Bipperlisi-Opposition

«Wenn ich die Wahl hätte, möchte ich lieber kein Bipperlisi»

Im Sommer stellte der Kanton seine Pläne für die Sanierung der Baselstrasse mit einer Doppelgleis-Variante für das Bipperlisi der Aare Seeland Mobil. In der Mitwirkung kam die Projektstudie nicht überall gut an - vor allem nicht bei den Anstössern,

Das Haus gabs schon 250 Jahre vor dem Bipperlisi. Aber da ist es wieder: Das dumpfe Grollen, das quer durch die völlig in Holz gehaltene Stube hallt. «Wir haben Risse festgestellt. Und wenn ‹es› kommt, werden wir wohl Rissprotokolle erstellen müssen.» Urs Jeger und seiner Schwester Marianne gehört der altehrwürdige Josephshof, den Venner und Seckelmeister Jakob Glutz-Ruchti ab 1643 erbauen liess. «Es» steht für den Plan, das Bipperlisi künftig doppelgleisig zu führen. Ein Vorhaben, dass das in der Liegenschaft wohnhafte Geschwisterpaar ganz direkt betrifft.

Und die ersten Erfahrungen bei der Mitwirkung mit dem künftigen Bauherrn, dem Kanton, sind nicht die besten. Ein Angestellter des Amts- für Verkehr und Tiefbau habe bei einer Diskussion gar zum roten Filzstift gegriffen und einen Strich quer durch das Gebäude auf dem Situationsplan gezogen – so viel Platz bräuchte man für eine andere Variante als das auf 2023 anberaumte Projekt. Vor Planspielen bis hin zu einem Enteignungsverfahren sowie dem Teilabbruch des Hauses und der Umfassungsmauer bewahrt Jegers nur der Schutz ihrer Liegenschaft durch die kantonale Denkmalpflege. Was eben die Planungsarbeit des Kantons in der engsten Stelle zwischen dem Haus-Ensemble und der ebenfalls geschützten St. Josephskirche so anspruchsvoll macht.

Es soll dort bleiben, wo es heute schon fährt

In ihrer mehrseitigen Mitwirkungseingabe kritisieren denn auch Marianne und Urs Jeger glasklar: «Unser Widerstand gegen das Projekt ist serh gross». Wie viele andere Anwohner auch sei man überzeugt, dass das Vorhaben «eine Verschlechterung für die Fussgänger, Velo- und Autofahrer bringt». Sie werfen den Planern des Kantons eine isolierte Betrachtungsweise und mangelnde Transparenz in Sachen weitere Ausbauschritte wie dem später anvisierten Viertelstundentakt vor. Klar sprechen sich Jegers für ein Beibehalten der jetzigen eingleisigen Steckenführung nördlich der Strasse aus. Auch sei nur auf dieser Seite ein Fuss- und Veloweg sinnvoll, beidseits - also auch im Süden - dagegen nicht. Der Grund: Beidseitige Spuren seien mit je 1,5 bis 1,6 Metern zu schmal und zu gefährlich angesichts einer Vorgabe von 2,5 Metern.

Generell komme man bei neuen Projekten wieder überall vom Mischverkehr ab – zumal das Bipperlisi mit seinen 54 Tonnen rund 15 Tonnen schwerer als ein Tram sei. Weitere Kritikpunkte sind die mangelnde Berücksichtigung der gerade im Süden vielen, unübersichtlichen Ein- und Ausfahrten oder zu erwartende Fahrplanprobleme durch Stau-Situationen. Die Geschwister sind überzeugt, dass mit heutigen, intelligenten Verkehrs-Leitsystemen ein eingleisiger Bahnbetrieb machbar sei. Ihre Schlussfolgerung deshalb: «Ein ‹einvernehmliches› Miteinander Zug - übrige Verkehrsteilnehmer ist nicht möglich.»

