Nachtleben Solothurn
Wenn nachts die Kinderstube vergessen geht

Sie grölen, randalieren, urinieren in Hauseingänge und bringen die Anwohner in Rage: Nachtschwärmer, die ihre Kinderstube vergessen haben. Nun will Solothurn eine Wende zum Besseren herbeiführen: mit "Anstand-Wauwaus" und einer Toleranz-Kampagne.

Wolfgang Wagmann
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 Markus Moerler gehört zu den Barbetreibern, welche die Toleranz-Kampagne aktiv unterstützen.
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 Diese Botschaften wollen die Gastro-Betreiber in der Kampagne vermitteln.
 Auch "Chutz"-Wirtin Marta Kaus wirbt für mehr Anstand im Nachtleben.
 Auch vom Friedhofplatz her kommt Support für die Kampagne.
 Nicht immer geht es so ruhig und gemütlich zu und her.
Nachtleben Solothurn
 Ein Schwatz darf sein, wenns lauter wird, fühlen sich Anwohner rasch einmal gestört.
 Der Landhausquai gehört zu den Hotspots des Solothurner Nachtlebens.
 Bei schönem Wetter herrscht rasch einmal ein Gedränge entlang des Aareufers.
 Auch "Bädele" gehört zu Solothurns Nachtleben.
 Sehen und gesehen werden am Landhausquai.
 DIe Attraktivität der Aaremeile hat auch ihre Schattenseiten.

Markus Moerler gehört zu den Barbetreibern, welche die Toleranz-Kampagne aktiv unterstützen.

Wolfgang Wagmann

Angekündigt waren sie schon länger, jetzt liegen sie auf dem Tisch: die Massnahmen, mit denen Solothurn sein Nachtleben positiv beeinflussen will. Erreicht werden soll dies einerseits mit einer Toleranz-Kampagne, andererseits mit einer Doppelpatrouille von Interventionskräften in den Nächten von Freitag auf Samstag und in der Nacht darauf. «Nur bei schönem Wetter und jeweils von 22 Uhr bis 4 Uhr morgens sind die Patrouillen unterwegs. Und über einen Einsatz entscheidet jeweils die Stadtpolizei», erklärte Urs F. Meyer, Leiter Rechts- und Personaldienst, diese neue Massnahme, die bereits nächsten Freitag ihre Feuertaufe bestehen soll. Meyer hatte diesen Frühling mehrere Gesprächsrunden moderiert, die unter der Dachmarke Unisono alle die im Solothurner Nachtleben involvierten und davon betroffenen Kreise umfasste: Anwohner, Gastro-Betreiber, Hausbesitzer und Nachtschwärmer.

Auf Basel zurückgegriffen

«Leider reichte die Zeit nicht aus, um eigene Leute für diese Aufgabe zu rekrutieren», liess Meyer an der Medieninformation durchblicken, weshalb man auf die bestehende Basler Organisation Pantex zurückgegriffen habe. Im Einsatz stünden dabei einheitlich rot gekleidete Personen – darunter auch eine Frau – «welche über die nötige Zivilcourage verfügen und dafür ausgebildet sind, Personen anzusprechen sowie auf ihr falsches Verhalten hinzuweisen.» Es handle sich dabei aber nicht um Streetworker, die mit ihren Klienten auf der Strasse arbeiten, betonte Meyer weiter.

"Im Moment bin ich happy!"

Jutta Thellmann, wohnhaft am Stalden, engagierte sich seit letztem Jahr zuerst in der Interessengemeinschaft L(i)ebenswertes Solothurn, dann am runden Tisch von «Unisono», um zuletzt auch im Vorstand des neuen Vereins Altstadtwohnen Einsitz zu nehmen. «Es war an der Zeit, dass wir mit dem Verein jetzt ein Sprachrohr und eine Anlaufstelle haben, wo unsere Anliegen deponiert werden können und wir von allen Seiten auch Feedbacks erhalten», verweist sie auf mittlerweile 200 Mitglieder des vor einigen Wochen gegründeten Vereins. Persönlich sieht sie die Ergebnisse der «Unisono»-Runden positiv und findet vor allem die nun lancierte Toleranz-Kampagne «sehr sympathisch». Von den nun lancierten Massnahmen im Solothurner Ausgangs-Rayon erhofft sich Jutta Thellmann doch einiges – oder auf einen Nenner gebracht, meint sie: «Im Moment bin ich happy!» (ww)

