Stadtbummel
Und dann kam der Matsch

Judith Frei
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Nur noch kleine Berge erinnern an die Pracht.

Nur noch kleine Berge erinnern an die Pracht.

Hanspeter Bärtschi

Es schneit. Feine Schneeflocken fallen schnell vom Himmel, die Strassen werden weisser, die Strassenlaternen sehen so aus, als ob sie Hüte tragen, die parkierten Autos tragen weisse Anoraks – es sieht so aus, als ob sich die Stadt verkleidet hat. Plötzlich erscheint alles heller, auch wenn die Sonne hinter den dicken Wolken versteckt ist.

Dabei sieht die Stadt nicht nur anders aus, sondern die Geräuschkulisse ist auch eine andere: Der Schnee knirscht unter meinen Füssen und unter den Autorädern, der Schnee verschluckt den Motorenlärm. Die Flocken fallen lautlos auf den schon daliegenden Schnee, nur dumpfe Geräusche sind hörbar.

Fast lautlos wird es in der Stadt. Meine Ohren müssen kaum arbeiten, während meine Augen nicht nachkommen, die sich verändernde Umgebung zu beobachten oder sich gegen die in die Augen fliegenden Flocken zu schützen.

Jedes Jahr schneit es auch bei uns im Flachland. Jedes Jahr empfinde ich es wieder als ein Spektakel. Ich könnte Stunden damit verbringen, dem Schnee zuzuschauen. Gerne würde ich eine Schneeballschlacht anzetteln oder einen Schneeengel machen.

Ich bin eine mittelmässige bis schlechte Ski-Fahrerin, doch gerne würde ich mir jetzt Skier anschnallen und über eine Piste flitzen oder mit einem Davoser im Karacho den Hang runterrasen.

Nicht nur mich überkommen plötzlich wieder diese Gefühle, die man aus der Kindheit so gut kennt. Auch mein Arbeitskollege schmiedet Pläne, wo er für seinen Sohn einen Skilift installieren soll, und hofft, dass der Schnee möglichst lange liegen bleibt.

Dieser Ausnahmezustand wird dadurch verstärkt, dass die Züge nicht mehr pünktlich sind und sich die Autos wegen Unfällen auf den Strassen stauen. Auch der Weg zum Auto oder zum Bahnhof wird zur Herausforderung, jeder Fusstritt wird bedacht gemacht.

Und dann ist die weisse Pracht auch wieder verschwunden. Wie nach einem Rausch der Kater hinterlässt auch der Schnee seine Spuren: Am Wegesrand türmt sich eine Mischung aus Schnee und Schmutz, der Strassenlärm ist jetzt lauter, wenn die Autos durch den Matsch fahren, und der Regen prasselt auf den Boden. Trotz diesem schmerzhaften Erwachen hoffe ich, dass es doch nicht der letzte Schnee des Jahres war.