Zweite Spur wird als «nicht sinnvoll» erachtet

Wenig Begeisterung für das Projekt zeigen Anwalt Hermann Etter und seine Frau Ellen an der Baselstrasse 16 bis 18 für das Projekt in ihrer Mitwirkungs-Stellungnahme. Als langjährige Anwohner, welche «die aktuellen Verkehrsverhältnisse bestens kennen», erachten sie die zweite Spur für das Bipperlisi als «nicht sinnvoll». Dies aufgrund der grösseren Unfallgefahr, vermehrten Staus sowie dem «unverhältnismässigen Kostenaufwand».

Auch bezweifelt das Ehepaar, dass damit der öV attraktiver werde. Im speziellen kritisiert es die Anordnung der Haltestelle beim Stadtpräsidium unmittelbar nach dem Baseltor-Kreisel. Vorgeschlagen werden deshalb in erster Linie ein Verzicht auf die Doppelspur oder wenigstens eine Verlegung der Haltestelle vor den Kreisel an die Rötistrasse. Zudem käme die Aare Seeland Mobil mit verschiedenen Ein- und Ausfahrten von Privatliegenschaften - so auch der eigenen - ins Gehege, dies eine weitere Befürchtung. Deshalb pochen die Anstösser auf eine saubere Informationspolitik der Bahn. Zusammenfassend findet Hermann Etter das Projekt aber «völlig überrissen». Zudem sei es in planerischer Hinsicht «zu wenig durchdacht».

Befürchtungen zur bevorstehenden Bauzeit

Besonders betroffen vom geplanten Grossprojekt wäre das Restaurant/Pizzeria Sternen. Eigentümerin Yvonne Bernasconi fühlt sich in der schriftlichen Mitwirkungs-Botschaft des Kantons – sie hatte sich darin geäussert - missverstanden. «Wenn ich die Wahl hätte, möchte ich lieber kein Bipperlisi.» Aber wenn es schon saniert werden müsse, sei die Doppelspurvariante wegen des neuen, seitlichen Platzangebots für den Langsamverkehr «vielleicht die beste Lösung».

Die grössten Befürchtungen für ihren Betrieb hegt sie jedoch während der die Bauzeit, die zwei Jahre dauern könnte. Auch für sie ist eine seriöse Informationspolitik der Bauherrschaft deshalb ein ganz wichtiger Punkt. «Kürzlich war plötzlich die Durchfahrt bei uns gesperrt, weil auf der Kreuzung etwas repariert wurde. Und das abends um halb sieben! Wir wurden darüber aber nicht informiert» – und ihr Sohn habe deshalb die Gäste kurzfristig vorwarnen müssen.

Die Zufahrt muss freigehalten werden

Sorgen macht sich auch Rechtsanwalt Raoul Stampfli, der mit seiner Frau Maja den altehrwürdigen Benziger-hof, von ihnen liebevoll Gätterli genannt, bewohnt. Das Sommerhaus mit seinem grossen Park aus dem 17. Jahrhundert steht exponiert direkt an der Südostecke des Baseltorkreisels und so fürchtet das Besitzer-Ehepaar vor allem um die einzige Erschliessung, der Zufahrt direkt ab der Baselstrasse. Diese müsse weiter auch für schwerere Lastfahrzeuge zum Unterhalt der weitläufigen Liegenschaft und ihrer Versorgung gewährleistet sein, was aber aufgrund der Haltestellen-Planung dort und der befürchteten Feierabendstaus beim Kreisel so kaum möglich sein dürfte. In diesem Zusammenhang spricht Stampfli von «verkehrstechnisch katastrophalen Folgen», die zu befürchten seien.

Auch wehrt sich die Familie Stampfli gegen eine Vergrösserung des bestehenden Wartebereichs vor den Liegenschaften Baselstrasse 8 und 10, da dieser aufgrund von Litterung und Nachtlärm bereits eine Problemzone sei. Deshalb regt Raoul Stampfli gar den Wiedererwerb von einstigem Vorgelände zur Baselstrasse hin an. «Wir würden diese Fläche begrünen, was stadtplanerisch ökologisch und sinnvoll ist.».

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Autor

Wolfgang Wagmann

Wolfgang Wagmann

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