Stadt Solothurn
Das Kunstmuseum Solothurn zeigt Meret Oppenheims Arbeiten auf Papier

Freiheit war ihr das höchste Gut. Das widerspiegelt sich in den vielfältigen Werken von Meret Oppenheim. Mit der Ausstellung geht ein langgehegter Wunsch des abtretenden Museumsdirektors Christoph Vögele in Erfüllung.

Vanessa Simili
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Exotische Frucht aus dem Jahr 1983, Ölkreide auf Papier.

Exotische Frucht aus dem Jahr 1983, Ölkreide auf Papier.

© 2021 ProLitteris, Zürich, Foto: Flavio Karrer

Es ist die Vielfalt ihrer Stile, die Kurator und Museumsdirektor Christoph Vögele mit der Ausstellung von Zeichnungen, Gouachen und Aquarellen im Graphischen Kabinett des Kunstmuseums Solothurn zeigt. «Für Meret Oppenheim war Stil vergleichbar mit einem Kleid, das man passend zu einem Anlass anzieht», sagt er.

Die umfangreiche Sammlung an Zeichnungen zeigt auf: Die Konsistenz von Oppenheims Werk ist jenseits eines Stils, einer einzigen Handschrift zu finden. Zu klein und eng gefasst wäre ein solcher Anspruch in Anbetracht der Fülle und Grösse ihrer Persönlichkeit. «Ein Blatt Papier ist ebenso schnell bezeichnet wie weggeworfen und ersetzt. Ein mögliches Scheitern ist jederzeit erlaubt; daraus wächst eine Freiheit, die Meret Oppenheim suchte und lebte», so Vögele.

Grenze zwischen Physischem und Metaphysischem

Tatsächlich lassen die Zeichnungen eine wendige, humorvolle und geistreiche Künstlerin erkennen, die ganz bewusst das Un- und Unterbewusste in ihr Schaffen integrierte. Die fragile Grenze zwischen Physischem und Metaphysischem ist dabei stets präsent.

«Von Meret Oppenheim wissen wir, dass sie auch ihre Träume als Teil der Wirklichkeit auffasste», so Vögele weiter. Bereits mit 14 Jahren habe sie ihre Träume schriftlich festgehalten – ihr Vater Erich Oppenheim, ein Landarzt, war mit C.G. Jung befreundet.

Auch die Spirtitualität ihrer Grossmutter Lisa Wenger (1858-1941) sei für Meret Oppenheim prägend gewesen, weiss Vögele. Aus Briefen gehe hervor, dass okkulte Praktiken wie beispielsweise Tischerücken ihr nicht fremd waren. Vor diesem Hintergrund verstehen sich denn auch Oppenheims Zeichnungen als persönliche und präzise Notizen ihrer Wahrnehmung, ihrer Wirklichkeit.

Minutiös beobachtet, präzis gezeichnet

Die Ausstellung zeigt nicht nur schnelle Arbeiten, die mit sicherer Linienführung zügig und fern jeden Zweifels entstanden zu sein scheinen, sondern auch sorgfältige und minutiös beobachtete Zeichnungen, etwa die «Rose im Glas» von 1932.

Besonders eindrücklich sind zwei Blätter von 1959: «Meine Mutter auf dem Totenbett». In feinster Bleistifttechnik modelliert, einer leichten Berührung mit den Fingerspitzen ähnlich, ertastet sie die Gesichtszüge ihrer toten Mutter ein letztes Mal. Auf der zweiten Zeichnung, wie durch einen unsichtbaren Schleier von der Zeichnerin getrennt, hebt sich das Profil scharf vom Hintergrund ab. – Das unbeseelte Gesicht hier mehr Maske als Antlitz. Nur wenige Stunden müssen zwischen der ersten und der zweiten Zeichnung verstrichen sein.

«Meine Mutter auf dem Totenbett» aus dem Jahr 1959.

«Meine Mutter auf dem Totenbett» aus dem Jahr 1959.

© 2021 ProLitteris, Zürich, Foto: Andrea Giovetto, Lugano

Meret Oppenheim (1913-1985) ist auf eine besondere Art und Weise mit Solothurn verbunden. Nicht zuletzt war es die gross angelegte Retrospektive von André Kamber (1932–2021) – 1974 im Museum der Stadt Solothurn zu sehen –, welche der Rezeption der Künstlerin Aufwind brachte.

«Ich war getrieben von Neugier nach diesem Werk und auch von der Ambition, das damalige Gerede zu widerlegen, Meret habe neben der Pelztasse doch kein wesentliches Werk geschaffen», schreibt Kamber 2002 an Oppenheims Nichte Lisa Wenger, die heute in Oppenheims Haus in Carona lebt und die für die aktuelle Ausstellung Werke aus ihrem Privatbesitz zur Verfügung gestellt hat. Dass Oppenheims Pelztasse 1974 in Solothurn ausgestellt war, sei hier nur am Rande festgehalten.

Christoph Vögele, Direktor des Kunstmuseums Solothurn.

Christoph Vögele, Direktor des Kunstmuseums Solothurn.

zvg

«Meret Oppenheim. Arbeiten auf Papier» im Kunstmuseum Solothurn bildet den Schlusspunkt der Zeichnungsreihe, die der abtretende Museumsdirektor Christoph Vögele 2002 mit der Ausstellung Sophie Täuber-Arp ins Leben rief. Vögele sagt beim Gespräch in der Ausstellung:

«Merets Zeichnungen zu zeigen ist ein langes Desiderat von mir.»

Nach Jahren der Vorbereitung habe er nun alle grossen Zeichner, die eng mit dem Haus verbunden sind, zeigen können. 18 der 100 ausgestellten Werke von Meret Oppenheim stammen aus der Sammlung des Kunstmuseums Solothurn, ein grosser Anteil hat das Kunstmuseum Bern als Hauptleihgeber für diese Ausstellung beigesteuert. Nicht zuletzt sind auch noch nie gezeigte Originale aus privaten Sammlungen zu sehen.

Die Schau ist bis am 27. Februar 2022 als Satellit zur Retrospektive «Meret Oppenheim. Mon exposition» im Kunstmuseum Bern zu sehen. Gleichzeitig ist bei Scheidegger und Spiess der 188-seitige Katalog «Meret Oppenheim. Arbeiten auf Papier» erschienen. Er versammelt Texte von Simon Baur, Anna Bürkli, Katrin Steffen und Christoph Vögele. Gewidmet hat ihn Christoph Vögele seinem Vorgänger André Kamber, der bei seinem Tod zwar von der Ausstellung wusste, sie aber nicht mehr sehen konnte.

Am 11. Januar 2022, um 12.15 Uhr, findet der Kunst-Lunch mit Christoph Vögele statt, über Neuerwerbungen in der aktuellen Sammlungspräsentation. Anmeldung unter 032 624 40 00 oder kmaufsicht@solothurn.ch.

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