben werden, kommen Velos ja auch immer flüssiger durch die Altstadt. Aber eben – geduldet werden sie nicht überall. Leicht passiv-aggressiv werden unerwünschte Drahtesel auch mal ungefragt umgestellt. Immer dann, wenn die Velos verhindern, dass Karton und Ghüder am gewohnt gleichen Fleck deponiert werden können. Oder dann, wenn die Räder vor der Haustüre den morgendlichen Schwung bremsen.

Ansonsten kommen Altstadt-Bewohner und -Besucher – mit oder ohne Velo – gut aneinander vorbei: Zulieferer, Märet-Stand-Betreiber, Stadtführerinnen mit Anhang und Bummler. Klar, es gibt ein paar Regeln. Etwa: Du darfst nicht mit dem Velo über den Märet fahren. Oder: Du sollst Rücksicht auf verträumte Fussgänger samt tänzelndem Hund und tollpatschigem Kind nehmen. Und: Du solltest wirklich nicht den Chronestutz hinunter chrosen – gerade wenn frisch ausgesandet oder eine Wasserrutsche aufgebaut wird.

So herrscht auf den Gassen friedliches Zusammenleben. Doch einer stört. Draussen vor der Tür steht er: der SUV. Manchmal klemmt hinter dem Scheibenwischer eine Bewilligung der Stadtpolizei. Manchmal wird auch kein Fahrverbot missachtet. Und manchmal wird er zu Zeiten parkiert, in denen die Stadt befahren werden darf. Meist wünscht man sich so oder so eine «SUV parken verboten!»-Tafel. Oder vier.
Wo kämen wir denn hin, wenn das in der Altstadt zum Standard werden würde? Reihenweise würden die dicken Dreckschleudern die Gassen verstopfen. Aus der städtischen Idylle würde Chaos: Zulieferer hupen sich und Anwohner um den Verstand. Kinder und Hunde flüchten auf die schmalen Trottoirs – doch dort drängen sich ängstliche Touristen schon um ihre verzweifelte Stadtführerin. Und die Märet-Stand-Betreiber werfen Tomaten auf die glänzenden Karren.

Zugegeben: So schlimm ist es noch nicht. Wird es hoffentlich auch nicht. Und so nimmt man den einen SUV vor der Haustüre hin, manövriert Kind, Hund und Grosseinkäufe vorbei, stellt Ghüder und Karton halt woanders hin. Und dann tut man, was genervte Städterinnen und Städter eben so tun: passiv-aggressiv zur Gegenwehr ansetzen. Das «Fahrrad abstellen verboten!»-Schild an der Hauswand gegenüber wird natürlich respektiert. Und das Velo dem dicken Chlapf vor die Schnauze gestellt. 

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