Die Pantex-Leute hätten auch keine Polizei-Befugnisse wie das Aufnehmen von Personalien, sondern müssten sich bei Eskalationen oder Schlägereien über die Alarmzentrale bei der Stadtpolizei für ein Eingreifen melden. Ebenfalls sei aber der ständige Kontakt zwischen den Patrouillen und den Gastro-Betreibern ein Kriterium. «Allerdings sind wir uns der Problematik bewusst, dass jene Leute, die ihre Bier am Bahnhof kaufen und sich in den Ausgangs-Rayons aufhalten, von den Betrieben kaum unter Kontrolle zu halten sind», wies Meyer auf ein weiteres, immer häufigeres Problem hin. Recht klar abgesteckt sei jedoch das Gebiet, in dem die Patrouillen unterwegs sein werden: vom «Solheure» bis zum Postplatz und den Stalden hinauf zum Friedhofplatz sowie südlich der Aare zwischen der Hafebar und der Wengibrücke.

«Und Du?»

Nebst kleineren Massnahmen wie der Verbesserung der «bärensicheren» Abfallbehälter – sie hatten nicht einmal den Einwurf eines Pizza-Kartons zugelassen, sticht eine weitere Aktion ins Auge: die von der Solothurner Werbeagentur c&h Konzepte ausgearbeitete Toleranz-Kampagne. Auf Plakaten, aber auch Flyern und sogar Bierdeckeln oder Buttons fragen die Werber «Und du?» Trägst Du auch Sorge zur Stadt, wie es die Gastro-Betreiber in ihrer Botschaft versprechen? «Sie treten als öffentlich sichtbare Botschafter auf», erklärte Charlie Schmid als Kampagnen-Verantwortlicher. Die Ziele der Aktion: Bei den Nutzern des öffentlichen Raums erfolgt eine Verhaltensänderung und damit sinkt für die Anwohnerschaft die Belastung durch negative Emissionen spürbar. Oder zusammengefasst sollen folgende Botschaften vermittelt werden: «Die Situation ist gut. Sie soll gut bleiben. Wir verpflichten uns. Wir schauen aufeinander und - es hat Platz für alle.»

Über die nun anlaufende Aktion wurde die Anwohnerschaft – allerdings nur in der Altstadt nördlich der Aare - informiert. «Es handelt sich dabei um rund 1000 Adressen», stellte dazu Urs F. Meyer fest. Für die Massnahmen habe die Gemeinderatskommission GRK einen fünfstelligen Betrag gesprochen, «doch an den Kosten beteiligen sich auch die Gastro-Betreiber.»

«Müssen miteinander reden»

Als Botschafter oder neudeutsch Influencer werden sich die Gastro-Betreiber im wahrsten Sinne «plakativ» einbringen und ihre Gäste zu Ruhe und Anstand anhalten. Auch wenn die Skepsis bei Routiniers wie «Chutz»-Wirtin Marta Kaus hörbar gewesen sei: «Aber das mache ich doch schon seit 40 Jahren!» Doch sie ist dabei, genauso wie ein Dutzend weitere der wichtigsten Betriebe an und oberhalb der Aaremeile. «Und es werden täglich mehr», betonte der ebenfalls anwesende «Dock»-Betreiber Markus Moerler. Denn «es haben alle die gleichen Probleme, und wir müssen miteinander reden. Manchmal geht es nur um Kleinigkeiten, die – wenn sie behoben werden – eine Situation verbessern können.»

Nicht mit im Boot ist übrigens die Kulturfabrik Kofmehl. Dazu Urs F. Meyer: «Sie unterhält eine eigene Organisation. Aber selbstverständlich haben wir Pipo Kofmehls Erfahrungen abgeholt.»